Hartmann Texte
Text als pdf

Detlef Hartmann

Was tun mit Kommunismus? Mitkämpfen!

Die Chancen der sozialen Weltrevolution in der Krise der Innovationsoffensive

Ich glaube noch immer, dass die Perspektive für einen globalen revolutionären Prozess offen ist. Mag sein, dass diese Überzeugung im letzten Jahr noch stärker war. Damals fanden die revolutionären Bewegungen in Nordafrika und im nahen Osten weltweit bei den kämpfenden Menschen ein großes Echo – in Afrika, China, Indien bis nach Spanien und Griechenland und auch in den USA. Viele holten sie sich neue Inspiration direkt aus Tunesien und vor allem vom Tahrir-Platz. Sie ließen darin eine Bereitschaft zu gegenseitiger Bezugnahme wie ein Geflecht von Leuchtpunkten aufblitzen und damit die Möglichkeit eines globalen Prozesses. Die zähe Zurückhaltung, die Impulse auch hier aufzunehmen, war allerdings ernüchternd. Inzwischen ist hier wie dort das Unvermögen offenbar geworden, die hartnäckigen in den Alltag eingelagerten Machtverhältnisse, Gewohnheiten, Mentalitäten schnell zu durchbrechen. Dennoch ist klar: Die Legitimation der tradierten Machtstrukturen und Institutionen erscheint bis in ihre demokratische Verfasstheit hinein erodiert und fadenscheinig. Ihr Griff nach den Seelen, Herzen und Hirnen ist geschwächt, ihr Appell findet nur noch müde und wenig bereitwillige Rezeptoren. Die ›Gouvernementalität‹, um mit Foucault zu sprechen, die in die Menschen eingelagerte Bereitschaft zur Gefolgschaft und Selbstbeteiligung am Regime, ist matt geworden.

Gegen das schwächer werdende alte Regime gewinnt die Fähigkeit zu autonomer kommunitärer Selbstorganisation Raum und Kraft. Was die Prozesse auf dem Tahrir-Platz mit ihrer ungeheuren globalen Strahlkraft über die tägliche Fernsehberichterstattung dem staunenden hiesigen Publikum vermittelten, galt für das gesamte Nordafrika und den Nahen Osten. In der Legitimationskrise sind die Menschen aus dem überkommenen Rahmen sozialer Verhältnisse herausgetreten. »Sie diskutieren nicht mehr mit uns«, lautete der Vorwurf bis in die USA, bis nach Spanien. Dies ist nur folgerichtig, denn sie beginnen, ihre Lebensverhältnisse für sich selbst zu organisieren, im bewussten Kontrast zu den nicht mehr ganz so sicher herrschenden Verhältnissen. Eröffnet dies einen Weg in die Revolution? Einen Weg heraus aus dem Kapitalismus, gar in den ›Kommunismus‹ hinein – um die Begrifflichkeit aufzunehmen, unter den die HerausgeberInnen diese Sammlung von Beiträgen gestellt haben? Ich denke: ja! Denn die widerstreitenden Kräfte, die auch heute den epochalen Umbruch beherrschen, erinnern an die Anfänge geschichtlich zurückliegender revolutionärer Chancen, die ich im Folgenden kurz berühren werde. Nicht, weil wir als metropolitane Linke denken, es wäre einmal wieder an der Zeit, die Frage nach dem ›Kommunismus‹ zu stellen. Sondern weil die Kräfte antagonistischer Subjektivität, die den weltweiten Sozialprozess von unten bestimmen, in bestimmten Phasen ihrer Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus ein Bedürfnis nach einer Welt geschichtsmächtig machen, aus dem sie der ›moral economy‹ der Unterklassen ein neues historisches Gesicht geben.

Theorie – aus den Kämpfen gewonnen

Eine Klärung dessen, was unter ›Kapitalismus‹ verstanden werden soll, oder welche Vorstellungen mit dem Begriff ›Kommunismus‹ verbunden werden sollen – es sei denn, man lehnt es von vorneherein ab, diesen Begriff nach den Schrecken des in seinem Namen ausgeübten Terrors und der mit ihm legitimierten genozidalen Gewalt überhaupt noch zu verwenden –, kommt ohne eine kurze Betrachtung zur Methode nicht aus. Denn man kann nicht einfach Vorstellungen von Fourier, Mill, Marx oder gar Lenin sozusagen als amtlich beglaubigt zugrunde legen. Mit ›Methode‹ meine ich die Herangehensweise zur Erschließung eines Verständnisses der sozialen Wirklichkeit in ihrer historischen Entwicklung. Methode ist nicht überzeitlich, sie hat, wie auch Marx erkannt hatte, ihre historische Dimension. Ich werde kurz eine für meinen Beitrag wichtige Methodenentwicklung nachzeichnen. Sie hat sich in den 1970er Jahren zunächst als Auseinandersetzung mit der Marxorthodoxie, dem ›Vulgärmarxismus‹, im Ambiente der undogmatischen Linken vollzogen und nach und nach zu neuen Grundannahmen profiliert. Da es längst keinen allgemein gültigen methodischen Kanon mehr gibt1, berühre ich hier einige wesentliche Momente aus der Entwicklung der Auseinandersetzung mit der Geschichte und den sie beherrschenden Kämpfen, an denen ich beteiligt war. Nicht subjektiv, sondern – da ja selbst Methode ihre historische Dimension und Bedingtheit hat – methodologisch aus der Perspektive des historischen Prozesses.

In den 1970er Jahren haben wir uns aus dem objektivistischen Verständnis einer versachlichten, verdinglichten Mechanik des Wertgesetzes emanzipiert. Wir haben die Kämpfe als den Motor von Geschichte und Ort der Theoriebildung wiederentdeckt. Zunächst – durchaus inspiriert von bestimmten Strängen des italienischen Operaismus (z.B. Alquatis Impulse2– beschränkt auf die Klassenkämpfe und dann, da der Taylorismus auf die Herstellung einer gesamtgesellschaftlichen Fabrik zielte, in Erweiterung des Horizonts auf die sozialrevolutionären Kämpfe. Wir haben festgestellt, dass das Wertgesetz diese nicht bestimmt, sondern nur abbildet und damit die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Wir haben aus unseren eigenen Erfahrungen mit und in den Kämpfen zu zwei zentralen Erkenntnissen gefunden. Die Produktivkräfte sind – und da konnte man ja durchaus noch an Marx anknüpfen – Kampfmittel und Resultate von Kämpfen. Zur Seite des Kapitals haben wir unmittelbar aus den Kämpfen heraus Erkenntnisse zu seiner fordistisch/tayloristischen ausgeprägten Gewalt gewonnen: im Arbeitsprozess und in der Arbeitsorganisation, im ›Stadtknast‹ von Infrastruktur, Wohnungs-, Siedlungsbau, Stadtplanung, in der sexistischen Zurichtung der Kleinfamilie unter dem abgeleiteten Kommando des spätnazistischen Kleinfamilienpatriarchen usw. und in den aus metropolitanen Kernen in die trikontinentalen Peripherien gerichteten Strategien von Vernichtung, Zerstörung und Entwicklung.3 Was von der Marxorthodoxie als neutraler sogenannter ›Gebrauchswert‹ und Ausdruck des Fortschritts verstanden wurde, enthüllte sich als Arsenal von über die Fabrik hinaus in die Gesamtgesellschaft greifenden Bemächtigungsstrategien im sozialen Krieg – Inwertsetzung, Zurichtung und Unterwerfung in Einem. Um das klarzustellen: diese Erkenntnisse brachten uns nicht dazu, den Sinn nützlicher Erfindungen zu leugnen. Aber Erfindungen sind etwas anderes als unternehmerische Innovationen im Kampf gegen die ›Klasse‹ und zur Erneuerung seines unternehmerischen Zugriffs auf die subjektiven Quellen des Werts – ein Unterschied, der in der politischen Ökonomie des Kapitals immer wieder betont wird.

