Detelf Hartmann

Martin Luther in Bagdad

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„Gemäßigte Muslims sind wahrscheinlich nicht die Lösung gegen bin Laden. Genau das Gegenteil: diejenigen, die die Vereinigten Staaten am meisten gehasst haben – schiitische Geistliche und sunnitische Fundamentalisten – halten den Schlüssel für das Wachstum der Demokratie unter den Gläubigen in den Händen.“ (Reuel Marc Gerecht)

Krass! Das hatten wir noch nicht. Religioses Delirium als Endstadium eines verpatzten militärischen Abenteuers? Kaum. Vielmehr ein äußerst nüchternes und geschichtsbewusstes Strategieangebot aus der Feder eines der profiliertesten neokonservativen Iran-Experten Präsident Bushs. Gerecht war lange Zeit Nahostexperte des CIA, hat mit Robert Kagan und William Kristol ein bekanntes Buch über Krise und strategische Chancen amerikanischer Außen- und Verteidigungspolitik geschrieben, ist Mitherausgeber des neokonservativen Weekly Standard, Korrespondent des Atlantic Monthly und publiziert regelmäßig in der New York Times, im Wall Street Journal, der Washington Post, New Republic, Foreign Affairs und anderen führenden Blättern. Vor allem aber gehört er zur Frontformation des American Enterprise Institute (aei), dem „de facto Hauptquartier neokonservativer Strategiebildung“ (so eine Charakterisierung der irakisch-amerikanischen Handelskammer). Die Bedeutung der Neocons hat sich gegen den Schein abmildernder Fassadenkorrekturen bei der Kabinettsumbildung nicht gemindert. Die Erneuerung der Bush-Doktrin in der Antrittsrede für die zweite Amtszeit war gleich nach der Wahl von ins Weiße Haus geladenen Neocons mit vorbereitet worden.

Das Zitat entstammt der offiziellen Vorstellung eines Buchs, das Gerecht im Dezember 2004 über „Schiitische Kleriker, sunnitische Fundamentalisten und die Heraufkunft der arabischen Demokratie“ (Untertitel) vorgestellt hat, Titel : „Das islamische Paradox“. In dieser Arbeit, deren Inhalt ich hier kurz vorstellen möchte, legt Gerecht wichtige Perspektiven amerikanischer Sozialstrategien im Hinblick auf die erwartete soziale Konfliktualität offen. Sie zeigen uns, wie tief die amerikanische Transformationsinitiative in die kulturellen Wurzeln greift. Es geht um die politische Ökonomie der Religiosität, um die Erschliessung der Potentiale des Fundamentalismus für die Modernisierung des Ausbeutungskommandos.

 

Natürlich war Gerecht vertraut mit den Kriegsplanungen gegenüber dem Iran, noch bevor Seymour Hersh im NewYorker seinen Bericht über vorbereitende Untergrundoperationen im Iran selbst veröffentlicht hatte. Der Iran und Syrien waren ohnehin vom aei schon vor dem Irakkrieg als Angriffsziele offengelegt und immer wieder propagiert worden . Gerecht und sein Kollege Michael Ledeen hatten ihre teils aus der Iran-Contra-Affaire unter Reagan geknüpften Connections im letzten Jahr wieder aufgefrischt. Im November dann hatte Gerecht im Atlantic Monthly in einem war-game zusammen mit hochrangigen Militärs, Geheimdienstlern und Diplomaten die strategischen Optionen eines Angriffs durchgespielt. Die intime Kenntnis des Schiismus im Iran und Irak brachten ihn zu dem Schluss, dass auch ein Bombardement iranischer Atomanlagen keine tiefgehende Solidarisierung zu Lasten der USA mit sich bringen würde. Aber es ging ihm nicht um oberflächliche kriegerische Optionen, es ging um die religiösen Tiefendimensionen sozialer Modernisierung.

 

Vorweg jedoch eine Mahnung zur Vorsicht. Wir wissen, dass der Irakkrieg ein Jahr vor Beginn konzipiert war als Initialzündung zur sozial-ökonomischen Transformation des gesamten Nahen Ostens und Auftakt zu einem globalen „social engeneering“, wie Senator Pat Roberts (Vorsitzender des Ausschusses für Geheimdienstfragen) es genannt hat. Beabsichtigt war ein „learning by doing“. Es gab keinen Masterplan, sondern strategische Optionen, die sich im Laufe der Konfrontation selbst änderten. Aus diesem Grund stellen die strategischen Überlegungen Gerechts auch nur einen Input in die Phase der aktuellen Neuorientierungen für die Zeit nach den Wahlen am 30.1.05 dar.

