Detlef Hartmann       

Zurück zu den sozialen Fronten der Globalisierung

Dies ist ein Appell, die Diskussion über Bewegung, Widerstand, Selbstorganisation und Konstitution der revolutionären Subjektivität stärker von der Makroebene der Foren und Forderungen an die sozialen Fronten der unmittelbaren Kämpfe zurückzuholen. Die Erfahrungen aus dem Streik bei Gate Gourmet und  seiner Ausstrahlungen ins soziale Terrain sind dafür ein guter Ausgangspunkt

Es sieht so aus, als hätte die Linke ihre Debatten zu sehr in Form von Diskursen und idealtypischen Begrifflichkeiten organisiert. Begriffe wie „Globalisierung“, „Prekarisierung“ und „Gouvernementalität“ scheinen einen grundsätzlich – idealen Inhalt zu haben, ohne dass wir und noch um ihren Ausdruck im historisch – materialistischen Prozess der Kämpfe kümmern müssten. Globalisierung erscheint als Organisationsprinzip weltweiter Ausbeutung, denen Ressourcen, Menschen, Länder unterworfen werfen, ohne noch Möglichkeiten der Einflussnahme zu haben. Der Akkumulationsprozess wird als „entbettet“ und als „wilder Kapitalismus“ aus den moralischen und zivilisatorischen Bindungen gelöst betrachtet dem Zugriff von Heuschrecken hilflos ausgeliefert.[1] Die Verarmungspolitik wird als Politik der Ausschließung und Raubpolitik dargestellt, in der den Menschen erkämpfte Sozialleistungen genommen werden, um den Geldwert dem Kapital einzuspeisen. „Gouvernementalität“ wird als Inbegriff von „Selbsttechniken“ behandelt,  die das postmoderne Regime charakterisieren. Die Debatten hierüber werden als „Diskurse“ betrieben, in denen diese Prinzipien einen zwar zur postmodernen Welt gehörigen aber ansonsten überzeitlichen Eigenwert zu haben scheinen. Ihre Rückführung und Behandlung im Kontext der unmittelbaren Kämpfe ist verhältnismäßig selten. Damit nehmen sie Merkmale an, die schon Max Weber als „idealtypisch“ sowohl behandelt als auch kritisiert hat.

Dementsprechend geht die „idealtypisierende“, die philosophische und diskursive Herangehensweise an „Gouvernementalität“ an dem aggressiven Charakter dieses sozial-strategischen Angriffs vorbei. „Selbstaktivierung“, „Selbstdisziplinierung“, „Selbstrationalisierung“, „Autovalorisazzione“, „Selbstinwertsetzung“, bis hin zur „Ich-AG“ bilden mit der einhergehenden „Prekarisierung“ der alten Verhältnisse das Kerncharakteristikum eines komplexen weltweiten Angriffs. Wenn wir ihn richtig begreifen wollen, dann aus den Kämpfen von unten an den verschiedenen Fronten der Globalisierung:

*      der arbeitsstrategischen Front gegen die ArbeiterInnenklasse von hier bis in die drei Kontinente; der Front sozialer Umstrukturierung, die wir mit unseren Vorstellungen von Hartz IV völlig unzureichend begreifen;

*      der Front eines Zwangs zu selbstaktivierender Inwertsetzung der binnen- und transnationalen Migrationsströme in und aus den drei Kontinenten, den Konzepten des Mikrounternehmertums, wie es in den Sozialstrategien von gtz/KfW deutlich wird;

*      und vor allem den strategischen Vorstellungen einer neuen „Wissensgesellschaft“.

Aus den Kämpfen heißt: aus der Perspektive und den Formen, in denen sich die kämpfende Subjektivität in der Auseinandersetzung mit den aufgedrängten Formen der Selbstaktivierung zur Geltung bringt. Heißt: nicht aus der Wissenschaftlichkeit der Unterwerfung, sondern aus dem Gegenwissen und den Kampferfahrungen, die die intellektuelle „Kritik“ in derselben Weise hinter sich lässt, wie Rosa Luxemburg dies in der Überschreitung der marxistischen kritischen Ökonomie gefordert hatte.

Wir werden all dies als notwenigen Kern einer Debatte über „Sicherheit“, „Gouvernementalität“, bis hin in die philosophischen Auseinandersetzungen zum Thema eines Work-Shops auf dem diesjährigen BUKO (Die sozialen Fronten der Globalisierung und die Sicherheit“) Hier ein kurzer Aufriss für das Treffen in Hamburg.