Aber diese Erkenntnis eröffnete zugleich den Blick auf das Entscheidende: das Subjekt, besser die Subjektivität, gegen die sich diese Strategien richteten. Wir haben es zunächst – noch immer imprägniert vom Marx’schen Denkstil und seinen Kategorien – zunächst ›Nichtwert‹ oder revolutionär ›prozessierenden Nichtwert‹ genannt. Als dasjenige, was in den zu toten Elementen verdinglichten Werten nicht aufging. Aber die negative Formulierung ist nur die Hohlform der sich geschichtsmächtig machenden lebendigen Subjektivität. Sie manifestierte sich jenseits der sozialen Maschinen und gegen sie: gegen die arbeitsorganisatorische, ins Fliessband eingelagerte Kommandostruktur, gegen das im ›Stadtknast‹ mit seinen Einkaufszentren, Siedlungen usw. versteinerte und nach den fordistischen Konstruktionsprinzipien geronnene Maschinenleben usw. usw. »Leben als Sabotage«4 war eine der Formulierungen, die versuchten, diesem Antagonismus gerecht zu werden. Dasjenige, das in den von der sozialen Kriegführung der UnternehmerInnen zu toten Strukturen verdinglichten Subjektivität nicht aufging, erwies sich als die entscheidende Kraft im historischen Prozess. Als eine Kraft, die sich im Kampf hiermit zu immer neuen Gestalten, oft revolutionären Gestalten materialisiert. Da sie keine unwandelbare ontologisch fassbare Größe darstellt, sondern einen Prozess, haben wir nunmehr versucht, sie in den sich ständig erneuernden Formen, in denen sie sich geschichtsmächtig macht, zu begreifen. Nicht mehr beschränkt auf die Produktion als ›Klasse‹, sondern – da die fordistisch/tayloristischen Strategien in alle Lebensverhältnisse griffen – in der Vielfalt und in dem Reichtum des Widerstandes und der sozialen Revolution. Wir haben versucht, dies aus den Kämpfen des Vormärz, der russischen Revolution, des Widerstands der angegriffenen Peripherien im nationalsozialistischen Großraum und der Revolution der Erwartungen gegen die imperialistische Entwicklungspolitik in den 1960er und 1970er Jahren fassbar zu machen.5 Uns ist schnell klargeworden, dass es unsinnig ist, sich dieser entscheidenden materialistischen Triebkraft des historischen Prozesses mit vorweg geprägten Begriffen nähern zu wollen, sie gar aus einem Konzept der politischen Ökonomie und seiner Kritik ableiten oder begrifflich festlegen zu wollen. Das lag nicht daran, dass aus den Prozessen der sozialen Revolution keine oder nur selten Geschichtsbücher hervorgehen. Das lag auch nicht daran, dass diese Größe kaum je eine ›Theorie‹ ihrer selbst im hier üblichen Verständnis bildet, so wenig sie zugleich für kritische Theorien des ›Kapitalismus‹ fassbar ist. Der ›Begriff‹, das Konzept, die Theorie ist immer eine Sache der Herrschenden, ihrer schreibenden Eliten, ihrer Avantgarden. Der rechten wie der linken. »The violence of abstraction« hat ein englischer Marxist dies genannt.6 (Auch diese Erkenntnis hat ihre Geschichte, sie war schon ein wesentliches Thema der griechischen Philosophie auf dem Hintergrund der sozialen Kämpfe um die Wende vom 5. zum 4. Jahrhundert.)7 Die prozessierende, antagonistische Subjektivität bringt sich als die entscheidende historische Triebkraft, der die UnternehmerInnen in neuen Etappen der Reorganisation ihrer Wert schöpfenden Gewalt und ›Kriegsmittel‹ Werte abzuringen und sie jeweils neu einzukreisen versuchen, in einem offenen historischen Horizont immer neu hervor. Als revolutionärer Prozess, nicht als Revolution der Produktivkräfte. Als Nichtwert, nicht als Wert. Als immer währende Erneuerung der Fähigkeiten zur Selbsterfindung von unten, nicht als Erfindung der optimalen Organisation der Produktion von oben. Diese Größe kann in keiner Theorie aufgehen, schon lange nicht in Kommunismusutopien selbsternannter metropolitaner Avantgarden. Der Versuch, methodologisch einen archimedischen Punkt zu finden, sie in der Erforschung durch linke Institute und Institutionen zu fassen, tut ihrer ungeheuren historischen Kreativität Gewalt an. Der Ort der Erkenntnis sind die weltweiten Kämpfe, die sich aus den Peripherien bis in die Metropolen auffächern. Darum ist die Illusion gefährlich, ihren Reichtum und ihre Möglichkeiten aus einer isolierten Perspektive fassen zu wollen – etwa den metropolitanen Klassenauseinandersetzungen. Die global aufgefächerten Perspektiven können sich nur im historischen Prozess verbinden und zu einer gemeinsamen revolutionären Formulierung oder Erzählung finden. Wie etwa in der Leitvorstellung der ›one big union‹ im Kontext der sozialrevolutionären Bewegungen vor und im Ersten Weltkrieg. Rosa Luxemburg hat in ihrem Buch über Die Akkumulation des Kapitals den Orthodoxen eine Ahnung davon zu vermitteln versucht, die sie ihr bis heute nicht verzeihen. So gibt es denn keine ›Welt‹, sie hat auch keinen ›Zustand‹. Es gibt nur den revolutionären Prozess, der sich aus dem Kampf mit dem Kapital entfaltet. Es wird klar: aus der Kritik der politischen Ökonomie ist für die Frage von Revolution und Kommunismus nichts herzuleiten.

