DER SPIEGEL 6/2005 - 05. Februar 2005
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China
 
Die Stadt der Mädchen

Von Ullrich Fichtner

Sie sind aus Dörfern geflohen, in denen Töchter nichts gelten, jetzt bauen sie Kühlschränke und Kopiergeräte und wehren sich nicht gegen schlechten Lohn. Das Wirtschaftswunder von Shenzhen wird von jungen Frauen gemacht - ein Ort der Träume, heißt es in der Provinz.

Sonderwirtschaftszone Shenzhen: Versuchslabor der Bereicherung
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Sonderwirtschaftszone Shenzhen: Versuchslabor der Bereicherung
Shenzhen liegt da auf den ersten Blick genau wie im Trailer des Lokalfernsehens, ein jagender Videoclip über Wolkenkratzern und zehnspurigen Expressways, ein Bilderbogen aus Festbanketten und Feuerwerken, ein Moloch, durchglüht von Neonschriften und roten Papierlampen, zersiedelt in Industriecluster und Messekomplexe, die Küste entlang zerfranst in endlose Hafenanlagen und ins Land hinein staubige Suburbs: So sieht die Stadt der Mädchen aus.

Ihnen gehört Shenzhen, sie machen den Boom, sie machen die Stadt. Durchschnittlich 15 Prozent Wirtschaftswachstum jedes Jahr, seit 20 Jahren, das ist vor allem ihre Bilanz, die Bilanz der Frauen, der Mädchen; ganz unten spielen ihre Geschichten und ganz oben, wenn sie viel Glück haben, und dazwischen liegt die unübersichtliche Wirklichkeit des neuen China.

Es sind Mädchen wie Tang Shuzhen, ein blasses Ding mit toten Augen, von früh am Morgen bis spät in die Nacht treibt sie 2000 Bodenschrauben in 2000 Kaffeemaschinen, sieben Tage die Woche, für 500 Yuan, umgerechnet 45 Euro Monatslohn. Ihre Abende sind ein einziger Kampf um eine Pritsche im Schlafsaal auf dem Fabrikgelände, aber Tang Shuzhen sagt: "Es ist alles meine Schuld. Ich habe meinen Platz in der Welt noch nicht gefunden."

Mädchen wie Nummer 109, die eigentlich Xu Wenli heißt und in einem Massagepalast am Lo-Wu-Grenzübergang zu Hongkong sieben Tage die Woche die "Morgenschicht" bestreitet, von acht Uhr früh bis acht am Abend, Stundenlohn 54 Cent, und die ihr Leben mit niemandem tauschen würde, niemals, außer mit Den Li Din vielleicht, der zarten Schlagerkönigin Chinas, deren zuckrige Lieder traurige Herzen erwärmen.

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Mädchen machen Shenzhen. Sie stecken Plastikköpfe an Plastikpuppen, sie ziehen lederne Uhrarmbänder durch Gerbsäuren, sie stanzen Profil in Turnschuhsohlen, sie schneiden Gummileisten für Kühlschranktüren, sie polieren Glasscheiben für Kopiergeräte, sie verkaufen im Getümmel der Elektronik-Discounter in Hinterzimmern raubkopierte DVDs, und im Futian-Bezirk füttern sie abends, in kleinstadtgroßen Karaoke-Schuppen, ihren Tischherren Oliven und Salzfischchen in den Mund. Und dabei sagen sie, nach ihrem Leben befragt: "Ich habe Glück. Ich bin hier. Ich bin in Shenzhen. In Shenzhen!"

Im Mai 2003 meldete die chinesische "Worker's Daily", dass in Shenzhen und seinen Industrievororten 5,5 Millionen Wanderarbeiter am Werk seien, davon 70 Prozent Frauen. In Nanshan, dem Hightech-Revier im Westen der Stadt, seien von 400.000 zugewanderten Arbeitern 80 Prozent

Frauen mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren. Sie sind geschickt, geschickter als Männer. Sie konzentrieren sich gut und lange. Sie sind fleißig. Sie mucken nicht auf. Überall sind sie am Werk.

