Detlef Hartmann

Krise und Innovationskrieg

von Detlef Hartmann

Im Krieg, einem „neuen Krieg“, ja im „Weltkrieg“, einem „uns aufgezwungenen dritten Weltkrieg“ sehen uns meinungsmachende Blätter der deutschen Mitte (1) gegen Formationen wie den „islamischen Staat“, die sich aus den „Zerfalls- und Entzivilisierungsprozessen in der arabisch-islamischen Welt“ geschichtsmächtig machen. Der Krieg ist real. Aber ist er uns aufgezwungen? Wo liegt die Urheberschaft am Zerfall, die Urheberschaft an der Aggressivität, an der Entzivilisierung? Die Frage ruft nach einer nüchternen historisch-materialistischen Analyse. Einer Analyse, die die ökonomischen Triebkräfte des Kapitalismus in den Mittelpunkt stellt. Denn es ist ihr Griff nach den lebendigen Quellen des Werts, der seine Aggressivität und entzivilisierende Gewalt auf jeder Stufe der kapitalistischen Entwicklung in historisch neuen Formen hervorbringt. Auch jetzt wieder, in einem auf Jahrzehnte angelegten Angriff, der den fordistischen Angriff von vor hundert Jahren auf neuem Niveau wiederholt.

Dies wird aus den zuvor unerforschten Materialien der amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Board, Fed) ersichtlich. Ihre Auswertung drängt dazu, unsere Einschätzung der aktuellen Krise und der gegenwärtigen imperialistischen Aggressivität auf die Höhe der aktuellen kapitalistischen Entwicklung zu bringen. Sie sagt uns, dass beide aus einer epochalen Innovationsoffensive resultieren, die die Fed mit Hilfe zweier Finanzblasen systematisch entfesselt hat. Danach sind die Blasen von 2000 und 2007 absichtlich und der Crash von 2008 bewusst herbeigeführt worden. Und nicht etwa, um das spekulative Kasino unter Vernachlässigung des produktiven Sektors mit Geld zu füttern, wie es eine gängige Legende will. Ganz im Gegenteil: um den neuen IT-Technologien schockartig zum Durchbruch zu verhelfen und ihre Start-ups mit ausreichender Nachfrage zu versorgen. Die Ziele: erstens die tradierten Formen von Arbeiten und Leben fundamental zu entwerten und zu zerstören; zweitens die Initiative im Kampf gegen die Arbeiter*innen schlagartig zurückzugewinnen; und drittens die gefährdete globale amerikanische Hegemonie zurückzuerobern. (2) Es ist die im Zuge dieser Offensive entwickelte Aggressivität, die sich in einer neuen Politik der sozialen Spannung ins Innere der Gesellschaften und der militärischen Spannung nach Außen materialisiert. Und das weltweit an vielen Fronten: im Krisenbogen von der Ukraine bis in den Nahen Osten ebenso wie im Südchinesischen Meer, im Maghreb, im Inneren Afrikas.

Die Fed konzipierte ihre Offensive ausdrücklich in der Orientierung am fordistischen Angriff. Und so begreifen wir auch die neue Politik der Spannungen in ihrer ganzen Bedeutung und Tragweite besser, wenn wir den krisenhaften Weg der fordistischen Offensive nachzeichnen, vor allem seine Anfänge. Denn gleichermaßen stehen wir mit der aktuellen Krise der heutigen Innovationsoffensive auch erst am Anfang einer langen Entwicklung. Ich habe das in Gerhard Hanlosers Buch detailliert dargestellt . (3)  Hier muss eine Skizze genügen.

Schon die fordistische Offensive zielte, wie auch die heutige wieder, auf die Umwälzung der gesamten Lebensverhältnisse, auf die Zerstörung und Entwertung der alten Arbeits- und Lebensformen und die Errichtung eines neuen kapitalistischen Kommandos im Rationalisierungszugriff auf die lebendigen Quellen des Werts. Ihr industrieller Kern lag zunächst in der Elektro- und chemischen, dann in der Autoindustrie. Hier verband sie sich am deutlichsten mit den Rationalisierungsangriffen des „Taylorismus“ als ihrer politischen Technologie. Sie vollführte ihren ersten Vorstoß in den USA. Dort war sie die kapitalistische Antwort auf die Insubordination der Arbeiter*innenklasse am Arbeitsplatz und den Aufruhr ihrer Familien und sozialen Zusammenhänge in den Quartieren. Diese hatten die Gesellschaft bis an den Rand der sozialen Revolution gebracht. Ihre Gegenmacht, ihr Egalitarismus, ihre Autonomie, Selbstbewusstsein und Fähigkeiten zur Selbstorganisation waren mit den alten Formen kapitalistischer Herrschaft in Arbeit und Produktion nicht zu brechen.

Neue Akteure in Deutschland nahmen die Impulse dieses Angriffs auf und griffen damit nach der Macht. Die in ihnen verwirklichten aggressiven Energien waren für das europäische Umfeld beunruhigend, in ihrer Heftigkeit sogar für die Konkurrenz aus den USA. In Europa ließen sie ihre Konkurrenten weit hinter sich. Die innovatorischen Kräfte vor allem aus der Elektro- und chemischen Industrie beanspruchten die Mitte Europas als Machtraum und Basis für die ökonomische Eroberung der Welt. Ihre zentralen Akteure und Träger hegemonialer Aggressivität waren die neuen innovativen Ober- und Mittelschichten. Genauer: die Unternehmer und die Avantgarden aus Technik und Management, Ingenieure und Bürokraten zumeist. Ihr elitärer Anspruch einer neuen „Zivilisation“ verband sich mit rassistischen Zuschreibungen von Minderwertigkeit, Rückständigkeit und „Gefahren“ an ihr europäisches Umfeld (vor allem die „slawische“ Gefahr). Dies hatte seinen Grund in den Entwertungsstrategien der Innovationsoffensive, die sie über die Rüstungskonkurrenz ins Innere der umgebenden Länder übertrugen. Hier jedoch, vor allem in Ost- und Südosteuropa war sie konfrontiert mit wachsendem Widerstand.