Gerecht folgt dem historisch-materialistischen Selbstverständnis der Bush-Regierung. Dieses bezieht sich zurück auf die Triebkräfte des englischen religiösen Fundamentalismus bei der der Entwicklung des Kapitalismus. Hundert Jahre nach Max Webers Schriften zur Religionssoziologie und der Bedeutung der „protestantischen Ethik“ für den Geist des Kapitalismus ist dieses Transformationsstadium inzwischen ausreichend erforscht: als Prozess der Heraufkunft protestantischer fundamentalistischer Avantgarden und ihrer Machtergreifung im Management neuer Formen sozialer und ethischer Disziplinierung der Lebensführung gegen die Bewegungen der bäuerlich-handwerlichen Unterklassen. Gerecht macht dieses Selbstverständnis zum Kern seiner Analyse und seiner strategischen Überlegungen. „Westler, die vergessen haben, wie hart ihre christlichen Vorreiter gearbeitet haben, um Vernunft zur Grundlage der Verteidigung ihres Glaubens zu machen, mögen große Schwierigkeiten beim Verständnis der Gedanken und Verhaltensweisen der Kleriker haben“ (Seite 31). “Viele islamische Aktivisten verurteilten den Terrorismus. Aber die gemeinsamen Wurzeln erlauben uns teilweise den Blick darauf, warum Bin Laden eine Kultfigur in vielen Teilen der muslimischen Welt geworden und geblieben ist. Wichtiger noch, sie erlauben uns ein Verständnis dafür, wie seine Politik bekämpft werden muss – von innen nach außen.“ (S. 46) Zugespitzter, in einem Interview vom 20.12.04 „Proamerikanische Diktatoren können die Strategien Bin Ladens nicht besiegen, da sie selbst ein ganz wesentlicher Teil seiner Entstehungsbedingungen gewesen sind. Viele amerikanische Liberale und Neokonservative denken, dass du den Nahen Osten irgendwie auf die Stufe Thomas Jeffersons bringen kannst, ohne zuerst einen Martin Luther gehabt zu haben. Die Fundamentalisten – nicht die „Gemäßigten“, die am Ende ihrer Entwicklung angekommen sind – werden den muslimischen Martin Luther hervorbringen. Die „Gemäßigten“ sind im Wesen so wie wir, das bedeutet, dass sie mehr oder weniger irrelevant sind. Sie sind nicht Teil des muslimischen Strömungskerns“. Diese Einschätzung ist nicht neu und sie ist nicht auf Gerecht beschränkt. Eine Vielzahl von Analysen vergleichen den arabischen Fundamentalismus schiitischer und sunnitischer Prägung mit dem Jakobinismus radikaler Modernisierungseliten, wie sie sich zuerst in der englischen Revolution geschichtsmächtig gemacht haben und ein wiederkehrendes Phänomen sämtlicher konservativen, vor allem „nachholenden“ Revolutionen geworden sind. Ian Buruma, mit Avishai Margalit Autor eines kürzlich erschienenen Studie zum selben Thema greift Gerechts Überlegungen in einem.Artikel in der New York Times vom 4.12.04 („An Islamic Democracy for Iraq?“) auf. In dieselbe Richtung argumentiert auch Noah Feldman, von der Militärregierung hinzugezogener Nahostexperte der New York University. In der Ausgabe der Foreign Affairs vom Januar 05 pladiert der renommierte Afrikanist linker Prägung Mahmood Mamdani für eine Entkulturalisierung der Debatte und das Verständnis der politisch-ökonomischen Rolle des islamischen Fundamentalismus bei der Säkularisierung und Modernisierung der Gesellschaft. In einer breit angelegten Studie für das Center for Strategic and International Studies vom April 2004 erörtert Shireen Hunter Webers Ansätze. Dass ehemalige deutsche Linke wie Joscha Schmierer als Berater Aussenminister Fischers auf denselben Linien denken, haben sie in der FR vom 9.4.04 offengelegt.

Gerecht hat seine Studien zur sozialstrategischen Bedeutung des muslimischen Fundamentalismus kürzlich auf den neuesten Stand gebracht. Er hat im Irak Weggefährten und Bekannte Khomeinys aus seiner Zeit im irakischen Exil aufgesucht und sogar dessen nachgelassene Papiere in Najaf studiert. Diese Nachforschungen hat er zur Grundlage seiner stratgischen Überlegungen gemacht. Er stellt fest, dass –angestoßen durch die iranische Revolution – auch in der sunnitischen arabischen Welt der Fundamentalismus nirgendwo intellektuell auf dem Rückzug ist. In Ägyptens Gesellschaft -von zentraler Bedeutung- sei Appeal und Reichweite des Fundamentalismus permanent gewachsen und habe die korrumpierte säkulare Kultur ersetzt bzw. erheblich abschwächt (Seite 47). Dies gelte nicht nur für die intellektuellen Schichten aus der Unterklasse, die sich im Rahmen der Bildungsinitiativen entwickelt hätten, sondern auch für die Mittel- und Oberschichten.