II. Soziale Fronten.

1. Aus dem Streik bei Gate Gourmet haben wir gelernt, wie militant die kämpfende Subjektivität sich mit den Sozialtechniken des Zwangs zur Selbstaktivierung und Selbstrationalisierung auseinandersetzen und sie überschreiten kann. Exemplarisch haben sich die KollegInnen in diesem Kampf als „Subjekt der Erkenntnis“ konstituiert und dies in sehr komplexer Weise. Sie haben den Zwang zur Selbstrationalisierung präzise als Angriff auf ihre gesellschaftlichen Strukturen und ihre personale Integrität analysiert und in dieser Analyse die Sozialstrategien der Heuschrecke und McKinseys genau abgebildet. Sie haben in der Streikauseinandersetzung die Wiederherstellung ihres sozialen und personalen Selbst bewusst praktiziert und reflektiert. D.h.: nicht als Kritik, nicht als militante Kritik oder praktische Kritik, sondern umgekehrt als kritische Militanz. Das heißt: sie waren nicht nur auf der Höhe der kapitalistischen Vergesellschaftungsstrategien, sondern darüber hinaus. Sie haben zusammen mit den UnterstützerInnen aus analogen und korrespondierenden sozialen Fronten den übergreifenden Charakter dieser kämpfenden Erkenntnis gegen die gesamtgesellschaftliche Rationalisierungsoffensive erfahren und begriffen. Sie haben darin gemeinsam diese Erfahrungen auf den Weg in eine unbestimmte Zukunft gebracht.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, den Ort in der historischen Dynamik der Kämpfe gegen die Zwänge zur unternehmerischen Selbstunterwerfung („Intrapreneur“) als Selbstverwirklichung zu bestimmen. Wir wissen, dass die Industriesoziologie des Kapitals den krisenhaften Prozess der sozialstrategischen Zwänge zur Selbstrationalisierung sehr viel genauer registriert, als die philospophischen Diskurse zur „Gouvernementalisierung“ dies erkennen lassen. Grob kann man sagen, dass der durch äußere und innere Prekarisierung induzierte Zwang zur „Selbstbewirtschaftung“ und „Selbstrationalisierung“ in den 90er Jahren nicht nur in der Autoindustrie, sondern auch in anderen Industrien in erhebliche Motivationskrisen geraten ist. Erwähnt seien aus der reichhaltigen Literatur, die dies reflektiert und zur Kenntnis genommen hat, die Arbeiten von Springer, Willmott, der MitarbeiterInnen des Göttinger SOFI-Instituts (hier vor allem: Dörre, Schumann). Die Krise wird in den psychischen und sozialen Widerständen begriffen, die die Strategien des Zwangs zur Selbstaktivierung .-auch in „halbautonomen Gruppen“- und der sich in ihr ausdrückenden inneren Prekarisierung blockieren und ins Leere laufen lassen. Auf der Managementebene registrierte sie dies als Krise der Profit-Center und organisatorischen Module. Mehr als bisher müssen wir diese Widerstände und Blockierungen im Alltagsverhalten der ArbeiterInnen bis hin zu Sabotage und organisiertem Kampfverhalten, wie er im Gate-Gourmet-Streik zum Ausdruck gekommen ist, auch in ihrer historischen Dynamik erschließen und zum Ausgangspunkt der kommenden Kämpfe machen. Wie bei Gate Gourmet und ähnlichen Auseinandersetzungen schon sichtbar, ist zu erwarten, dass die unmittelbaren Kämpfe an diesen sozialen Fronten der Globalisierung ihren Erfahrungsraum in andere Bereiche der Gesellschaft ausdehnen und sich mit ihnen konsolidieren. Erst diese Erfahrungen vermögen dem diffusen Diskursraum der Richtungsforderungen, Gouvernementalitätsphilosophien, Klagen und Kritiken ihren eigentlichen materialistischen Kern zu geben. Zentral ist dabei, dass wir unter der diskursiven Ebene der Gouvernementalitätsphilosophien den Angriffscharakter der Zwänge zur Selbstaktivierung an den sozialen Fronten der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erkennen und zwar aus der Perspektive der Kämpfe.

