Detlef Hartmann

Dynamit

Die geistige Selbsterregung der Berliner Republik im Willen zur Macht

"Er war ein Riese. Er war Dynamit". Mit diesem Fanfarenstoß leitete der Chef des "FAZ"-Feuilletons Ulrich Raulff in der Ausgabe vom 28.8. den Abdruck eines Vortrags ein, den Peter Sloterdijk für eine Nietzsche-Feier in Weimar verfaßt hat. Stimmt. Die erste Welle nationaler Nietzscheerregung heizte die deutschen Avantgarden an, als sie vor hundert Jahren begannen, nach der Weltmacht zu greifen. 14 Jahre später trugen Hunderttausende eine kriegstauglich haltbar gedruckte Ausgabe von Nietzsches "Zarathustra" im Tornister an die Fronten des ersten Weltkriegs, als sie zum ersten Mal Dynamit an das alte Europa legten und es in Schutt und Asche sprengten. "Was immer Nietzsche letztlich bedeutet haben mag", schrieb Franz Neumann 1942 in "Behemoth", "-seine Rezeption in Deutschland begünstigte das Aufkommen des Nationalsozialismus. Sie lieferte dem Nationalsozialismus einen geistigen Stammvater, dessen Stil schön und nicht ein Greuel war..." Dies vor allem, wenn er "eine rauschvoll anti-humane Lehre ausbildete, deren Lieblingsbegriffe Macht, Instinkt, Dynamismus, Übermenschentum, naive Grausamkeit, die "blonde Bestie", die amoralisch triumphierende Lebenskraft waren", wie Thomas Mann etwa zeitgleich ergänzte, als er amerikanischen Studenten Nieztsches Beitrag zum Vernichtungsfeldzug der Nazis zu erklären versuchte.

1. Thomas Mann war selbst in seiner Jugend dieser Erregung erlegen und wußte, wovon er sprach. Er hätte auch keine Sekunde gezögert, die Fundstelle des "Dynamits" in den Orgien der Selbstfeier zu lokalisieren, in denen Nietzsche sich am Ende seines Schaffens erging. Sie ist eingelagert in den autobiographischen Aufriß "Ecce Homo" aus dem Jahre 1888. Hier resümiert er die Entwicklungslogik seiner Werke bis zur Schlußphase einer zum Äußersten gesteigerter Aggressivität: den Vorarbeiten des "Wille zur Macht". "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit", schreibt er "Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? —Sie steht in meinem Zarathustra. —und wer ein Schöpfer sein will im Guten wie im Bösen, der muß ein Vernichter erst sein...Ich kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum Vernichten gemäß ist, -in Beiden gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiß. Ich bin der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence". Um keinen Zweifel zu lassen: "Vernichter" auf allen Ebenen. Vernichter der unwerten "Werte" und "Moral", aber auch ganz handfest Propagandist der Vernichtung unwerten Lebens: "Jene neue Partei des Lebens, welche die größte aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden und Parasitischen wird jenes Zuviel von Leben aus Erden wieder möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen muß." Und die dazugehörende Option der Euthanasie in der internen Regieanweisung für Zarathustra aus dem Nachlaß: "Seine Lehren waren bisher nur an die zukünftige Herrscher-Kaste gerichtet. Diese Herren der Erde sollen nun Gott ersetzen...... Sie erlösen die Mißrathenen durch die Lehre vom "schnellen Tode"".