Gerecht warnt davor, die algerischen Fehler in der Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung zu wiederholen. Als Hintergrund auch der sunnitisch-fundamentalistischen Radikalisierung beschreibt er die religiös fundierten Strategien iranischer Modernisierung durch Khomeny. Er sieht sie vor allem in der radikalen Verallgemeinerung der Entwicklungsmöglichkeiten der Einzelnen gegen die Klassenstruktur der Modernisierungsstrategien unter dem Schah, die gerade darum von Erfolg waren, weil sie absolut tyrannisch und diktatorisch durchgesetzt wurden. Gerade hierin sieht Gerecht eine weitere Etappe nachholender egalitärer Modernisierungsdiktatur (die trotzkistische Herkunft vieler neokonservativer amerikanischer Intellektueller mag hier durchschlagen). „In Nadjaf perfektionierte Khomeny seine politische Theorie einer Kleriker-geführten islamischen Revolution. Es war eine brillante Innovation, die die privilegierte Position schiitischer Kleriker in eine organisierte Avantgarde transformierte, die die Massen auf die Straße trieb. Die Idee der Gerechtigkeit, dass alle Menschen, ob vornehmer oder niedriger Herkunft, nach demselben Gesetz leben sollten – ist durch die islamische Geschichte wirksam geblieben.“ (S. 32 f)

 

Mit diesen grundsätzlichen Einschätzungen dringt die amerikanische Debatte in neue Dimensionen des nahöstlichen Transformationsmanagements vor. Sie tut dies angesichts der offenkundigen Tatsache, dass sich die Kombination der militärisch/ökonomischen Schockpolitik der letzten zwei Jahre erschöpft hat. Schon früh war man zu der Erkenntnis gelangt, dass die kriegerische Zerstörung in Anbetracht des Ausweichens des militärischen Gegners zu kurz und nicht ausreichend gewesen ist, um die Gesellschaft zur „tabula rasa“ für die völlige Neugestaltung der sozial-ökonomischen Strukturen zu planieren. Die Schockpolitik Paul Bremers traf auf komplexe Widerstände. Die Kämpfe der ArbeiterInnen, die Resistenz der säkularen Entwicklungseliten der baathistischen Entwicklungsdiktatur, der Terrorismus alter Seilschaften und vor allem der Aufruhr aus den schiitischen Unterklassen, von denen die Aktionen der Milizen unter Al-Sadr nur eine Facette darstellen, und schliesslich auch der Einstieg fundamentalistischer Internationalisten, sie alle ließen Bremers über alle historischen Beispiele hinaus radikalisierte „neoliberale“ Schocktherapie versanden.

Durch diese Widerstände sehen sich die neokonservativen Sozialstrategen in der Einsicht bestätigt, dass eine fundamentale Modernisierung und Transformation „rückständiger“ Mentalitäten durch äussere Zerstörung allein nicht gelingen kann. Die „schöpferische Zerstörung“ der nahöstlichen Gesellschaften und die Entfesselung innovativer Energien bedarf eines tieferen gewaltsamen Griffs ins Innere tradierter Einstellungen. Dass die Überlegungen Gerechts sich im Mainstream sozialstrategischer Diskurse bewegen, zeigt die breite amerikanische Rezeption des von Foucault unter dem Begriff der „Gouvernementalität“

durchgeführten Forschungen zur Kunst der „Regierung“ und „inneren Führung“. Auch sie machen (ausführlich behandelt in seinen neuerlich veröffentlichten Vorlesungen der Jahre 77-82 zur Einübung ethischer Techniken) die Entwicklung neuer Herrschaftstechniken in den ketzerischen Bewegungen bis zu den englischen Puritanern zum Gegenstand, wie Max Weber es getan hatte. Die Unterschiede zwischen beiden sollen hier dahingestellt bleiben (sie seien jedenfalls „sur la meme ligne“, sagt Foucault noch 1984). Uns interessiert vor allem, dass die von ihnen untersuchte soziale Dynamik zur Entwicklung eines neuen Managements sozial-ethischer Rationalisierung ihren Durchbruch im Bürgerkrieg gefunden haben mit seiner Zuspitzung in der englischen Revolution, auf die sich ja auch die Neokonservativen zurückbeziehen.