Erst dann werden wir auch in der Lage sein, die Suche nach einem Ausweg des Kapitals aus dieser Krise einzuordnen, wie sie zum Beispiel Michael Schumann als Leiter und Ideengeber des SOFI im Laboratorium Wolfsburg als „deutsches Produktionsmodell“ konzipiert und in der Feinsteuerung kommunitärer Praktiken zur Bewältigung und Elimination von Widerständen erprobt. Ein Zitat:

„Ausruhen auf Kosten von Kollegen wird von den Arbeitsgruppen noch weniger geduldet als in Einzelarbeitsstrukturen. Dass die Kombination aus erhöhten Leistungsanforderungen und größerer interner Transparenz die Gefahr von Gruppendruck und Ausgrenzungsprozessen verstärkt, ist nicht zu übersehen; zentrale Elemente selbstorganisierter Gruppenarbeit bieten aber die Chance, dass rigide Verarbeitungsformen der Leistungskonflikte weniger wahrscheinlich werden.... „ Man muss schon wissen, will er das nicht machen oder kann er es wirklich nicht“. Und bei Dörre: „Diese ‚Okkupation des Geistes’ ist das Ergebnis gelenkter Partizipation.“

2. Von Schumann und Dörre zu den Selbstaktivierungs- und -disziplinierungszwängen im Rahmen von Agenda und Hartz IV ist es nur ein ganz kleiner Sprung. Die Autorengruppe von „Schwarzbuch Hartz IV“ hat den Zwängen zur Selbstunterwerfung, Wissenshergabe, Selbstouting, Selbstüberanwortung, Selbstaktivierung in detaillierten Berichten breiten Raum gewidmet. Wir haben sie in den historischen Kontext der Erneuerung des Kapitalismus aus der Krise des Fordismus verortet:

„Da die Methoden fordisitischer Bemächtigung des Subjekts an ihre Grenze gekommen waren, wird die Eigenleistung zu einer unverzichtbaren Voraussetzung für den wissensgesellschaftlich vertieften Zugriff auf das Humane. Bei Strafe des Ausschlusses und Untergangs musst du dich selbst aktivieren. Du musst dein umfassendes Verlangen nach Autonomie, Freiheit und der Eigenheit deines Selbst negieren. Du musst dich in einem Prozess von tausenden und abertausenden Befragungen öffnen und bei der Erschließung deiner Ressourcen helfen“ (S. 165).

Der Band enthält auch einen Bericht über die Vielfalt der Widerstandsaktionen, die all dies im Einzelnen zum Ausdruck bringen. Versäumt haben wir allerdings, die Beziehungen zwischen Widerständen und Blockierungen in der Fabrik und gegen Hartz IV über allgemeine Betrachtunten hinaus im Einzelnen zu analysieren. Eine solche Analyse müsste konkret die Bezüge dieser sozialen Fronten zu anderen und auch zu den sozialen Fronten in der Produktion zum Ausdruck bringen. Der philosophische Gouvernementalitätsdiskurs schirmt dies eher ab, als das er es erleichtert. Das rasche Zusammenwachsen im Streik bei Gate Gourmet ist eine Erfahrung, die uns ermutigen sollte, uns auch analytisch und historisch-materialistisch diesen Bezügen in unseren Erfahrungshorizont mit einzubeziehen.

Erst wenn wir dies tun, sind wir auf der Höhe der Radikalität des Kapitals selbst. Hierzu ein kurzer Aufriss, den wir auch in unserem BUKO-work-shop näher ausführen und in den Zusammenhang der globalen Fronten rücken werden. In den Strategien des Kapitals haben Hartz IV und die Selbstrationalisierungsoffensive in der Produktion einen gemeinsamen historischen Ort: Wolfsburg. Zum Ende der 90er Jahre hin stellten VW-Management, die Stadt Wolfsburg das von ihr beauftrage Beratungsunternehmen McKinsey fest, dass die Krise in der Produktion und im gesellschaftlichen Raum nicht von einander zu trennen waren. Die Dynamik des alten noch aus dem Nationalsozialismus her stammenden sozialstrategischen Konzept der Zuordnung von Massengesellschaft und Massenarbeit war seit langem erloschen. Eine postfordistische Dynamik konnte die Stadt Wolfsburg und VW nur forcieren, wenn Stadt und Umfeld postmodern aufgerüstet und angereichert würden: um Zulieferer, Hightech, Erlebniswelt/Lifestyle und viele „softe“ Standortworteile inklusive der Kooperation mit wissensgesellschaftlichen Motoren (Universitäten, Instituten wie das SOFI Göttingen, Forschungseinrichtungen). Nur unter diesen Umständen wäre eine neubürgerliche dynamische Schicht der „high potentials“ zu halten, anzulocken und zu aktivieren. Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite bedarf ein solcher Kern eines Umfelds sich selbst aktivierender Billiglohnarbeit aus einem entsprechenden Armutsreservoir, das über neue „Job-Center“ zu erschließen, zu erforschen und zu regulieren sei. McKinsey zitiert in diesem Zusammenhang Michael Porter von der Harvard-Universität, der die Zuordnung von Billiglohnreservoiren als Pool für die erforderlichen Serviceleistungen für unabdingbar hält.