Wohlgemerkt: Raulff zitiert Nietzsche nicht etwa, er feiert er ihn affirmativ als "Dynamit" im offenen Bekenntnis zur Welt des "Ecce Homo". Und das schließt ein, daß er zugleich unmißverständlich den ganzen Kontext der Propaganda zur schöpferischen Zerstörung und Vernichtung mit aufruft. Es ist diese Fanfare, die der scheinbar unverdächtigen Diktion von Einleitung und Vortrag ihre wahre und äußerst bösartige Bedeutung verleiht. "Am Todestag, zur Sterbestunde soll Peter Sloterdijk über Nietzsches frohe Botschaft sprechen...Er will mit Nietzsche die Selbstbejahung aus dem Sündenschatten treten lassen...Wer sich zur Positivität entschlossen hat, dem soll die Selbstkritik kein Haar mehr krümmen: Wenn du zu Nietzsche gehst, vergiß die Eigenliebe nicht." "Nach Sloterdijk ist Nietzsche ein "fünfter Evangelist", der das kreative Potential des Individuums besungen hat. Mehr noch: Nietzsche, der das Selbstlob aus dem Sündenschatten befreien wollte, hat die Sprech- und Handlungsweise der sich selbst lobenden sich selbst designenden Menschheit des 21. Jahrhunderts vorweggenommen". Und Sloterdijk: "Er (Nietzsche) weiß, daß es eine weltgeschichtliche Tat ist, die künftigen Sprachenströme vom Ressentiment abzukoppeln und die eulogischen (für "Jasagenden" bei N., D.H.) Energien neu zu kanalisieren". Den "Zarathustra" preist er als "Ermuthigungsbuch", und aus Ecce Homo verkündet er Nietzsches Botschaft seines "Wegs aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen , Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Kultur -ich bin deren froher Botschafter...". Sloterdijk feiert das "Ereignis Nietzsche" in dessen Selbstlob als Erreger "gruppennarzistischer Instrumente" zur Einstimmung und "Formierung des kommunizierenden Gruppenkörpers", wie etwa "das Einschwören einer ethnischen Kommune auf ambivalenzfreie Teilhabe". Aber man hört von ihm kein offen böses Wort, wohl um "die letztjährigen Worte vom "Menschenzüchter" womöglich verständlicher zu machen" (Einleitung Raulff). Etwas gebrannt ist das Kind schon, es scheut das Feuer. So gibt sich auch am Schluß lammfromm, wenn er den Vortrag mit einem Zitat des "Zarathustraidylls des "Mittags" ausklingen läßt: "Scheue dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht. Still! Die Welt ist vollkommen". Eine "Ovation auf die vollendete Erde," nennt Sloterdijk dies mit kreideweichen Worten. Aber die hat es in sich und seine Frömmelei ist eine Verstellung von einer Unverfrorenheit, die den Atem raubt. Wir wissen: der "Mittag" ist für Nietzsche nicht stille Feier der Vollendung sondern idyllisches Vorspiel zur Barbarei. In vielen Varianten bildet er die Metapher für den Ewigkeitsmoment stiller Sammlung, bevor der Wille zur Macht sein Dynamit scharf macht und in die Entfesselung der Gewalt kreativer Vernichtung umschlägt.

2. Die samtpfötige Verstellung hat ihren Grund. Nach 1945 wurde der gefährliche Philosoph Jahrzehnte im Verlies gehalten, quasi in Quarantäne. Auf der Linken hatte Georg Lukacs Buch "Die Zerstörung der Vernunft" die Barrieren aufgerichtet, auf der Rechten zog Ernst Nolte in "Der Faschismus in seiner Epoche" nach (uminterpretiert erst viel später im Historikerstreit). Aus unterschiedlicher Perspektive stellten sie Nietzsches Bedeutung für den Nationalsozialismus und seinen Massenmord klar, ebenso unmißverständlich wie später die Historiker Stern, Bracher, Lichtheim, O´Brien. Seine Entnazifizierung wurde lange hinausgezögert und sogar die Angebote einer neuen Nietzsche-Rezeption aus den poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Strömungen Frankreichs und der USA sind hierzulande zunächst mit verschämter Ziererei durch den vorsichtig geöffneten Türspalt wahrgenommen worden. Das begann sich im Vorfeld und nach dem Anschluß der DDR allmählich zu ändern, unterstützt durch Diskursschübe auf verschiedenen Feldern ( fast technisch erregt wie etwa durch den Historikerstreit, Strauß-, Walser-, Sloterdijkskandal). Sie trieben die Entnazifizierung Nietzsches soweit voran, daß nun auf der Feier seines hundertjährigen Todestags die Entfesselung der von ihm propagierten Energien kreativer Zerstörung öffentlich zelebriert werden kann, gegen nur wenige warnenden Stimmen. Die Führung reklamieren Raulff und Sloterdijk. Wenn sie das Dynamit aus dem "Ecce Homo" in den Mittelpunkt der Festversammlung legen und den Mythos des "Großen Mittag" aufrufen, dann zielen sie auf die Entfesselung des aggressivsten Kerns Nietzscheanischer Energien.