Ein gewaltiges Werk: Made in Shenzhen sind nach Angaben der Stadt mittlerweile 70 Prozent aller weltweit produzierten Fotokopiermaschinen, 80 Prozent aller Plastikchristbäume. Die Stadt steht für ein Drittel aller in China hergestellten Kühlschränke, die Hälfte aller Videorecorder, 80 Prozent aller Telefone, und nimmt man die Nachbarstädte dazu, das ganze Perlflussdelta, so ist hier die Rede vom größten Produktionskomplex für Industrieprodukte weltweit.

In Branchen wie der Taschenindustrie, in den Spielzeugfabriken, in den gigantischen Fälscherwerkstätten für Uhren, Schmuck, Koffer, Schuhe und Elektronik, überall, wo es um feinere Mechanik und kleinere Handgriffe geht, kann sich das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Arbeitern hochschrauben auf 50 zu 1.

Arbeiterinnen in einer Näherei: Sie sind fleißig, geschickt und mucken nicht auf
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Arbeiterinnen in einer Näherei: Sie sind fleißig, geschickt und mucken nicht auf
Es heißt, unter dem Strich kämen in Shenzhen sieben Frauen auf einen Mann. Vollends verlässliche Zahlen sind das nicht. Aber der Blick in die Straßen, in die Shopping-Malls und Fußgängerzonen, in die Fabrikhallen und Werkstätten zeigt: Sie sind überall, und überall sind sie in der Überzahl. Shenzhen ist die Stadt der Frauen.

Man sieht sie gehen am frühen Abend am Citic City Plaza und rund um das Seibu-Kaufhaus mit seinem Starbucks-Kaffeeladen und der Häagen-Dazs-Eisdiele, auf den vielfach verschlungenen Fußgängerbrücken am Grenzbahnhof von Lo Wu, im Gewirr der nahen Ladenpassagen rund um die 1990 eröffnete erste McDonald's-Filiale auf chinesischem Boden: Sie gehen in kichernden Gruppen zu 10, zu 20, und manchmal, wirklich, ist auf Spaziergängen durch die Straßen der Stadt minutenlang kein Mann zu sehen.

Die große Sternwanderung der Mädchen auf Shenzhen begann, als Deng Xiaoping die Bereicherung zum Dogma und 1980 Shenzhen zu Chinas kapitalistischem Versuchslabor erklärte. Spätestens Mitte der achtziger Jahre hatte diese Botschaft auch das letzte Bergdorf erreicht, und aus allen Teilen des Landes, aus Hunan und Sichuan, aus Hubei, Jiangsu und Jiangxi machten sich, wie in einem alten Märchen, die Bauerntöchter auf ins Perlflussdelta, in die neue Sonderwirtschaftszone, in ein besseres Leben, wo nicht überhaupt: in ein Leben.

Sie wurden geschickt von Familien, in denen Töchter nicht viel und Söhne noch immer alles gelten. Sie kamen aus Dörfern, wo weiblicher Nachwuchs bis heute als Katastrophe empfunden wird, weil die Söhne noch immer als spätere Ernährer der Eltern heilig gehalten werden.

Zahlreich sind die Berichte über die grauenhaften Effekte der Ein-Kind-Politik, zu zahlreich, um allesamt erfunden zu sein. In Chinas endlosem Hinterland werden Töchter gleich nach der Geburt wie überzählige Katzen ersäuft, Säuglinge mit dem falschen Geschlecht bis zum frühen Kindstod vernachlässigt. Seit schwangere Frauen auch auf dem Land mehr und mehr in den Genuss von Ultraschalluntersuchungen kommen, häufen sich gezielte Abtreibungen.

So mächtig ist die Praxis der Töchtervermeidung, dass sich in China das Geschlechterverhältnis bei den Geburten gefährlich zugunsten der Jungen verschoben hat. Landesweit kommen auf 100 geborene Jungen nur noch 85 Mädchen, in vielen Provinzen sind es noch viel weniger. Es werden in China, das steht schon heute fest, in Zukunft die Mütter fehlen.