Es geht also um die gesellschaftliche Rationalisierung einer ganzen Region. Orientierung bietet die Vorstellung einer regionalen Gesamtrationalisierung zum „Unternehmen Region“ (so der Titels des BuMinBF-Organs), die Porter (und sein deutscher Assistent Christian Ketels) unter dem Begriff „Cluster“ entwickelt haben. Das was bei uns immer unter „Standortdebatte“ fälschlich nur auf den nationalen Rahmen bezogen ist, ist Cluster-Politik als Globalisierungskonzept: die Aufrüstung von regionalen Strukturen zu dynamischen Kernen transnationaler Inwertsetzung des „Human“- und „Sozialkapitals“. Imperialismus als Inwertsetzungsstrategie reorganisiert sich in diesen Clustervorstellungen transnational. Das Deutschtum von Schumanns „deutschem Produktionsmodell“ hat hier seinen Standort und die offensichtlichen sozialimperialistischen Gefahren einer Verkürzung der Grundeinkommensforderungen müssen stärker auf den regionalen Rahmen bezogen werden. Immerhin operieren Leute wie Porter seit längerem mit der Vorstellung eines „Cluster“-bezogenen Patriotismus.

Dieser historische Ort, der die Prekarisierung und Selbstaktivierungszwänge in Fabrik und Gesellschaft zu einem strukturellen Angriff zusammenführt, ergibt sich unmittelbar aus dem Bericht der Hartz-Kommission selbst. Ausdrücklich wird das Cluster-Konzept als Blaupause für die Gesellschaftspolitik der nächsten Jahre propagiert. Die Interventionsfelder von McKinsey in Wolfsburg und Dortmund werden als Leitbilder hingestellt. Dies ist der örtliche Ausgangspunkt für die Agenda 2010 des damals niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundeskanzlers Schröder. Auch die von McKinsey beratene Kanzlerin Merkel hat sie unter dem Begriff „Leuchtturmpolitik“ zum strategischen Kern ihrer Gesellschaftspolitik gemacht. Nachdem der Freund des früheren McKinsey-Chefs Lothar Späth schon früh zu einer solchen Politik im Wirtschaftraum Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gedrängt hatte, werden diese Impulse auf Landesebene umgesetzt: Hamburg hat seinen Cluster-Management-Beauftragten, Brandenburg betreibt ausdrücklich Cluster-Politik. Bayern hat im Februar gerade einen Cluster-Kongress absolviert (auch PDS und Links-Partei orientieren sich auf der Ebene der Kommunal- und Regionalpolitik, in Ostdeutschland auch auf der Ebene der Landespolitik an diesen Vorstellungen).

Natürlich sind dies Konzeptionen. Aber es wäre luxuriös, diese Vergesellschaftungsstrategien der Selbstaktivierungsoffensive von kapitalistischer Seite zu ignorieren. Wenn wir über ein thematisches „Cross-over“ diskutieren wollen, dann aus dem Zusammenwachsen der Kämpfe an den sozialen Fronten gegen ein kapitalistisches „Cross-over“ von oben. Natürlich lässt sich der Widerstand des Nichtkapitals (von ArbeiterInnen bis zu SozialhilfeempfängerInnen) nicht aus diesen Sozialstrategien herleiten. Aber – da nun mal der historische Prozess materialistisch als Antagonismus an den verschiedenen sozialen Fronten begriffen werden muss - ist auch der „Eigensinn“ der sozialen Kämpfe nur hieraus vollständig zu verstehen.

III.