Was sind diese Energien? Welche Bedeutung hat ihre Propaganda? Etwa bloß ideologische, symbolische, gar nur philosophische? Und geht es bloß um die eulogische Befreiung aus dem Sündenschatten des NS im Übergang zur Berliner Republik? Sicher all das auch aber damit ist die Bedeutung keinesfalls erschöpft. Um dies zu erklären, muß ich noch einmal zu Nietzsche zurück und zu seiner Rolle im "Griff nach der Weltmacht" vor hundert Jahren. Der Kontext macht seine Philosophiepolitik der Erregung aggressiver Energien entzifferbar als eine Metaphysik der Gewalt, die sich auf allen Feldern des innovativen Umbruchs zum Fordismus geschichtsmächtig gemacht hat: der Technologie, Ökonomie, Soziologie und der großen Politik ihrer damaligen "Globalisierung". Dieser Prozeß ist für uns ein unschätzbarer Lehrstoff. Denn der gegenwärtige Take-off zu einem "postmodernen" historischen Großzyklus trägt analoge Züge. So drücken sich in den

liturgischen Bemühungen der Festgemeinde des August 2000 die Bemühungen aus, die aggressiven Energien noch einmal geschichtsmächtig zu machen, die Nietzsche für den umfassenden Griff nach der Weltmacht schon einmal vorformuliert hat.

3. Wir können Nietzsche ruhig folgen und die Logik seiner Entwicklung am Leitfaden aus dem "Ecce Homo" beschreiben. Seine nachgelassenen Fragmente, seine Briefe machen dies nachvollziehbar. Es ist eine Logik, die die Stadien in der Entwicklung des "Willens zur Macht" zeichnet, von der ersten Offensive aus der "Erweckung" durch Schopenhauers Willensmetaphysik und Richard Wagners Musik (Geburt der Tragödie, Unzeitgemäße Betrachtungen) über die "Krisis" der späten 70er Jahre (Menschliches, Allzumenschliches) bis zur Wiederaufnahme und Steigerung ihrer aggressiven Dynamik in der 80er Jahren. Es ist eine sträfliche Unterschätzung seiner philosophischen Qualitäten, wenn man den "Willen zu Macht" zur lebensphilosophischen Vitalkraft oder zum Leitprinzip eines philosophischen Systems, zur ethisch-moralischen Größe oder gar auf einen psychologischen Grundbegriff reduziert. Seine komplexen Darstellungen in der Zerlegung von "inneren" menschlichen Phänomenen und Triebkräften im Verhältnis zu den Oberflächenerscheinungen des Bewußtseins sperren sich gegen solche Simplifizierungen. Ebenso entschieden allerdings ist seine philosophische Behandlung des "Willens zur Macht" als Synthesebegriff für die aggressiven handlungs- und erkenntnisleitenden Energien in der "Bemächtigung" der Welt. Und hier scheint die ganze Komplexität des Nietzscheanischen Zugriffs auf. Er zielt auf die die Totalität der Bemächtigung auf allen Feldern: der Moral, der Kunst, der Geschichte, der Biologie, der Gender-Politik, der Psychologie, der Philosophie im engeren akademischen Sinn, des Klassenkampfs, der großen Politik, der Technologie und der Ökonomie. Ja wirklich: auch der Ökonomie. Es gibt derart viele Ansätze zur Ökonomie als Aufmarschfeld der aggressiven Energien kreativer Zerstörung aus dem Willen zur Macht, daß ich mich wundere, warum sie so wenig Beachtung erfahren haben. Weil sie ins Zentrum historisch-materialistischer Analyse gehören und weil gerade sie für die wilhelminische Innovationsoffensive im Griff nach der Weltmacht besonders wichtig geworden sind, will ich sie auch in den Mittelpunkt stellen.