Die Staatsführung zu Peking hat im vergangenen Sommer Kampagnen gestartet, um die ungeliebten Mädchen aufzuwerten. Länger schon erhalten Paare, die als Erstling eine Tochter bekommen, das Recht auf ein zweites Kind, um so die einmal geborenen Mädchen zu schützen. Aber ländliche Traditionen und Glaubenssätze sind nicht per Dekret zu ändern. Bis auf weiteres gilt, dass Mädchen nichts gelten. Dass Mädchen weggeworfen werden, für behindert erklärt, von korrupten Beamten als gestorben gemeldet, an Menschenhändler verkauft. Mädchen werden fortgeschickt.

Mädchen gehen nach Shenzhen. Die Stadt ist für Chinas Töchter zum Ort der Träume geworden, eine Art New York am Südchinesischen Meer. In den Dörfern fern der Küste klingt der Name wie eine paradiesische Verheißung. Shenzhen ist für Chinas junge Frauen ein Ort, an dem sie gebraucht werden könnten. Wo eine Chance liegt. Wo Unmögliches möglich wird.

Mädchen 109 aus dem Massagepalast willigt ein zu einem Abendessen. Sie bringt zur Sicherheit auch Mädchen 28 mit und Mädchen 71, sie schlagen eine Garküche um die Ecke vor, der Weg dorthin führt vorbei an vermüllten Hauseingängen, vor denen alte Frauen mit schlechten Zähnen und Fotoalben stehen. Die Fotoalben sind die Menükarten ihrer Bordelle. Seite um Seite Passbilder von blassen Gesichtern, die von geplatzten Träumen erzählen. Die Alten locken, sie blättern ihren Hurenkatalog vor, sie flüstern: "Girls!", "Mister!", "Very young!", "No Aids!"

109, 28 und 71 wimmeln die Zuhälterinnen mit bösen Gesichtern und ins Tiefe verstellten Stimmen ab. Dann entschuldigen sie sich sehr für die Szene. Sie hätten, sagen sie, unbedingt einen anderen Weg nehmen müssen. Sie hätten den Besucher fern halten müssen von diesem Unrat. Sie fragen, ängstlich, ob die Einladung zum Abendessen jetzt überhaupt noch steht.

"Girls!", "Mister!", "Very young!", flüstern Kupplerinnen und versprechen der Kundschaft: "No Aids!"


Bei Tisch, über Tellern mit Krebsen und Pfahlmuscheln, gurgelnden Fleischtöpfen und winzigen Aalen, erzählen sie ihre Geschichten. Von ihren Zwölf-Stunden-Tagen ohne Pause, ohne Urlaub, ohne Rast. Vom einen freien Tag pro Monat, der meist verschoben und dann gestrichen wird. Von ihrer Sorge, dass sie zu früh ihr Qi verlieren, ihre Lebensenergie, ihre Kraft zur guten Massage.

Nummer 109, Xu Wenli, ist eben 19 geworden, sie ist ein dünnes Kind an der Grenze zur Unterernährung und trägt im Gesicht noch die Spuren der Pubertät. Mit 16 kam sie nach Shenzhen. Die Zugfahrt hierher aus ihrem Dorf weit im Westen dauerte 37 Stunden. Sie liebt die Stadt. Sie will nie wieder fort. Sie findet, eigentlich, dass eine Woche Jahresurlaub genug ist.

Im Massagepalast, der die vierte und fünfte Etage eines gewaltigen Hausblocks in Nachbarschaft zum Turm des Shangri-La-Hotels füllt, arbeiten 300 Mädchen in drei Schichten rund um die Uhr. Es gibt für sie einen engen Aufenthaltsraum, in dem ein Fernseher steht. Über der Tür hängt ein Lautsprecher, aus dem ihre Nummern aufgerufen werden, wenn Kundschaft kommt. Die Mädchen warten nervös auf diesen Ruf. Sie verdienen nur, wenn sie arbeiten. Die Wartezeiten werden ihnen abgezogen vom Lohn.