Hierzu sei noch auf einen Umstand hingewiesen, der überraschenderweise selten berücksichtigt wird. Marx selbst hat sich in seiner Kritik der politischen Ökonomie auf die Kategorien und Methodik der politischen Ökonomie seiner Zeit bezogen, auf Adam Smith, Say, Malthus, Ricardo etc. Das war legitim, man musste nur eines dabei wissen: diese Theoretiker haben mit Elementen der politischen Ökonomie operiert, die die Wirklichkeit des Kapitals und seine Operationen nur verkürzt wiedergaben. Die Wirklichkeit des Kapitals war aber das, was die UnternehmerInnen machten, die Fabrikherren, die HändlerInnen, die SpekulantInnen. Und das war der alltägliche Krieg nicht nur gegen die ›Klasse‹, sondern gegen die Unterklassen insgesamt. Es war der Krieg in der Fabrik, der Krieg gegen die Insubordination und den Aufruhr der entwurzelten BäuerInnen, HandwerkerInnen usw., die die Slums der neuen großen Städte und die Straße auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten bevölkerten Unorthodoxe HistorikerInnen wie E. P. Thompson und Joel Mokyr haben von links und rechts erforscht, warum die Kategorien, die den Austausch von Kapital und Arbeitskraft in den Mittelpunkt stellen, die Wirklichkeit verkürzen. Diese waren bestimmt von einem Disziplinierungs- und Zurichtungskrieg gegen die ArbeiterInnen in der Fabrik und zugleich auch schiere staatlich organisierte Gewalt gegen Lebensverhältnisse, Proteste, Widerstand und Aufruhr außerhalb der Fabrik. Die Elementargrößen der politischen Ökonomie stellten daher nicht mehr dar als eine sehr verkürzende Verbegrifflichung dieser inwertsetzenden Zugriffe. Marx hat als junger Revolutionär noch dazu tendiert, die Kämpfe in den Mittelpunkt zu stellen und die Begriffe aus ihrer Geschichte zu gewinnen.8 Wenn er dabei geblieben wäre, dann hätten wir statt Das Kapital und einer bloßen Kritik an der herrschenden politischen Ökonomie, die nicht einmal die Wirklichkeit des Kapitals abzubilden vermochte, ein Buch mit dem Titel Die Kämpfe oder wenigstens Die Klasse. Leider hat er das nicht getan. Die Kämpfe wurden zu Illustrationen der kategorialen Operationen entwertet, bei deren Handhabung nun mal die Intelligenz das Sagen hat. Er hat damit geholfen, die Theorie der Produktivkraftentwicklung ins Zentrum zu rücken und auf einen fatalen Weg zu bringen. Wenn wir allerdings von den Kämpfen ausgehen, so sehen wir gleich: In der Theoriebildung sind die Begriffe nur punktuelle Kristallisationen der jeweiligen Kampfphasen, vergänglich und vorübergehend wie diese selbst. Immerhin hat Marx dieser Erkenntnis ja noch in Das Elend der Philosophie Rechnung getragen, als er schrieb: »Somit sind diese Ideen, die Kategorien ebenso wenig ewig, wie die Verhältnisse, die sie ausdrücken. Sie sind historische, vergängliche, vorübergehende Produkte.«9 „Produkte der Kampfauseinandersetzungen“ hätte er ergänzen müssen. Leider litt dieser alle überragende Kopf des 19. Jahrhunderts an dem Leiden, an dem alle großen Köpfe leiden: Er wendete seine Erkenntnisse nicht auf sich selbst an. Er wäre dann zu dem Ergebnis gelangt, dass auch seine eigenen Theorien Produkte seiner Zeit waren. Er wäre der Versuchung nicht erlegen, sie zur Grundlage einer Zeit überdauernden Erkenntnis machen zu wollen. So aber erging es ihm wie all diesen Größen. Er stand auf dem Kopf mit all seinen leider doch nur zeitbedingten Kategorien. Inzwischen ist ja der Kapitalismus und seine politische Ökonomie viel weiter als er sie noch hat wahrnehmen und verstehen können. Der Kapitalist ist der UnternehmerIn gewichen, der – beileibe keine Charaktermaske – den Kampf als strategischer Akteur führt. Das Sachkapital hat sich in Software, Orgware, und anderen »intangibles«10 immaterialisiert. Die Warenwelt hat eine neue Verdinglichungsebene erreicht in der Standardisierung ›franchise‹- fähiger Gebrauchsformen und App-vermittelter Verhaltensweisen. Das Geld ist vom Warengeldstatus des Goldes über das Staatsgeld zum digital konstituierten und vermittelten Informationsgeld des ›Shadow Banking‹ mutiert, das gegen alle Unkenrufe weiter ausgebaut wird.11 Und schließlich ist die Disziplin der Fabrik zu den mit völlig anderer Gewalt operierenden Formen des Zwangs zur Selbstunterwerfung und Selbstoptimierung übergegangen.12 In den letzten zwei Jahren hat die politische Ökonomie des Kapitals endgültig die Konsequenzen gezogen und sucht auch in der Makroökonomie den Übergang vom Objektivismus der Theorien ›effizienter Märkte‹, ›rationaler Erwartungen‹ und neoklassischen Modellen zur narrativ formulierten ›Verhaltensökonomie‹.13 In der Gesamtheit dieses nicht abschließend aufgezählten Ensembles gehören sie zum Kriegsarsenal der gegenwärtigen kapitalistischen Innovationsoffensive.

Das Bedürfnis nach Kommunismus – wann und woher?

Wenn wir nun die Frage nach der ›Revolution‹ und dem ›Kommunismus‹ stellen, so sagt uns das alles: Die Zukunft ist offen. So kann es auch sein, dass eine Neuformulierung des kommunitären Miteinanders sozialrevolutionärer Kräfte dabei ist, ihre Zukunft neu zu erzählen. Waren die Ereignisse des letzten Jahres ein Anfangssatz aus dieser Erzählung? Haben sie ein Zeitfenster für die Verwirklichung einer revolutionären Möglichkeit eröffnet? Um diese Frage besser diskutieren und behandeln zu können, möchte ich einen Rückblick auf die historische Zyklik dieses Antagonismus’ vorausschicken. Die vielfältigen Formen, in denen sich die Gestalten antikapitalistischer Gesellschaftlichkeit und auch das Bedürfnis nach Kommunismus in den Kämpfen von unten materialisiert haben, kann ich hier nicht einmal in Umrissen Revue passieren lassen. Stattdessen möchte ich einige ihrer Manifestationen aus der Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus des ausgehenden Eisenbahnzyklus (der Folgezeit der sogenannten ›industriellen Revolution‹) herausheben. Der fordistisch/tayloristische Angriff und seine Ausformungen in der deutschen Rationalisierungsoffensive und im Leninismus/Stalinismus werden hierdurch lesbar als produktivistische Reaktion von oben in ihrem gegenrevolutionären Versuch, die revolutionären Kräfte aufzufangen und zu zerstören.