In den Vorarbeiten zum "Willen zu Macht" (Nachlaß Herbst 1987, in unmittelbarer Nähe zum "Ecce Homo") heißt es zu den Strategien, in denen sich der "Übermensch" aus der Gewalt der Arbeitsunterwerfung als progressiver technokratischer Herrentypus materialisiert und erschafft: "Ich versuche eine ökonomische Rechtfertigung der Tugend. — Die Aufgabe ist, den Menschen möglichst nutzbar zu machen und ihn, soweit es irgendwie angeht, der unfehlbaren Maschine zu nähern: zu diesem Zwecke muß er mit Maschinen-Tugenden ausgestattet werden..." "Auf jenem ersten Wege entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die Instinkt-Bescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des Menschen...Haben wir erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschafts-Gesamtverwaltung der Erde, dann kann die Menscheit als Maschinerie in deren Diensten ihren besten Sinn finden: -als ungeheures Räderwerk von immer kleineren, immer feineren "angepaßten" Rädern; als ein immer wachsendes Überflüssig-werden aller dominierenden und kommandierenden Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren Minimal-Kräfte, Minimal-Werte darstellen. Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen an eine spezialisierte Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten Bewegung, der Erzeugung des synthetischen, des summierenden, des rechtfertigenden Menschen, für den jene Machinalisierung der Menschheit eine Daseins-Vorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem seine höhere Form zu sein sich erfinden kann..." "..er steht auf ihnen, er lebt von ihnen,..ein Maximum der Ausbeutung des Menschen..." "Mein Begriff, mein Gleichnis für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort "Übermensch"".

Die Selbstherstellung und Selbstkonstitution des "Übermenschen" als manageriale Avantgarden aus dem techno-logischen Angriff, in der psychotechnischen Bemächtigung, in der arbeitsorganisatorischen Zerstörung von produktiver Autonomie, das sollte auch strategischen Kern des tayloristisch-fordistischen Projekts im Klassenkrieg werden. Dieses Projekt begriff er als weit in die Zukunft reichenden Prozeß der Globalisierung zur "Wirtschafts-Gesamtverwaltung der Erde", im ökonomisch-technischen Griff nach der Weltmacht durch "ungeheure sozialistische Krisen" hindurch und unter der Regie neuer "Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts."

In Entsprechung zur Formalisierung im Kommando über die Arbeitskraft behandelt er auch die formale Logik als Produkt aus dem Prozeß gewaltsamer "Bemächtigung", des "Willens zu Macht": logische Verknüpfungen, Mengen, Zahlen, logische Axiomatik etc. Formale Logik nicht als Vorgefundenes, sondern als Konstituiertes ist uns ja inzwischen geläufig und der amerikanische Kybernetiker Herbert Simon hat Taylor sogar zum Gründungsvater der Kybernetik erheben wollen. Aber die Schöpfung formaler Logik aus dem gewaltsamen Prozeß der Bemächtigung und wertschöpfender Unterwerfung ist ein Thema der politischen Technologie, das selbst heute für viele Linke noch ein ungewohnter Gedanke. Er ist gleichwohl für unseren Zusammenhang wichtig, denn in der gegenwärtigen Offensive des "Willens zur Macht" spielt die techno-logische Bemächtigung eine gleichermaßen zentrale Rolle.