Es geht hier nicht um bezahlten Sex. Es geht um Hausfrauen, die sich nach Einkäufen und Behördengängen die Füße massieren lassen, oder um Reisende, die sich die Zeit bis zur Abfahrt ihrer Züge mit Hand- und Kopfmassagen verkürzen. Drei Stunden Massage bei Mädchen 109 kosten 90 Yuan, das sind acht Euro, sie sieht davon 54 Cent die Stunde. Gute Arbeit, sagt sie. Sklavenarbeit? Sie lacht über die Frage. Sie ist verwundert über die Idee. Eine Sklavin? Nein. Das einzig Schlimme, sagt sie, sei die Uniform, die sie bei der Arbeit tragen müsse.

Es gibt zwei Garnituren, eine in Türkis mit rotem Kragenfutter, eine in Rosa mit grünen Streifen. In beiden fühlt sich Mädchen 109, Xu Wenli, sehr hässlich. Sie möchte aussehen wie die Girls aus den Seifenopern des Hongkonger Fernsehens. Dünn. Reich. Traurig. Immer verliebt. Und sie möchte ein eigenes Zimmer, irgendwann. Und einen Freund. Im Moment teilt sie sich eine Wohnung mit zwölf Kolleginnen, eine Zweizimmerwohnung voll gestellt mit Stockbetten.

Aber das Leben kann schön sein. Es gibt Kunden aus Hongkong, die als Trinkgeld nagelneue Handys verschenken. Oder Ausländer, die zehn Dollar extra geben. Zehn US-Dollar! Die Mädchen, 109, 28 und 71, keines von ihnen ist älter als 20, sie beginnen zu schnattern untereinander. Der Übersetzer sagt: "Sie streiten sich darüber, was wichtiger ist: das Geld oder die Liebe." Das Gespräch dauert lange. Der Übersetzer sagt: "Sie sind sich nicht sicher."

Ganz in der Nähe, im ersten Stock über der HSBC-Bank nahe der Grenze zu Hongkong, findet sich, hinter Rauchglasfenstern, das Restaurant "Laurel". Es gibt im Gebäude auch eine kühl möblierte Discothek mit bulligen Türstehern und noch weiter oben eine Bar, wo alles aussieht, als wäre es aus Eis geschnitzt. Ins Laurel führen die Männer aus Hongkong ihre Nebenfrauen aus Shenzhen zum Essen aus. An den Tischen sitzen fast ausschließlich Paare, ein sehr ungewöhnliches Bild für China, wo das Essen zu den Hochämtern des Familienlebens zählt. Das Laurel ist kein Laden für Familien. Es ist eine Bühne für den gepflegten Ehebruch. Zwischen den Männern und den Frauen besteht in der Regel ein Altersunterschied von geschätzt 30 Jahren.

Manche Chefs schlagen die Mädchen, wenn sie etwas falsch machen, oder lassen sie stundenlang knien.


Hongkong-Chinesen sind leicht zu erkennen an der besseren Kleidung, an den Haarschnitten, an der Körpersprache. Sie unterscheiden sich von den anderen Festlands-Chinesen ungefähr so wie die Westdeutschen von den Ostdeutschen kurz nach dem Mauerfall. Kleine, kulturelle Unterschiede markieren großen Abstand. Und wie manche Westler damals in Deutschland, so glauben viele Hongkonger heute in China, sie könnten Tag und Nacht die Puppen tanzen lassen.

Im Laurel lassen sie französische Rotweine bringen, sie bestellen aus der Karte mit "Western Food" und essen zum Auftakt, was chinesische Köche für Spaghetti Vongole halten. Es ist leicht, die Mädchen von Shenzhen zu beeindrucken. Ein Abendessen im Laurel kostet ungefähr viermal so viel, wie sie in einem ganzen Monat verdienen. Das macht es schwer, die Frage von Geld oder Liebe zu entscheiden. Es ist schwer, einen Platz im Leben zu finden als "Dagongmei".