Die industrielle Revolution etablierte als Antwort auf die Kämpfe der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts das Fabriksystem mit seinen gesteigerten Disziplinierungsmöglichkeiten auf der einen und dem blutigen Zugriff auf die bäuerlichen Peripherien auf der anderen Seite. Hier war die Eisenbahn ihr wichtigstes Instrument (Namensgeberin als ›Eisenbahnzyklus‹). Sie transportierte Militär, SteuereinnehmerInnen, HändlerInnen und auf ihr bewegten sich die durch Steuerdruck und gewaltsame Zugriffe mobilisierten BauernarbeiterInnen. Die Antwort aus diesen Peripherien waren gewaltige Aufstände wie der Sepoy-Aufstand in Indien (den Marx leider in seinen wirklich reaktionären Zeitungsartikeln der 1850er Jahre mit Geringschätzung, ja Verachtung behandelte) und der chinesische Taiping-Aufstand von 1851 bis 1864. Hier mobilisierten sich die Dörfer und stellten sich den imperialistischen Zugriffen entgegen. Ihre zentralen Leitvorstellungen waren die Gleichheit von Männern und Frauen (sie kämpften in je eigenen Formationen), die Abschaffung des Privateigentums und -handels, die Verteilung der Felder nicht als Eigentum, sondern nur zur Nutzung bei gemeinsam verwaltetem Getreidevorrat und Kassen. Das geschah auf der Grundlage der tradierten Familienökonomie. Sie war es, deren alte Formen im Kampf zerfielen, während ihre ›moralische Ökonomie‹ mit ihren kommunitären Grundsätzen und Versorgungsvorstellungen sich im Verfall zu kommunistischen Leitlinien transformierten. Alle späteren chinesischen Aufstände bis in Maos Bauernguerilla der 1920er Jahre bezogen sich auf die Taiping-Revolution. Sie stand kurz vor dem Sieg und konnte durch die Kaiserin nur durch Inanspruchnahme von Hilfe der Imperialisten eingedämmt werden. Ähnliche Transformationen zeigten die meisten Revolten dieser Zeit, vor allem die mexikanischen bis hin zum zapatistischen Aufstand. Auch hier war die dörfliche Familienökonomie die Quelle des Kommunismus von unten. Auch sie konnte nur durch die Allianz von bürgerlich-nationalistischen Kräften mit den amerikanischen Siedlern und militärischer Unterstützung durch die USA blutig erstickt werden. Wohlgemerkt: nicht das Dorf wurde revolutionär, vielmehr wandelten sich die in ihm gebundenen kommunitären Elemente im Kampf zu kommunistischen Leitvorstellungen.

Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich in den revolutionären Prozessen aus den Dörfern Russlands und des südost- bis südeuropäischen Agrargürtels. Auch hier verwandelten die in die Stadt und die Fabriken einströmenden aber noch immer an das Dorf gebundenen BauernarbeiterInnen die in der moralischen Ökonomie eingebundenen kommunitären Elemente in Kraftquellen des revolutionären Prozesses. Das manifestierte sich mit steigender Intensität in den Aufständen der Jahre 1898 bis 1903, 1905-1907 (das Jahr des großen rumänischen Aufstands) und dann schließlich in der Bauernrevolution im Sommer 1917. Aus eigener Initiative und bevor irgendein Kader aus der städtischen linken Intelligenz seine Finger ins Spiel bringen konnte besetzten die BäuerInnen, aus den Städten und von der Front zurückgefluteten BauernarbeiterInnen und Bauernsoldaten Ländereien und Gutshäuser und verwandelten sie in Gemeineigentum und -verwaltung – selbst den dörflichen Grundbesitz, der unter den Stolypin’schen Reformen zu Privateigentum gemacht worden war. Schulen und gemeinsame Verwaltungszentren wurden gegründet. In hektischen Botschaften wies Lenin seine GenossInnen aus dem Versteck in Finnland darauf hin, dass die Revolution auf dem Lande schon vorbei war, bevor sie selbst mit der städtischen Machtübernahme überhaupt angefangen hätten.14 So hatten die Kräfte, die hierin ihr kommunistisches Bedürfnis formulierten und materialisierten, weder Ausgangs- noch Bezugspunkt in den Kommunismusvorstellungen der linken Intelligenz und ihrer Kader. Und vor allem: Sie waren über die Kontinente hinweg erstaunlich gut mit den anderen Bewegungen verbunden, auch über die amerikanischen IWW, die eine Globalisierung von unten in der Vorstellung einer ›one big union‹ propagierten und betrieben.

Und die etablierte, erbliche Arbeiterklasse, das Pferd, auf das diese Kader als ihr revolutionäres Subjekt setzten? War sie denn nicht die Avantgarde dieser revolutionären Prozesse? Der marxistisch geschulte Historiker Eric Hobsbawm hat diese Epoche in übergreifenden Studien aus linker Perspektive behandelt und verneint dies. Er stellt fest, dass die epochalen Erweiterungen des Inwertsetzungsspielraums in neue Peripherien – Ausdruck der damaligen Globalisierung – auch dazu geführt haben, dass sich das Gravitationszentrum revolutionärer Bewegungen dahin verlagerte. Die Revolution »wanderte aus«15. Mit der Globalisierung musste sich das revolutionäre Spektrum notwendig global reproduzieren. Die erbliche Arbeiterklasse der Metropolen hätte nicht nur die „Regeln des Spiels“ (wie Marx sagt) verinnerlicht, sondern sei auch anfällig geworden für reformistische, sozialimperialistische Formen der Teilhabe und für Nationalismus. In der Tat. Nur extrem undurchlässige Scheuklappen halfen, den Blick davor zu verschließen, dass all das auf bestürzende Weise in den Jahren vor und im Ersten Weltkrieg zur bitteren Wahrheit wurde.

Vielleicht nicht ganz. Auf ihren massiven Migrationsbewegungen trugen die BauernarbeiterInnen die ›moral economy‹ ihrer Herkunft in die amerikanischen und europäischen Fabriken – ins globale Herz der Bestie - und damit ihr revolutionäres Bedürfnis nach Kommunismus. Dies äußerte sich in der spezifischen Radikalität ihrer Kämpfe. Sie begannen sogar, sich mit den Kämpfen der heimischen ArbeiterInnen zu verbünden, die ihren Grund in ihrer Qualifikation und Macht über den Arbeitsprozess hatte.16 Die epochale Reaktion der Bourgeoisie war der Rationalisierungsangriff, den wir unter dem Etikett ›Taylorismus‹ und ›Fordismus‹ kennen. Taylor hat sie ausdrücklich als ›Krieg‹ verstanden. Krieg gegen die ArbeiterInnenklasse mit den ›Waffen‹ des Managements.17 Ein auf lange Zeit angelegter epochaler Krieg zur Zerstörung ihrer Arbeits- und Lebensautonomien und Verlagerung des Kommandos auf die Ebene des Managements und Herbeiführung einer ›geistigen Revolution‹ von oben. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wurde diese Transformationsoffensive im ›progressive Movement‹ in weitere gesellschaftliche Bereiche getrieben, bis sie schließlich im Ersten Weltkrieg ihre erste gesamtgesellschaftliche Konsolidierung in den neuen Strukturen eines ›militärisch-industriellen Komplexes‹ fanden, dem War Industries Board (WIB).