Auch die große Politik der Selbstzüchtung einer europäischen Herrenrasse (Stichwort: der "gute Europäer") behandelt Nietzsche als Ausdruck des Willens zur Macht. Wenn er die Juden gegen den plumpen gewöhnlichen Rassismus und Antisemitismus dazu einlädt und ihre Eliten (unter Ausschluß osteuropäischer Immigranten) gar aufgrund ihrer Selbstbehauptungs- und Erwerbsenergien mit märkischen Adeligen in die europäische Herrenrasse einschmelzen will (u.a. Jenseits von Gut und Böse), so verstehe ich nicht, was daran anti-antisemitisch sein soll, wie es jetzt allseits gerühmt wird. Seit den frühen Schriften gilt sein Haß ungebrochen (mit kurzzeitigen Abmilderungen zur Zeit seiner "Krisis" Ende der 7oer Jahre) der jüdisch-christlichen Moral der Schwäche und des Mitleids und dem semitischen passiven und "lüsternen" Sündenfallmythos, die er in einem Topf mit der sozialistischen Gleichmacherei und den weiblichen Instinkten zum Antagonisten des "arischen" männlichen Willens zur Macht stilisiert. Uriel Tal hat dies als "antichristlichen Antisemitismus" etikettiert, als Bestandteil einer fundamentalen gewalttätigen Matrix der Feinderklärung.

4. So konzipiert Nietzsche den Willen zu Macht nicht als System, sondern als gewaltsamen historischen Prozeß schöpferischer Zerstörung, in denen die aggressiven Energien der Bemächtigung sich zu neuen Gestalten befreien, emanzipieren, Hervorbringen, hochzüchten, ausdifferenzieren. Von Oben, in der Emanzipation vom ancien Regime der liberalistischen Bourgoisie in der Revolte gegen die erstarrten Gestalten ihres Bildungsbürgertums. Aber begriffen als grundsätzlicher Entwurf einer Metaphysik der Gewalt für die Dynamik geschichtlicher Bewegung auf allen Feldern menschlicher Existenz, von denen ich nur einige exemplarisch berührt habe.

Es ist klar, daß er nicht der politische Philosoph der Gründerzeit werden konnte und daß seine geradezu explosive Rezeption erst mit dem Umbruch auf eine neuen Stufe der politischen Ökonomie beginnen konnte. So wurde er nicht nur zum philosophischen Impulsgeber der Befreiung neuer Eliten aus den Fesseln des alten hochbürgerlichen Regimes, sondern auch des deutschen "Griffs nach der Weltmacht", des Anspruchs deutscher Innovationseliten auf eine hegemoniale Rolle im damaligen Prozeß der Globalisierung.

Die Kräfte dieser Globalisierung waren die neuen Avantgarden, die den Durchbruch durch Klassenwiderstand und Verwertungsstagnation der sogenannten "großen Depression" in einer innovativen Offensive suchten. Sie hatten ihren Kern in einem neuen aggressiven Unternehmertum und managerialen Avantgarden der "wissenschaftlichen Betriebsführung" und Rationalisierungsstrategien vor allem aus den innovativen Schlüsselindustrien. Seine herausragenden Exponenten orientierten sich im Kult des "heroischen Unternehmers" und in der Zugriffshärte seiner neuen Rationalität bewußt an Nietzsche: Wichard von Moellendorff, Walther Rathenau (beide Manager der AEG, der damalige innovative "Up-start"), Max Weber, Alexander Tille sind herausragende Beispiele. Vor allem Rathenau, der um die Jahrhundertwende einer heißen nietzscheanischen Fan-Gemeinde um die avantgardistische Zeitschrift "Die Zukunft" angehörte, verdanken wir eine Fülle von Schriften zur Erschließung von Niertzsches Spätwerk und seiner aggressiven Energetik für die deutsche Innovationsoffensive (herausragend "Zur Kritik der Zeit" und "Zur Mechanik des Geistes"). Der amerikanische Technologiehistoriker Thomas Hughes hat ihn(gegen seine eigene Bescheidenheit) zum säkularen "System Builder" hochstilisiert und kein anderer als Ulrich Raulff hat Hughes bei Wagenbach in einem Rathenaubüchlein 1990 geradezu programmatisch exakt zum "Anschluß" der DDR publiziert.