Die Konturen des Bürgerkriegs im Irak sind auch der Hintergrund für die aktuellen Strategiedebatten. Der prominente Neocon Charles Krauthammer, ebenfalls zu Bushs Strategieberatungen nach der Wahl ins Weisse Haus geladen, beschwört den tobenden Bürgerkrieg. Auch Bush selbst geht in in einem kürzlichen Interview davon aus. Es könnte sein, sagte Thomas Donnelly, einer der massgeblichen neokonservativen Ideengeber, Anfang Dezember, dass die Amerikaner den Konflikt jetzt „sehen als das was er ist: ein innerislamischer Bürgerkrieg“ im Nahen Osten. Sein komplexer Charakter, seine Fronten werden unterschiedlich thematisiert. Hinsichtlich der Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten und ihres traditionellen Hasses auf diese setzt die amerikanische Führung auf die hohe schiitische Geistlichkeit, vor allem auf Sistani. In einer öffentlichen Debatte am 5. Januar mit Gerecht entwarf der Experte für Saudi-Arabien Scott Doran (Universität Princeton, CFR und Foreign Affairs) angesichts der Verschärfung sunnitischer Aggressivität ein düsteres Szenario, vor allem in Anbetracht der Ansprüche der USA, auch Saudi Arabien zu modernisieren. Eine Rolle spielt auch die Kontrolle über dessen zu 90% von schiitischer Armutsbevölkerung bewohnte östliche Ölregionen.

Aber diese Vorstellungen von Religionskonflikt bleiben an der Oberfläche. In der von Gerecht, Buruma u.a. angestossenen Strategiedebatte geht es um die zukünftige Rolle des Schiismus in der Modernisierung von oben. Wird er auf dem Trümmerfeld sozialer und ökonomischer Strukturen zur Flankierung der neokonservativen Arbeitsunterwerfung im Sinne der von Bremer eingeleiteten Porzesse neue „relgiöse“ Formen der inneren Disziplinierung und Gouvernementalität gegen soziale Erwartungen und Aufruhr aus der Massenarmut entwickeln können? Wird er eine Modernisierung des sozial-religiösen Containments gegen die Unterklassen gewährleisten können, wie es die protestantische Ethik, wie es die präventive Konterrevolution Khomeinys geleistet haben? Werden sich in einem solchen Prozess neue innovative Eliten formieren können? Hoffnungen bezieht Gerecht aus den Demonstrationen und Initiativen der proamerikanischen Erben des Khomeini'schen Entwicklungsterrors im Iran, denen er sogar ein wohlwollendes Abwarten im Fall US-amerikanischer Angriffe auf Atomanlagen zutraut.

Wir wissen nicht, was mit moderniserungsorientierter schiitischer Geistlichkeit und vor allem mit Sistani besprochen wurde. Das Einvernehmen ist derzeit immerhin gut. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Fragen angesichts der Chancenlosigkeit einer sozial-ökonomischen Restauration nach den irreversiblen Zerstörungen nicht im Zentrum der Besprechungen stehen.

In dieses Szenario haben die amerikanischen Militärs erstmals bei der „Pulverisierung Falludjas“ eine schiitische Sonde zum Einsatz gebracht: schiitische Milizen, für eine „Nationalgarde“ rekrutiert aus den südirakischen Unterklassen -als Schritt in den civil war, wie Beobachter feststellten. In den Vorstellungen des Pentagon fungieren sie laut Newsweek vom 10.1.05 („The Salvador Option“) zugleich als Stoßtrupp nach dem Modell der „Contras“, der mittelamerikanischen Todesschwadronen, damals von den USA finanziert über die „Iran-Contra-Affaire“. Es ist kein Zufall, dass der amerikanische Agent der damaligen Initiativen Michael Ledeen kürzlich im Nahen Osten die alten Connections wiederbelebt hat und dass Reagans damaliger Botschafter in Honduras John Negroponte jetzt als Botschafter in Bagdad sitzt. Auch die von Senator McGovern kürzlich problematisierte Indienstnahme der aus dem Iran geflüchteten und unter Saddams Kommando umgestalteten Volksmujahedin (MEK) zielt nicht nur auf den Iran, sondern dient auch der Counterinsurgency.

 

Wir sehen: es geht nicht um Religion und auch nicht um Verschwörung. Es geht um sozialstrategische Optionen, deren Griff nach der Bevölkerung und in die Seelen so fundamental angelegt ist wie zu Beginn des Kapitalismus.

 

Anm. D. Hartmann, D. Vogelskamp, Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg. Berlin, Hamburg, Göttingen 2003.

Ebd.

Ich habe dies in Umrissen nachgezeichnet in einem Aufsatz „unamerican“ in : G. Hanloser (Hg.) “Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken“, Münster 2004 (Unrast), S. 131

Für einen gelungenen Überblick Naomi Klein, Bagdad im Jahre Null, Blätter f. deutsche und internationale Politik 1/2005, S. 33

Vgl zum neokonservativen Konzept „schöpferischer Zerstörung“ Fn. 1 und 2