Diese Transformationsoffensive übertrug und globalisierte sich in kaskadenartigen Lernprozessen nachholender Entwicklung nach Europa, auch schon nach Japan und nach Russland, wo sie sich ebenfalls im ersten Weltkrieg profilierte. Ihre Träger waren je nationale Avantgarden, die sich vor allem im Krieg mit den Managementformen und der Propaganda ›nationaler Effizienz‹ an die Hebel der Macht brachten, in Russland schließlich in Gestalt der rechten Bolschewiki. Diese vollführten mit dem, was sie ›Sozialismus‹ bzw. ›Kommunismus‹ nannten, eine Reaktion auf den Kommunismus von unten und reproduzierten dabei die Charakteristika der tayloristischen Offensive unter den jeweiligen sozialen Bedingungen ihres Landes. Lenin, Larin, Krassin, allesamt Tayloranhänger, und andere Rechtsbolschewiki orientierten sich folgerichtig an den Rationalisierungsstrategien, wie sie in der deutsche Kriegsökonomie des Ersten Weltkriegs ihren Ausdruck gefunden hatten. »Lerne beim Deutschen«, so lautete Lenins simple Dauerparole und das hieß: Lerne strengste Disziplin, Kontrolle, Rechnungsführung. Lerne im Krieg hieß: »Lernt vom Deutschen Disziplin, die musterhaft ist, die Unterordnung«. Lerne dies zur Verwandlung der ganzen Gesellschaft »in eine einzige große Maschine«.18 Er formulierte damit den materiellen und strategischen Ausgangspunkt des von ihm betriebenen Wegs in den Sozialismus, der großen Maschine der Arbeitenden. Stalin schließlich setzte dies fort, als er die Strategien kapitalistischer Rationalisierung aus dem Projekt des ›scientific management‹ taylorscher Prägung zur Leitlinie der forcierten Industrialisierung machte. Sie war vor allem eins: die nach der ›Neuen Ökonomischen Politik‹ (NEP) eingeleitete Wiederaufnahme und Verschärfung des Kriegs gegen die BäuerInnen und BauernarbeiterInnen. Dieser Krieg war mit vielen Millionen Toten extrem blutig und wurde vor allem gegen die kommunistischen Vorstellungen geführt, die nach wie vor von den BauernarbeiterInnen in die sowjetischen Fabriken getragen wurde. Die neuere Forschung hat gezeigt, dass dieser Krieg gegen die ›Klasse‹, wenn man so will, an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Stalins ›realer Sozialismus‹ reiht sich somit als eine Facette in das blutige Projekt der fordistischen Transformation der Weltgesellschaft ein. Er war tatsächlich in soweit erfolgreich, dass er einen großen Teil der kommunistischen Impulse von unten in großen terroristischen ›Säuberungen‹ aus dem Akkumulationsprozess herausgereinigt hat.

Heraus aus dem Kapitalismus? Mitkämpfen!

Nach diesen Betrachtungen muss die Frage nach dem Ausweg aus dem Kapitalismus und den Hoffnungen auf Kommunismus mit der Untersuchung beginnen, welche Kräfte den Antagonismus in der aktuellen historischen Situation bestimmen. Ausgehend von den zu Anfang skizzierten Erkenntnissen haben wir die aktuelle Innovationsoffensive als Reaktion auf die weltweite sozialrevolutionäre Dynamik zum Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre diagnostiziert.19 Diese Offensive betrieb im Kern die Hochrüstung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in Kombination mit den einhergehenden Managementstrategien des Zwangs zur Selbstunterwerfung und Selbstoptimierung und der mit beidem verbundenen enormen Steigerung sozialer Produktivität. Damit betrieb sie zugleich eine Strategie der Zerstörung und Entwertung überkommener (fordistisch/keynsianischer) Arbeits- und Lebensformen und der mit ihnen einhergehenden Existenzgarantien. Sicher: Eingeleitet wurde sie von dem neoliberalen Schock aus den Giftstuben Margaret Thatchers und Ronald Reagans, der sich unter der Ägide der Nowosibirsker Schule bis in die Sowjetunion fortsetzte.20 Aber die mit Beginn eines jeden Großzyklus eröffnete ›liberalistische‹ Schockphase ist nunmehr abgeschlossen und hat einer Etappe des sich neuorganisierenden Kapitalismus Platz gemacht. Der leider noch immer verwendete Begriff ›Neoliberalismus‹ ist darum nicht mehr zeitgemäß. Das Platzen der ›New-Economy-Blase‹ und der Crash der Schuldenkrise waren nicht nur bewusst, sondern billigend in Kauf genommene Abschlüsse zweier initialer Durchbrüche der Innovationsoffensive.21 In den USA (die in der Entwicklung dieser Offensive um einen Zeitabstand von etwa 10 bis 15 Jahren führen) wurde dies auf dem Arbeitssektor als ›job destruction‹ ganz bewusst betrieben. Mit der Entwertung und Zerstörung der alten Industrien, die für die Auslagerung in Billiglohnländer vorgesehen waren, wurde zugleich die Basis für Lebensformen und Existenzgarantien der alten ›Mittelschichten‹ inklusive Arbeiterklasse zerstört. Sie machen einen großen Teil der ihrer Lebensbasis beraubten Occupy-Bewegung aus, ergänzt durch die neuen Anteile der prekär beschäftigten Service-Sklaven. Sie umgürten vor allem die großen Innovationscluster wie Silicon Valley. Diese Entwertung hatte ihren historischen Vorläufer zu Beginn der tayloristisch/fordistischen Offensive zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Sie gehört zum Geschäft der Reorganisationsstrategien des innovativen Unternehmertums und ihrer staatlichen Ausschüsse.22 Die entsprechenden Entwertungsoffensiven finden in Europa derzeit unter dem Diktat der Brüsseler Troika statt. Sie setzen die Stategielinien der ›Agenda 2010‹ nunmehr europaweit um. Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, dass auch dies eine Offensive im Klassenkrieg ist. Eine Offensive, in der längst offenbar geworden ist, wie die Informations- und Kommunikationstechnologien bis in die Entwicklungen der ›social networks‹, ›cloud-computing‹ und Digitalisierung der militärischen Kriegführung allesamt Kriegsmittel der innovativen Unternehmersegmente im oben skizzierten Marx’schen Verständnis sind. Die Kämpfe in Griechenland und Spanien sind als Auseinandersetzung mit dieser Zerstörungs- und Entwertungsoffensive zu verstehen.23 Der Entwertungsdruck setzt sich in einem imperialistischen Gefälle bis in die Peripherien fort. Er ist es, gegen den sich die Kämpfe in Nordafrika und im Nahen Osten, aber auch der immer militanter werdende Widerstand in den übrigen afrikanischen Ländern, Indien und China entfalten. Sie bringen Gestalten hervor, die uns aus den großen sozialrevolutionären Bewegungen vertraut sind, wie ich sie oben skizziert habe. Nochmals: es wäre ein Ausdruck metropolitaner Arroganz, wenn wir sie als Bewegungen der ›Subalternen‹ unsererseits entwerten würden. Die Verwender dieses Begriffs beziehen sich großteils auf Gramsci. Das ist nicht verwunderlich, da Gramsci ein rigoroser Parteigänger tayloristischer Erneuerung und entsprechender Erziehungsinitiativen der Intelligenz war. Es ist durchaus verständlich, warum metropolitane Eliten einen Bedarf an dieser Entwertung haben. Sie fundiert ihren Habitus, ihr Standing, ihre Kaderfunktionen, ihre Machtaspirationen. Da wir alle in der Metropole für solche Selbstaufwertung durch Fremdentwertung anfällig sind, müssen wir immer wieder versuchen, die grundlegenden und einzigartigen Fähigkeiten zur Selbstorganisation und Selbsthervorbringung (Autopoiesis) im Prozess sozialer Revolution von unten an den Beginn jeder Überlegung zur Zukunft des Kommunismus zu stellen. Als gute Schulung hierfür empfehle ich die Beschäftigung mit Vorstellungen und Praktiken der in Südafrika operierenden Abahlali baseMjondolo of the Western Cape. Unter diesem Namen organisieren die Slumbewohner und Landlosen den Kampf um Einkommen, Wasser, Elektrizität, Land. In der bewussten Ablehnung theoretisierender Eliten betreiben sie Diskussionsgruppen zur Strategiefindung, Herstellung von Flugblättern, Erklärungen im Rahmen der Kämpfe als ›Universität‹ von unten. Wer ihre Kämpfe verfolgt24, hat gute Chancen, sich gegen die Arroganz des Begriffs des ›Subalternen‹ zu immunisieren. Eine Chance auch zur Erkenntnis, dass wir ihnen gegenüber insoweit die Subalternen sind, als wir in die Alltagspraxis des Kapitalismus und seines Fortschritts eingebunden sind. So sind Revolution, soziale Revolution, Kommunismus nur aus dieser Perspektive von unten zu begreifen. Weltweit. Wer das nicht tut, ist reif für eine Beteiligung an blutigen, barbarischen, ja genozidalen Projekten der Postmoderne, wie es Leninismus/Stalinismus und auch der Faschismus waren. Diese sind ja beide inzwischen als parallele, in unterschiedlichen Milieus operierende Durchbruchstrajektorien fordistisch/tayloristischer Modernisierung in die Massengesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt.25 Denn eins ist sicher, wie schon Rosa Luxemburg in Die Akkumulation des Kapitals gesagt hat: die Kapitalisten und ihre staatlichen Ausschüsse werden eine langsame und zögerliche Entwicklung sozialer Transformation und Anpassung auch diesmal nicht hinnehmen.