So wurden die Wanderarbeiterinnen schon bald nach dem Aufbruch in den Kapitalismus gerufen, und es war nie besonders nett gemeint. "Mei", das heißt so viel wie jüngere Schwester oder Mädchen. "Dagong", das heißt seine Arbeitskraft verkaufen. Arbeitsschwestern. Arbeitsmädchen. Das ist der Titel der Frauen von Shenzhen. Er bedeutet, erstens: Du bist nichts und jederzeit austauschbar. Und zweitens: Vielleicht schaffst du es trotzdem.

Fußgängerzone von Shenzhen: Magnet für Millionen von Mädchen in der Provinz
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Fußgängerzone von Shenzhen: Magnet für Millionen von Mädchen in der Provinz
Nach Pinghu ist es eine gute Stunde Fahrt von Downtown Shenzhen, der Suburb liegt "außerhalb des Zauns", wie sie hier sagen, denn Shenzhen ist eingehegt auf 167 Kilometer Länge, Sperranlagen, von Stacheldraht gekrönt, begrenzen die eigentliche Sonderwirtschaftszone, und man kommt nur mit Passkontrollen hinein. Grob gesagt liegen außerhalb des Zauns die Fabriken und Sweatshops, und innerhalb des Zauns liegen die Glaspaläste, in denen sie verwaltet werden.

In Pinghu stellt sich Tang Shuzhen, die eigentlich 2000 Bodenschrauben in 2000 Kaffeemaschinen treiben müsste, für ein Foto vor das Werkstor ihrer Fabrik. Sie steht schief und unsicher, und sie sieht sehr unglücklich aus. Sie hat einen Todesfall in der Verwandtschaft erfunden, um den Nachmittag frei zu bekommen, nun hat sie Angst, dass einem Verwandten wegen ihrer Lüge wirklich etwas zustoßen könnte. Aber sie will ihre Geschichte erzählen, sie muss. Sie mag die Stadt der Frauen nicht.

Tang Shuzhen erreichte Shenzhen am 12. Februar 2000. Wie alle Frauen hier kennt auch sie das genaue Datum ihrer Ankunft, keine hat den großen Tag vergessen, den Beginn eines neuen Lebens, schnell, hart, echt, neu und Zukunft überall. Tang Shu- zhen hatte im Gepäck zwei Hemden in einem Stoffbeutel und große Erwartungen, sonst hatte sie nichts.

Sie war 18. Ihr erster Job führte an eine Maschine, mit der Kabelstränge verdrillt wurden, eine sehr gefährliche Maschine. Manchmal sprangen die Drähte wie Peitschen aus den Halterungen und schlugen tiefe Wunden, manchmal gerieten Mädchen mit den Haaren ins Räderwerk und verletzten sich schwer.

Tang Shuzhen blieb unversehrt. Sie schlief in einem engen Zimmer zu zehnt mit anderen Arbeiterinnen, auf dem Flur fanden sich für 100 Leute sechs Waschbecken. Genug für die "Provinzkürbisse", wie der Chef, ein Koreaner, seine Mädchen rief.

Wenn sie Fehler machten, gab es Lohnabzug. Für das Kantinenessen nahm er 2 Yuan pro Tag, 60 Yuan monatlich, die vom Lohn, 500 Yuan, 46 Euro, abgezogen wurden. Tang Shuzhen dachte trotzdem, sie hätte es schlechter treffen können. Von anderen Mädchen hörte sie Geschichten, dass manche Chefs ihre Arbeiterinnen stundenlang knien ließen als Strafe für Fehler, und dass sie Schläge verteilten aus Lust.