Die politisch-ökonomische Fundierung erhielt die Innovationsoffensive durch Theorien des aggressiven Ungleichgewichts und der "schöpferischen Zerstörung" vor allem bei Josef Schumpeter. Sie wird oft verharmlosend mit der kreativen Rolle der Unternehmerfunktion vorgestellt, in der Regel schlagwortartig. Wohlweislich. Denn sein grundlegendes Werk, die 1911 erschienene "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" setzt die Akzente der Akkumulationstheorie unmißverständlich auf Zwang und Gewalt. Sie stellt die soziale Aggressivität der Unternehmerfunktion derart radikal ins Zentrum kapitalistischer Akkumulationsdynamik, daß man geradezu von einer politischen Ökonomie unternehmerischer Gewalt und zerstörerischer Aggressivität sprechen kann. Als "Führer" und "Feldherr" im "Kraftüberschuß" seines "Siegerwillens" und im Ausbau seiner "Herrenstellung" setzt setzt der Unternehmer Innovationen gegen den sozialen Widerstand und Gegendruck durch. "Ohne Schonung, bis zur ultima ratio der völligen Vernichtung der mit hoffnungslos Unangepaßtem verbundenen Existenz" heißt es in einer Radikalität, die an Nietzsches bösartigste Äußerungen erinnert. So ist es konsequent, daß er am Schluß seines Buchs die "bewußte Politik der Rassenhygiene" zur paradigmatischen Leitvorstellung organisierter Innovationspolitik erklärt. Demonstrativ bekannte Schumpeter, wo er sich selbst politisch verortete. Obwohl er der katholischen Bourgeoisie Österreichs entstammte, annoncierte er das Buch persönlich in der deutschen "Zukunft". Sie war inzwischen zum führenden Organ der aggressiven Avantgarde deutscher innovativer Eliten und der damaligen "neuen Mitte" avanciert.

5. Schumpeter ist inzwischen wieder prominent als Impuls- und Ideengeber der modernen Wachstumstheorie etabliert und der "New Economy". Die Crème der US-amerikanischen politischen Ökonomie (Romer, Helpman, Dornbusch, Harberger) berufen sich auf ihn. In Deutschland hat Herbert Giersch Anfang der 8oer die Schumpeter-Renaissance vorausgesagt, die Herald Tribune hat vor kurzem ein Wachstum der fachwissenschaftlichen Berufung auf Schumpeter von 50 Schriften im Jahr 1991 auf 2000 allein in den 5 ersten Monaten des Jahres 2000 konstatiert. Die "Wirtschaftswoche" prämiert regelmäßig in einer mit "Schumpeter" überschriebenen Kolumne die besten Beispiele "schöpferischer Zerstörung". Im Begriff der "schöpferischen Zerstörung" wird heute wieder die innovatorische Aggressivität der aktuellen Wachstumsstrategien subsumiert, die im Aufprall auf rückständige Sozialstrukturen die Welt umpflügt und ihre Anpassungsimperative globalisiert, die Unterworfenen aus den alten Strukturen "herausbricht, ob sie wollen oder nicht" (Sloterdijk) und sie einem neuen und intensiveren Zugriff wertschöpfender Gewalt unterwirft. Der Rückgriff auf Schumpeter nähert seine Diktion allmählich an die Aggressivität des Meisters an. So propagiert beispielsweise der Bochumer Arbeitsökonom Staudt in der FAZ für den Aufbruch der "innovativen Kräfte" im Prozeß der "schöpferischen Zerstörung" "Partisanenstrategien", mit denen die "Partisanentrupps" von "Ausgewählten" die hemmenden Hindernisse aus "runden Tischen" und Konsensbedürfnissen durchbrechen können.