Wie heute war die Innovationsoffensive getragen von einer ab 1906 dramatisch aufschäumenden Investitions- und Spekulationswelle. Die Wirtschaftshistoriker vergleichen sie in ihrer Bedeutung und Wucht mit der IT-Offensive. Wie heute wieder, so war die Entfaltung der technologisch enorm gesteigerten Produktivität ihrer Leit- und Anwendersektoren blockiert vom Ausbleiben der Nachfrage, auch aus ihren Peripherien, den damaligen „emerging markets“. Dies hatte seinen Grund in den sozialen Widerständen aus den tradierten Arbeits- und Lebensformen. Die Blockierungen summierten sich ab 1913 zu einer tiefen Krise mit den Ausmaßen einer Großen Depression, vor allem in Deutschland und den USA. Sie war auch eine Krise der aggressiven Kräfte und ihrer neuen aufstrebenden Schichten und ging einher mit einer existenziellen Krise der alten Bourgeoisie des Kaiserreichs und ihrer lahmenden Energien. Gegen diese Doppelkrise sind die Kommandohöhen des Reichs, getrieben vor allem von seinen innovativen Kräften, in den Krieg gegangen. Krieg als blutige Quelle der Nachfrage nach Industrieprodukten. Krieg als Gewaltressource zum Durchbruch der innovativen Kräfte und der fortgesetzten Zurichtung der Gesellschaft. Krieg als Mittel der Zerstörung peripherer Gesellschaften und ihrer Zurichtung zu neuen Quellen des Werts.

Von beklemmender Analogie hierzu ist die Krise der heutigen Innovationsoffensive. Ihrer gesteigerten Produktivität fehle eine ausreichende Nachfrage, warnen die Spitzen der amerikanischen politischen Ökonomie. Ihre Quellen in den „emerging markets“ würden mangels ausreichenden Arbeitswertaufkommens versiegen. Neue Wellen der Verschuldung und der Liquidität aus geballten Wertpapierkäufen der Zentralbanken („quantitative easing“), die extrem niedrig gehaltenen Zinsen könnten dies nicht mehr kompensieren. Das führe zu einer epochalen, einer „säkularen Stagnation.“ Deflation (zu hohe Produktivität bei Nachfragemangel), Wettbewerbsdumping und –abwertung seien die ominösen Symptome. Dies und die befürchteten sozialen Unruhen würden unternehmerische Investitionsbereitschaft und die daraus fließende Nachfrage abwürgen.

Hieraus erklären sich die Steigerung der imperialistischen Aggressivität aus den Metropolen der Innovationsoffensive und die Zunahme politisch/militärischer Spannungen in ihren territorialen Randzonen. Die von ihr vorangetriebene Zerstörung und Entwertung von Arbeit und Leben ruft vor allem in ihren Peripherien Widerstände auf, die militärisch aufgegriffen werden. Beispielsweise von den IS-Eliten. Ihre Lockrufe zielen mit zunehmender Resonanz auf die hundert Millionen Jugendlichen im Nahen Osten und Maghreb, die gegen die Hoffnungen des „arabischen Frühling“ im Schnitt weniger als 2 Euro am Tag und keine Perspektiven haben. Auch in der Ukraine und in Südosteuropa verfällt das Arbeitswertaufkommen bei steigender sozialer Unruhe. Andere Krisenherde in den drei Kontinenten zeigen ein ähnliches Bild. Überall sehen sich die kapitalistischen Urheber erneut durch die Folgen der von ihnen betriebenen innovativen Lebenszerstörung „bedroht“ und in eine Politik der Spannung und zum Krieg „gedrängt“. Um sich auch diesmal in der Nachfrage aus seinen Blutbädern zu erholen und die Innovationsoffensive mit kriegerischen Mitteln zu deblockieren, wie schon vor 100 Jahren? Die Suche nach einer Antwort fordert uns theoretisch wie praktisch heraus. Einen Beitrag hierzu enthält Hanlosers Buch. Er ist für die Linke umso wichtiger, als die innovative Aggressivität außerhalb der Reichweite mechanisch-objektivistischer Methoden marxistischer Prägung liegt. Wie sehr diese überfordert sein können, zeigt seine Rezension im ak. (4)


Dezember 2015


(1)  B. Kohler, Im Weltkrieg, FAZ vom 15.11.15; K.D. Frankenberger, Der neue Krieg, FAZ vom 16.11.15; Eine Stadt im Krieg, FAZ 18.11.15; F. Jansen, Ein dritter Weltkrieg wird uns aufgezwungen, Tagesspiegel 14.11.15

(2)  D. Hartmann, Krisen, Kämpfe, Kriege, Bd. 1, Alan Greenspans endloser „Tsunami“. Eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht. Hamburg, Berlin (AssoziationA) 2015

(3)  D. Hartmann, 1914 – 2014 - ? Deutschlands Offensive im weltweiten Umbruch, in: G. Hanloser, Deutschland. Kritik, Münster 2014, S. 35. Auf den für 2016 geplanten zweiten Band meiner Krisentrilogie wird verwiesen.

(4) ak Nr. 607 vom 18.8.2015.