Ausweg aus dem Kapitalismus? Was tun mit Kommunismus? Diese Orientierung gibt die Antwort. In allen Auseinandersetzungen mit dem neuen barbarischen Innovationsprojekt im Klassenkrieg von oben müssen wir uns an diesen aus den Peripherien operierenden und noch immer im Selbstfindungsprozess begriffenen Kämpfen und Bewegungen orientieren und uns auf sie beziehen. Helfen können uns vielleicht MigrantInnen mit ihrem aus der Migration gewonnenen unglaublich überlegenen kosmopolitischen Wissen und Fähigkeiten. Wie machen wir das? Praktisch, da Praxis im Kampf die generative Quelle der Bildung des linken Verständnisses ist, wenn man sie denn ›Theorie‹ nennen will. Aber Vorsicht: jede Theorie aus den von unten gewonnenen Kämpfen besteht nur aus Kristallisationen der Bewegung - vorübergehende Zeiterscheinungen, wie Marx das in seiner Frühzeit richtig erkannt hat.

Welche Praxis?

Welche Praxis? Wir stellen auch heute wieder fest, dass sich die Auseinandersetzungen mit dem neuen Regime innovativer Unterwerfung und Zurichtung in einer globalen Entfaltung von unten nach oben auffächern. Seit Jahrzehnten verschärft die Innovationsoffensive die soziale Entwertung und Zerstörung nicht nur in den Metropolen, sondern auch in den Peripherien. Nachdem der Verwertungsrahmen des keynesianischen Nationalstaats durchbrochen ist, haben neue Kriege den Boden für Formen der Inwertsetzung in einem großen Teil der Welt bereitet, insbesondere in Afrika. Die deutsche Soziologie der Gewalt unter der Ägide des Popitzschülers Trutz von Trotha und Peter Waldmann sieht in diesen Kriegen das Transformationsprojekt zu einem neuen Klientelsystem von Gewalt, Abhängigkeit und Verwertung. Warlords haben über Jahre unter Waffenlieferung mit Duldung bis Zustimmung aus den Metropolen die wenig gefestigten und in den Augen der Entwicklungspolitiker viel zu kostspieligen Formen der Staatsbildung zertrümmert. Sie haben nicht nur die Ausbeutung von Naturschätzen, sondern die Inwertsetzung der in die neuen Slum-Mega-Cities getriebenen und migrierten Menschen in die eigene Regie übernommen. Die Bilder der in den maulwurfsartigen in die Erde getriebenen Stollen arbeitenden Kinder bei der Coltan-Förderung für unsere Handys sind uns allen ja bekannt und Anschauungsmaterial liegt auch im Übrigen reichlich vor. Weniger spektakulär mag die Gewalt sein, die Familien in die Lohnsklaverei für schicke und modische metropolitane Textilfirmen treibt. In Indien hat die gewaltgestützte Entwertung der Lebensbedingungen und Arbeit in den großen Baumwollregionen zu enormen Selbstmordraten, aber auch wachsendem Widerstand geführt. In China nimmt die Entwertung der Lebensbedingungen stetig zu, in der gegenwärtigen Phase unter dem Druck der mit einer gewissen sozialtechnischen Raffinesse betriebenen Inflationssteuerung. In Nordafrika und im Nahen Osten weisen die letzten Berichte des IWF und der EU-Think-Tanks eine gewaltige Entwertungsrate in allen Ländern aus, wie auch die unerbittliche Entschlossenheit zu ihrer Forcierung.