6. Die geballte Aggressivität der aktuellen Innovationsoffensive im Prozeß ihrer "schöpferischen Zerstörung" und wertschöpfenden Unterwerfung auf allen Feldern sozialer Produktivität ist daher der Kontext, in den sich die Erschließung nietzscheanischer Energien und die Entnazifizierungfeier dieses ersten August einer neuen Epoche einlagert. Die FAZ-Redaktionspolitik, Raulff, Schirrmacher und ihr Matador Sloterdijk lassen daran keinen Zweifel. Im direkten Vorgriff auf die Feier lanciert Frank Schirrmacher in der FAZ vom 10. August eine Publikationsoffensive unter dem Titel "System Builders" unter Berufung auf Hughes, der Raulff 199o geholfen hatte, die Rathenau-Renaissance zu fördern. Es geht um die Propaganda der neuen innovativen Avantgarden, denn "wir sollten anfangen, uns ein Bild von den Krupps der Zukunft zu machen". "Es sind Ingenieure. Aber Ingenieure, die in die Schule des "Zauberbergs" (und damit Nietzsches, D.H.) gegangen sind. Sie sind den Edison, Pasteur, Werner von Siemens, Alfried Krupp, den Rathenaus ...verwandter als Einstein oder Bohr...Sie werden die größte Umwandlung erzeugen, wie je ohne Krieg zustande gekommen ist." Ohne Krieg? Wers glaubt. Der Krieg gehört mit Nietzsche und seinen 1900er Avantgarden zum Medium schöpferischer Zerstörung par excellence. Sloterdijk hatte schon in "Selbstversuch" den gegenwärtigen Globalisierungsprozeß zum "Tiefenweltkrieg" erklärt. "Vor uns liegt ein Weltalter, in dem der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern wieder mit antiker Härte und vorchristlicher Unbarmherzigkeit an den Tag tritt", den man früher mit "Sozialdarwinismus" bezeichnet habe. "Sämtliche Themen, die für sterbliche Wesen wichtig sind außer dem sozialen Netz...Dazu gehört....die Entdeckung, daß die Initiative der Nerv des Krieges ist, und daß schon zum schlichtesten Leben Unternehmertugenden gehören."

Es ist offensichtlich, daß die FAZ den aggressivsten Ton im Chor der Nietzsche-Festgemeinde angibt. Die Komplizenschaft und die Bereitwilligkeit zu folgen zeigt sich bei den übrigen Begleitstimmen des Chors im Lob von seiner Modernität und Postmodernität unter Verkürzungen des gewalttätigen Kerns seiner Philosophiepolitik bis zum Verschweigen und zur Lüge. Rüdiger Safranski kommt als Autor eines vielgepriesenen "Nietzsche"-Buchs in des SZ (25.8.) und FAZ (26.8.) zu Wort. In seinem Buch würdigt er ihn als "Anti-Antisemiten", die lediglich einige Gedanken als Anregung genutzt haben. In der SZ steigert sich das zum "totalitären Mißbrauch" durch Hitler (ja was denn, gehörte Nietzsche nicht gar posthum zum Widerstand??) Safranski hat das empfehlenswerte Buch von Steven Aschheim über "Nietzsche und die Deutschen" gelesen, das eine Fülle von Arbeiten über den Beitrag von Nietzsches Philosophie zum NS behandelt, die er zur Herstellung seines beschönigenden Bildes als Mißbrauchter schlicht ausblendet. Die barbarische Aggressivität Nietzsches und seine Vernichtungsphantasien? Alles "Tollheiten", die er hätte vermeiden können, wenn er an dem festgehalten hätte, was Safransky das philosophische "Zweikammersystem" nennt. Nietzsche schlägt in "Menschliches, Allzumenschliches" einmal vor, die die Überhitzungerscheinungen der dionysische Kraftquelle barbarischer Dynamik durch einen wissenschaftlichen Regulator zu moderieren. Aber Safransky unterschlägt, daß er diese Zeit als "Krisis" bezeichnet, in den Briefen als Schwächeperiode nach dem Eingeständnis des Scheiterns von seiner und Wagners erster Offensive. Danach aber verabschiedete er sich schnell und mit zunehmender Aggressivität vom Gedanken der Moderation. Zurecht hält der ausgezeichnete Nietzsche-Kenner Uwe Wenzel Safranski ironisch in seiner Rezension in der NZZ vom 19.August den Vorwurf der Heuchelei entgegen: "Gewiss. Aber er wäre dann auch nicht mehr Nietzsche gewesen, nicht mehr der der Nietzsche, den man liest, um der einen Hirnkammer einzuheizen." Touché! In der SZ läßt Safranski aus Nietzsches "Heiligung des Schöpferischen" einfach die Zerstörung ganz weg. Und am Schluß des Buchs beschwört Safranski in seinem Bekenntnis zu Nietzsche den Rausch des Dionysischen, für den bei Nieztsche das Musikerlebnis steht, "..daß es das Ungeheure ist, diese große Musik der Welt, die einen nicht losläßt."