Aber dann nahmen die Unfälle zu. In ihrem dritten Jahr in Shenzhen hagelte es Unglücke, 35, 40 Mädchen in ihrer Fabrik verloren einen Daumen, ein Ohr, ein Auge. Einen Werksarzt gab es nicht. Es gab Erste-Hilfe-Koffer mit Pflaster und Verbandszeug. Das nächste Krankenhaus lag zehn Kilometer entfernt.

Tang Shuzhen verließ die Fabrik, nachdem ein springendes Kabel ihre Hand traf und tief in ihren Daumen schnitt. Jetzt wollte sie studieren. Aber sie hatte kein Geld dafür. Sie verliebte sich in einen Cousin, der als Ingenieur in einer der Fabriken arbeitete. Er nahm sie zu sich für ein halbes Jahr, dann warf er sie hinaus.

Tang Shuzhen lernte die Stadt der Frauen hassen. Sie wusste nicht, wohin. Sie dachte über das Leben nach. Sie las in der Zeitung, dass China ein kommunistisches Land sei, ein Land der Arbeiter und Bauern. Aber sie verstand nicht, was das hieß. Sie ist verwirrt. Sie fragt, heute, vor dem Werkstor in ihrer Fabrik, ob es sein könnte, dass der Kommunismus eigentlich im Westen herrsche und nicht in China. Die Frage ist nicht ironisch oder klug gemeint. Tang Shuzhen sagt: "Im Westen geht es allen gut. Das ist doch Kommunismus? Oder ist es nicht so?"

13 Jahre ist es her, dass Deng Xiaoping 1992 in Shenzhen, im 49. Stockwerk des Büroturms namens International Foreign Trade Center stand, 160 Meter hoch, der erste und lange Zeit höchste Wolkenkratzer Chinas. Es war ein stolzer Moment in der Geschichte der Stadt, er ist noch heute auf verblassten Großdias im Foyer des Drehrestaurants festgehalten, Deng sagte, Shenzhen solle das Modell für Chinas blühende Zukunft sein.

"Mao hat groß gedacht", sagt die Managerin. "Er gibt mir Kraft, wenn ich an meinen Träumen zweifle."


Schwer zu sagen, ob Deng ahnte, dass die Stadt zum Magneten für Mädchen werden könnte, dass sie es sein würden, die den höchsten Preis für Chinas Fortschritt zu zahlen hätten. Drunten lagen damals noch Hütten, Fischteiche, enge Viertel voller Garküchen und wirrer Basare.

Heute geht der Blick von hier oben nach allen Seiten auf eine ausufernde Großstadt. Auf 190 Hochhäuser, darunter die 384 Meter hohen Doppeltürme des Di Wang Commercial Centers, und nur in Richtung Hongkong, über den Shenzhen-Fluss, ist die Sicht frei in weiches Hügelland. Von hier oben glänzt Shenzhen. Von hier oben lassen sich die anderen Geschichten erzählen, Geschichten von Frauen, die abseits von Fließbändern und Fabriken spielen.

Die von Pauline Li etwa, die sich durchgeschlagen hat im Existenzkampf und die nun im 527-Zimmer-Turm des neuen Hilton an der Jiabin Road mit 20 Untergebenen die PR-Arbeit macht.

Oder die von Nicole Lee, die mit einem Laptop in der Handtasche für die IT-Firma Openet als Betreuerin großer Geschäftskunden Südchina und Hongkong bereist.

Es gibt auch diese Geschichten in der Stadt der Frauen, jene von Li Tongpin, die sich hochgeschuftet hat vom Serviergirl in Discotheken an die vornehme Nongling Road, wo ihr heute, direkt neben dem glitzernden Büroturm der für Korruptionsfälle zuständigen Staatsanwaltschaft, einer der großen Läden für gebrauchte Autos gehört; 80 Spitzenklassewagen jederzeit, Mercedes, Audi, Volkswagen, und dazu zwei Empfangsdamen und vier Verkäufer in Uniform.