Dies gilt auch für die Fragen der Migration. Inzwischen wird deutlich, dass das Kapital im Zusammenhang mit der Binnenmigration aus den Zerstörungsprozessen in den drei Kontinenten und der länderübergreifenden Migration auch in die Metropolenräume hinein auf Selbstinwertsetzung, Selbstorganisation, Selbstaktivierung im oben beschriebenen Sinne setzt. Die Initiativen von gtz/KfW sind regelrecht an der Mikroaktivierung zum schumpeterianischen Selbstunternehmer ausgerichtet. Ich möchte auf dem Hintergrund der oben entwickelten Gedanken dazu ermutigen, die Pauschalitäten der Begriffe „Selbstorganisation“ etc. zu verlassen zugunsten der Vorstellungen einer Auseinandersetzung mit den Zwängen und zugelassenen Formen der Selbstorganisation im kapitalistischen Verwertungszusammenhang. Ich glaube, dass wir hier noch nicht auf der Höhe der Auseinandersetzungen sind. Vor allem die Demonstrationen und Bewegungsformen der Migration in die USA zeigen uns die inneren Widersprüche und Fronten in den Strategien von oben und von unten. Jenseits der Ambivalenzen der alten Gewerkschaften lassen die neueren gewerkschaftlichen Bewegungen analoge Ambivalenzen erkennen, wie zum Beispiel bei den Janitors und den verschiedenen organisatorischen Ansätzen, wie sie in den Action-Centers von Change to Win zum Ausdruck kommen.

IV.

Es wird wieder viel philosophiert. Philosophie (der Subjektivität, des Selbst, der Gouvernementalität) ist immer politische Philosophie und ihre Ansätze sind auf der Folie der Kämpfe zu verstehen. Sie hat keinen externen archimedischen Punkt der Erkenntnis. Sie hat ihren Ort auf der einen oder der anderen Seite der sozialen Fronten der Globalisierung selbst. Wo, das ergibt sich aus ihrer Perspektive – ob sie sie hegemonial oder antagonistisch organisiert – und aus dem, was sie nicht thematisiert und auslässt. Die Philosophie der „Gouvernementalität“ thematisiert die Zwänge zur Selbstaktivierung. Wenn sie bei der „Kritik“ stehen bleibt, arbeitet sie verkürzend. Denn sie geht nicht von einem „Außen“ in der kämpfenden Subjektivität als Ort sui generis aus. Das „innere Land“ erscheint in der „inneren Landnahme“ als genommen, der Reichtum revolutionärer Subjektivität wird ausgegrenzt und ausgeweißt. Dies gilt für einen ganz großen Teil der hierzu geleisteten diskursiven Beiträge. Sie vermeiden damit sogar, „Gouvernementalität“ als sozialen Angriff zu begreifen und im Spiegel der Kämpfe zu relativieren.

Schon Foucault – und dies wird geflissentlich sowohl von den rechten wie auch linken Gouvernementalitäts-Philosophen übersehen – hat den aggressiven Charakter der „Selbsttechniken“ in der griechisch-römischen, mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte der Gouvernementalisierung offen gelegt. Zur Periode der neuzeitlichen Gouvernementalisierung zu Beginn des kapitalistischen Take-off als „Selbsttechniken“ der Lebensführung trifft er sich mit Max Weber in der Behandlung des englischen Puritanismus. Es waren puritanische „Selbsttechniken“, in der die sich zum Herrschen anhebende Klasse Regeln der Lebensweise für die Binnenmigration der Bauern-ArbeiterInnen formuliert – in einer regelrechten „Gehirnwäsche“, wie der Historiker Hill schon vor über 40 Jahren prägnant festgestellt hat. Die damalige Utopie war die „soziale Maschine“, wie sie in Hobbes Leviathan aufscheint. Im Rückblick über die Geschichte des sozialen Antagonismus war dies auch der Ursprungssort des „Making of the English Working Class“, wie E.P. Thompson es nachgezeichnet hat. Wenn uns die Zeit reicht, werden wir auch diesen Zusammenhang auf dem BUKO-Kongress beleuchten.

V.

Wenn wir dies als politische Gruppe „Materialien für einen neuen Antiimperialismus“ zum Gegenstand unserer Untersuchung machen, dann stellen wir uns auch in die Geschichte unserer früheren Auseinandersetzungen [so etwa mit der Stadt- und der Regionalpolitik der letzten fordistischen Phase -vergleiche Autonomie Nr. 3 „Die zweite Zerstörung Deutschlands“ (1980).] Damals schon drängten sich uns die Charakteristika des epochalen Umbruchs „von der Integration zu Aussonderung“ (S. 16) auf, eines Umbruchs zu strategischen Linien postfordistischer Lebensunterwerfung, wie ich sie oben skizziert habe.

(einige Texte aus der Zeitschrift AUTONOMIE. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft sind unter www.materialien.org einzusehen


[1] Z.B. E. Altvater, Das Ende des Kapitalismus, Vivian Kennen, Künstler 2005, Seite 16, 112, 116