Die FR schlurft in beschämender Haltung hinterher. In der Ausgabe vom 3.8. läßt sie den Nietzsche-Experten Martin Jay in einem Bericht über die wohlwollende Nietzsche-Rezeption in den USA erst man das Festparkett blankscheuern (hat man bei Steven Ascher erst garnicht nachgefragt?), um dann von Nietzsche durch den Italiener Vattimo nur noch den Erzieher "zum Freisein" übrigzulassen -ohne Vattimos Darstellung der Verdienste des protofaschistischen Schriftstellers d’Annunzio für die italienische Rezeption auch nur mit einem Wort des Kommentars in Zweifel zu ziehen. Manfred Schneider rundet das Bild dann mit einem wohlwollend-neutralen Artikel über Nietzsches Sprachphilosophie ab. So auch Gert Mattenklott in der "literarischen Welt" über "die schöne Narretei, das Sprechen", der in geradezu dümmlich-skandalöser Weise Nietzsche zum sprachphilosophischen Freiheitshelden hochschraubt: "Woher diese an Ausgelassenheit grenzenlose Freiheit, die in das 19. Jahrhundert einbricht wie ein Naturereignis?". Nietzsche sagt Dir, woher, Mattenklott, in tausend Varianten sagt er es Dir: aus der Gewalt und der Zerstörung. In derselben Ausgabe stilisiert Günter Figal, der dieses Jahr bei Reclam einen Nietzsche-Almanach in fast biedermeierlichem Duktus abgeliefert hat, seinen Helden zum "guten Europäer" in der Mitte, der glücklichen Mitte zwischen den Extremen. Kein Kommentar. "Die Zeit" putzt Nietzsche mit Vattimos Hilfe zum gemäßigten Pluralisten zurecht und überläßt es dem amerikanischen Philosophen Rorty, ihn in die Galerie amerikanischer Pragmatischer zu quetschen, verbunden mit der Warnung, Hitler und Heidegger nicht die Interpretation Nietzsches zu überlassen. Zu spät, Hitler und Heidegger haben Nietzsche geschichtsmächtig gemacht, irreversibel. Und? Da ist der Spiegel entschlossener (34/2000): Er erklärt Nietzsche zum brillanten Verfasser eines Manifest der Postmoderne, macht im Mißverständnis Sloterdiks (dem werden Schauer des Entsetzens den Rücken runtergelaufen sein) aus dem "großen Mittag" eine Art Bergpredigt und erklärt die späteren Übertreibungen einfach für verrückt.

Es bleibt gottlob Richard Herzinger, der im Tagesspiegel vom 25.8. den neuen Nietzsche-Kult und das Weglügen auf der Linken als Rechtsruck diagnostisziert und an seinem Verständnis des latenten (wieso nur latenten?) Gewalttäters keinen Zweifel läßt. Mit angemessener Entschiedenheit tritt Bernard Edelman (als Autor eines letzten Jahrs erschienen "Nietzsche"-Buchs)am 25.8. in Le Monde dem Anithumanismus Nietzsches als Propagandist biopolitischer Revolution von oben mit der Aufforderung zur Militanz gegen ein gentechnologisches München entgegen. Warum ist Edelman hier nicht eingeladen worden?

7. Doch wozu ist Gewalt gut? Der Sinn dieses Beitrags war es nicht, Nietzsche Gewalttätigkeit vorzuwerfen und der Festgemeinde Verlogenheit. Sie sind nicht Verlogen, sie üben allenfalls taktische Verstellung bester Nietzscheanischer Rezeptur und deutscher Vergangenheitsbewältigung. Der Sinn war es, den Beitrag der Philosophie zur Selbsterregung und Einübung aggressiver Energien der Berliner Republik im Willen zur Macht auszuleuchten, für eine neue Etappe im Prozeß einer umfassenden "schöpferischen Zerstörung", für einen neuen "Griff nach der Weltmacht".