Gerade hier aber haben die Revolten und ›Revolutionen‹ einen erstaunlichen Grad an Organisationsfähigkeit von unten zum Teil zutage gefördert, zum Teil hervorgebracht. In Deutschland, auch in der deutschen Linken lange Zeit nicht wahrgenommen, hat sich dieser Organisationsprozess wie etwa in Ägypten über Jahrzehnte unter den Angriffen einer Deregulierungspolitik (›Infitah‹) schubweise profiliert. Das gilt insbesondere für die TextilarbeiterInnen im Nildelta, die ihre Streikbewegungen mit einem bewundernswerten Geschick selbst betrieben haben. Ihr ›bargaining by riots‹ handhabten sie als Politik der Lohnforderungen mit einem raffinierten Vokabular von Streiks und Streikandrohungen, gegen die blutigen Interventionen der Polizei, die von den in den staatlichen Gewaltapparat eingebundenen Gewerkschaften flankiert ist. Die Revolution vom Tahrirplatz aus wäre nicht möglich gewesen ohne Beteiligung dieser Frauen. Die hierzulande vielmals in den Mittelpunkt gestellten Bewegungen der Kids in Großstädten haben sich zurecht ausdrücklich auf sie bezogen. Ähnliches kann über das Verhältnis der jahrelangen Kämpfe aus den Phosphatregionen und der revolutionären Bewegungen in Tunis und Sidi Bouzid gesagt werden. Metropolitane BeobachterInnen, wie etwa der Kalifornier Joel Beinin, haben dies über Jahre hinweg betrachtet und sich selbst durchaus als Lernende gesehen. Das gilt auch für Asef Bayat, der den mikropolitischen Alltag der Selbstorganisation in seinen Vorarbeiten zum Buch Life as Politics. How Ordinary People Change the Middle East26 verfolgt hat. Für China hat Pun Ngai die Strategien der politischen Selbsterfindung der WanderarbeiteInnen (Dagongmei und Dagongzei) als ›Lebenstaktiken von unten‹ aus eigener Erfahrung minutiös nachgezeichnet.27 Raul Zibechi hat von der Selbstorganisation der Basisbewegungen in den indianisch geprägten Gemeinschaften im bolivianischen El Alto berichtet.28 Von der südafrikanischen Ahbalali baseMjondolo war oben schon die Rede. Sie alle sind nur Facetten, Leuchtpunkte einer weltweiten Selbsterfindung in Bewegung. Sie entwickeln inzwischen einen hohen Grad gegenseitiger Wahrnehmung. Sie stehen in wachsender Spannung zu den strukturellen Zugriffen und Inwertsetzungsanforderungen der aktuellen Innovationsoffensive.

Und wir?

Und wir? Was können wir zu diesem revolutionären Prozess beitragen? Jedenfalls keine Ratschläge zu Revolution, Kommunismus und Theoriebildung, die wir unseren Gehirnen durch eifriges Kneten auf alten Bahnen abquetschen, vor allem nicht in der Nachfolge der oben skizzierten marxistisch-leninistischen Linien. John Holloway schlägt als Empfehlung ein witziges Zitat von Subcomandante Marcos aus einem Interview für ein italienisches Video von 1995 vor. Auf die Frage, was Europäer tun könnten, um die Zapatisten zu unterstützen, gab er zur Antwort: »Das Beste, was ihr machen könnt, ist, in euren Ländern zu revoltieren, und wenn wir hier fertig geworden sind, werden wir rüber kommen und euch helfen.«29 Als hiesiger Ausgangspunkt könnten uns die vielen, wenn auch schwachen Ansätze zu ähnlichen Prozessen dienen, die sich unter dem Aufprall des Innovationsschocks entwickeln und in der Krise verdichten. In Griechenland, in Spanien sind die Revoltierenden ganz weit weg von dem politisch-ökonomischen Verständnisrahmen, der sich in der aktuellen Reorganisationsoffensive herzustellen versucht. Schwerpunkte in Deutschland sind neue autonome Zentren, Kämpfe gegen ›Gentrifizierung‹, die Auseinandersetzungen mit dem Entwertungsdruck und den Zwängen zur Selbstunterwerfung und Selbstoptimierung der Hartz-IV-Empfänger, wie sie sich in den Initiativen der Kölner Zahltag-Gruppe bzw. KEAS manifestieren, mit denen ähnliche Initiativen in anderen Städten korrespondieren. Von derartigen Initiativen sollten Beziehungen zu ähnlich strukturierten Auseinandersetzungen an Universitäten und anderen Feldern analoger Konfliktualität30 gesucht werden. Das gilt aber auch und vor allem für die Korrespondenzen mit Auseinandersetzungen in anderen europäischen Ländern. Nur durch die praktische Herstellung solcher Bezüge wird eine Intensität und ein Organisationsgrad zu erreichen sein, der der Radikalität der kapitalistischen Offensive gerecht wird. Diese hat ja im europäischen Raum und darüber hinaus längst eine übergreifende Dimension erreicht und erinnert folgerichtig an Mitteleuropastrategien aus dem Wilhelminismus vor dem Ersten Weltkrieg, die dann in der Großraumstrategie der Nationalsozialisten ihren globalen Durchbruch gesucht haben.

Derartige Initiativen können nur durch Bezugnahme und Einbindung in eine weltweite Auffächerung des sozialrevolutionären Prozesses ihrer erneuten Mutation zu Kräften der Reaktion entgehen, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg durch die Sozialdemokratie eingeleitet wurde. Es ist fraglich, inwieweit es Grund zum Optimismus gibt. Immerhin haben sich in den letzten Jahren Stränge eines neuen Reformismus unter der Ägide selbsternannter Eliten aus den Institutionen der linken Think-Tanks, Stiftungen, Instituten und Kaderorganisationen entwickelt. Und auf dem Hintergrund geschichtlicher Erfahrungen steht nach den neuen Kriegen die Bereitschaft des Kapitals zu innovativen Barbareien im Betrieb eines postmodernen Zyklus außer Frage. Auf der anderen Seite ist das Zeitfenster für eine Revolution, die ihnen begegnen könnte, noch nicht geschlossen. Vieles wird nicht nur davon abhängen, ob wir in Europa zu Zusammenhängen übergreifender Kämpfe finden. Entscheidend ist, ob unsere Praxis über die europäischen Grenzen hinausgreifen und den Anschluss an den sozialrevolutionären Prozess herstellen wird. Ob wir die mentalen und äußeren Barrieren durchbrechen, die dem im Wege stehen. Hierzu gehört maßgeblich die durch ›Frontex‹ geschaffene Todeszone im Mittelmeer, die, wie schon die nationalen Grenzen vor hundert Jahren, die Migration der Menschen und der sozialrevolutionären Impulse blockiert. Wir haben eine Chance, aber die Zeit arbeitet nicht für uns.