Und da ist Dai Weis Geschichte, die auch ein Mädchen war, als sie ankam 1984 in Shenzhen, und die den Aufstieg geschafft hat zur Managerin, zur Präsidentin eines Imperiums von Elitekindergärten, in denen schon Zweijährige Englisch lernen und an Computer gesetzt werden für 1500 Yuan Monatsgebühr, drei ganze Arbeiterlöhne.

Dai Wei ist eine großgewachsene Frau von 40 Jahren mit einem sensiblen Gesicht und einer Ponyfrisur wie mit dem Rasiermesser geschnitten. Sie trägt eine exquisite weiße Bluse mit roter Stickerei, die ungefähr so aussieht, als hätte Gucci die chinesische Tracht neu interpretiert. Dai Weis Ratschläge für die Mädchen von Shenzhen lauten: "Hart arbeiten, geduldig sein, gute Manieren haben, geben, lieben."

Zwölf Kindergärten verwaltet sie schon, eine Filiale in Shanghai hat soeben eröffnet, bald werden weitere folgen. Regelmäßig verschickt sie an alle Eltern und Erzieher einen Newsletter mit erbaulichen Gedanken, die sich um das Kindeswohl drehen und sehr individualistisch, sehr kapitalistisch, bürgerlich, insgesamt vollendet westlich klingen.

Natürlich, Dai Wei war nie eine hergelaufene Arbeitsschwester vom Land. In Qingdao, weit im Nordosten am Gelben Meer, fiel sie auf als brillante Literaturstudentin, eine Tochter von Beamten, und sie wurde von den Talentsuchern der Partei für den Hoteldienst bestimmt. Und doch war sie, als sie ankam damals in Shenzhen, nur ein chinesisches Mädchen mit ein paar Träumen und ein paar Hoffnungen. In Shenzhens Stadtviertel Shekou arbeitete sie sich hoch im Hotel Nan Hai von der Rezeption ins Chefbüro. Und Anfang der neunziger Jahre nahm sie Deng Xiaoping beim Wort und gründete ihren ersten Kindergarten.

Sie kann noch immer Shakespeare zitieren und Victor Hugo, und sie liebt die Romane von Balzac. Aber sie kann genauso gut mit großen Ziffern umgehen. Sie zahlt sich selbst, freimütig reden alle Chinesen übers Geld, 1,5 Millionen Yuan Präsidentinnengehalt pro Jahr, umgerechnet 139.000 Euro oder 250-mal mehr, als eine Fabrikarbeiterin verdient. Sie ist angekommen, ganz oben.

Ihr Büro ist dekoriert wie eine Pralinenschachtel. Auf den Aktenschränken posieren ausgestopfte Fabeltierchen neben Seidenblumen, an der Wand Kindermalereien und mittendrin, groß, dominant, auf blauem Grund - ein Porträt von Mao.

"Sie wundern sich über Mao?", fragt Dai Wei. "Ich fühle, dass er mich unterstützt. Er hat groß gedacht. Auch ich will groß denken. Ich brauche seine Unterstützung. Er gibt mir Kraft, wenn ich an mir und meinen Träumen zweifle." Vor der Tür, beim Abschied, hält ein weinroter Jaguar mit Chauffeur. Er bringt Dai Weis Tochter. Sie ist neun und trägt ein Prinzessinnenkleid aus viel Tüll. Auch ein Mädchen aus Shenzhen.

Ein Mädchen aus dem neuen China. Sie wird Shenzhen ungefähr so kennen lernen, wie es im Trailer des Lokalfernsehens aussieht. Als ein Märchen aus Feuerwerken und Festbanketten, voll gestellt mit Wolkenkratzern, zerschnitten von Expressways, durchglüht von Neonschriften und roten Papierlampen. Sie wird nicht viel wissen von den Mädchen außerhalb ihrer Welt, außerhalb des Zauns, sie wird ihnen kaum begegnen, den Arbeitsschwestern, den Dagongmei, und so wird sie nie besonders viel wissen müssen von ihren Sorgen, ihrem Heimweh, ihrer Einsamkeit in Shenzhen, der Stadt der Mädchen.
 

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