1 Für einen Ausdruck dieser Situation vgl. den Sammelband von M. van der Linden et al. (Hg.), Über Marx hinaus, Berlin 2010, zu dem ich auch einen Beitrag geleistet habe.

2 R. Alquati, Sulla FIAT e altri scritti, Mailand 1975

3 Für vieles Andere: alle Hefte der Zeitschrift Autonomie Neue Folge und der Reihe Materialien für einen neuen Antiimperialismus, teilweise herunterzuladen von www.materialien.org. Als eine methodologische Verdichtung daraus in einem spezifischen historischen Moment: D. Hartmann, Leben als Sabotage, Zur Krise der technologischen Gewalt, Tübingen 1981.

4 Vgl. D. Hartmann, Leben als Sabotage, Tübingen 1981, wo ich versucht habe, an den von Marx etwa in den Grundrissen oder der kurz zuvor wieder aufgefundenen Schrift Die Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses anzuknüpfen.

5 Zeitschrift Autonomie, insbesondere Hefte 10, 14, sowie Zeitschrift Materialien für einen neuen Antiimperialismus Nr. 4.

6 D. Sayer, The violence of abstraction: the analytic foundations of historical materialism, Oxford 1987

7 Ich werde der methodologischen Seite dieser Frage an anderer Stelle nachgehen. Versuche enthält D. Hartmann, Leben als Sabotage; D. Hartmann, »Empire«. Linkes Ticket für die Reise nach rechts, Umbrüche in der Philosophiepolitik, Hardt/Negri, Sloterdijk, Foucault; D. Hartmann, Revolutionäre Subjektivität, die Grenze des Kapitalismus, in: M. van der Linden et al., Über Marx hinaus, S. 219.

8 K. Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, in: MEW Bd. 40, Berlin 1968, S. 465-588, hier: S. 514 et passim.

9 K. Marx, Das Elend der Philosophie, MEW 4, Berlin 1972, S. 63, hier: S. 130.

10 Vgl. C. Corrado, Intangible Capital and Economic Growth, Finance and Economics Discussion Series, Federal Reserve Board, Washington D.C., 2006-24; D. Hartmann/G. Geppert, Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus, Berlin 2008.

11 Vgl. European Central Bank, Shadow Banking in der Euro Area, Occasional Paper Series No. 133/Aprol 2012; es ist der erste offiziöse Bericht in Europa, der eine über ein Jahrzehnt dauernde Beschäftigung mit diesem Thema in den USA nachholt; vgl. auch: D. Hartmann, J. Malamatinas, Krisenlabor Griechenland: Finanzmärkte, Kämpfe und die Neuordnung Europas, Berlin 2011, S. 60 ff.

12 Vgl. D. Hartmann/G. Geppert

13 Vgl. den Überblick in D. Hartmann, Krise, Kriege, Kämpfe (Arbeitstitel), in Vorbereitung.

14 Wir haben das ausgiebig behandelt in »Soziale Revolution und das Kommando der Akkumulation. Zur Aktualität der russischen Revolution«, in: Materialien für einen neuen Antiimperialismus Nr. 4, Das Ende des sowjetischen Entwicklungsmodells, Berlin 1992, herunterzuladen auch bei www.materialien.org, Texte von Detlef Hartmann.

15 E. Hobsbawm, Industrie und Empire, Bd. 1, Frankfurt/M. 1969, S. 128; ders., Die Blütezeit des Kapitals, München 225; ders., Das imperiale Zeitalter, Frankfurt/M. 1995 , S. 15, 175.

16 Zum Einlesen: D. Montgomery, The Fall of the House of Labor, Cambridge 1987; A. Ebbingshaus, Arbeiter und Arbeiterwissenschaft, Opladen 1984; G. Bock, die andere Arbeiterklasse in den USA von 1909-1922, München 1976.

17 Ausführlich in D. Hartmann, Krise. Als Hinweis möge hier genügen: F. Taylor, Testimony Before the Special House Committee, abgedr.: in K. Thompson (Hg.), The Early Sociology of Management and Organizations, Bd.1, New York 2003, S. 80, 85; ders., Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung, München 1913, S. 144.

18 W. Lenin, Werke, Berlin (Diez), Band 27, S. 77.

19 Rassismus im Umbruch, in: »Strategien der Unterwerfung – Strategien der Befreiung«, Materialien für einen neuen Antiimperialismus Nr. 5, Berlin 1993; D. Hartmann, »Empire«. Linkes Ticket für die Reise nach rechts, Berlin 2002, S. 9 f.; D. Hartmann/G. Geppert, S. 28ff; So richtig C. Perez, The double bubble at the turn of the century: technological roots and structural implications, Cambridge Journal of Economics 33 (2009), vgl. auch D. Hartmann, Schockpolitik und der Umbau Europas, in: D. Hartmann/J. Malamatinas, S. 43, hier: S. 58ff.

20 Dazu: Materialien für einen neuen Antiimperialismus Nr. 4

21 D. Hartmann/J. Malamatinas, S. 58 f.

22 In Anbetracht der bewusst strategisch betriebenen ›job destruction‹ ist die jetzt wieder grassierende wertkritische Herleitung der Entwertung aus politisch-ökonomischen Rechenoperationen unsinnig. ›Job destruction‹ ist Teil einer Innovationsoffensive. Sie schlägt sich natürlich auch numerisch nieder.

23 Vgl. D. Hartmann/J. Malamatinas; meinen Beitrag hierzu habe ich als Vorgriff auf meine Arbeit über Krisen, Kämpfe, Kriege (Erscheinen für Herbst vorgesehen) veröffentlicht.

24 Ein leichtes Ding über die Homepage www.abahlali.org.

25 Vgl. C. Perez, Technological Revolutions and Financial Capital, Cheltenham 2002. Dass dem NS die Krone der Barbarei gebührt, steht dabei außer Frage. In dem oben genannten Arbeitsprojekt werde ich als wesentlichen Grund die alles überschließende Aggressivität der deutschen Innovations- und Investitionsdynamik schon vor dem Ersten Weltkrieg behandeln, die auf eine beschleunigte soziale Zerstörung und Inwertsetzung in ›Mitteleuropa‹ und dann im nationalsozialistischen Großraumprojekt setzte.

26 A. Bayat, Life as Politics. How Ordinary People Change the Middle East, Amsterdam 2010, Erscheint in Deutschland in Kürze bei Assoziation A.

27 Vgl. Pun Ngai, Becoming Dagongmei: The Politics Of Indentity and Deference in Reform China, in: China Journal 42, 1999, S. 1 ff; dies., Made in China, Durham u. London 2005; Pun Ngai u. Li Wanwei, Dagongmei, Arbeiter_innen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen, Berlin u. Hamburg, 2008.

28 Vgl. R. Zibechi, Bolivien, die Zersplitterung der Macht, Hamburg 2008.

29 Ebd., S. 6

30 Vgl. D. Hartmann/G. Geppert

http://www.materialien.org