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Detlef Hartmann
SFB 700 – ein neokoloniales Projekt ?
Aufriss einer historischen Verortung
 
Betreibt SFB 700 Neokolonialismus? Der Rückgriff auf die Erfahrungen aus „kolonialen und semikolonialen Räumen als Laboratorien der europäischen Moderne“ und besonders „weiche“ Formen der Selbststeuerung in indirekter kolonialer Herrschaft spielt in ihrem Projekt eine nicht unbeträchtliche Rolle. Auch ihre amerikanischen Vorreiter, die Krieger-Anthropologen beziehen in einem ausdrücklichen Umwertungsversuch die Rolle der Anthropologie in Krieg und Kolonie ein. Um diese Frage vernünftig zu diskutieren muss zunächst der analytische Zugang zu dem Phänomen geklärt werden, das wir „Kolonialismus“ nennen, um dann die Charakteristika des Ziels der Intervention von SFB 700 als wissenschaftlichen Beitrag zum „Aufbau einer neuen Gesellschaft“ in Afghanistan zu erörtern. Hier vorweg die Thesen:
 
I. Die Kolonialpolitik der „modernen“ nationalstaatlich bestimmten Etappe wie auch die neue Politik wissenschaftlichen Gesellschaftsumbaus ziel(t)en auf die Inwertsetzung ihres Zugriffsobjekts, nicht nur die Erschließung von Bodenschätzen, Agrarprodukten, etc.
 
II. Die nationalstaatlich vermittelten Strategien der kolonialen Inwertsetzung sind vom Widerstand, ökonomischen Erwartungen und Emanzipationsbedürfnissen blockiert worden und damit in die Krise geraten. Die Reaktion auf diese Krise zerstört Lebensweisen und sucht kriegerisch nach neuen Strategien des Zugriffs und Governance („schöpferische Zerstörung“). „Failed states“ gehören in der Entfesselung neuer parastaatlicher Governancestrukturen zum Konzept. Sie sind gemacht.
 
III. Die neuen Kriege, SFB 700 und die amerikanische Counterinsurgency betreiben als langfristiges Projekt eines „social engeneering“ neuen Typs die Herstellung profitabler Gesellschaftlichkeit ins historisch Ungewisse hinein. Deswegen schadet der Begriff „Neokolonialismus“ eher als dass er nützt.
 
IV. Hiergegen ist dieser Beitrag aus einer emanzipatorischen Perspektive bestimmt, der seine konkreten Formen erst noch suchen muss.
 
I  Natürlich ging es auch um Naturschätze. Aber der Kolonialismus der vergangenen Epoche staatlich vermittelter Gewalt war geprägt vom Gedanken einer Modernisierung des Zugriffs auf die Arbeitswertressourcen der angegriffenen Gesellschaften. Dazu exemplarisch Paul Rohrbach, Wirtschaftssachverständiger und Ansiedlungskommissar der kaiserlichen Kolonialpolitik:
 
„Wie bringen wir den Neger dazu, dass er mehr arbeitet als seinen gegenwärtigen Verhältnissen entspricht. Erst mit dem zu schaffenden Quantum solchen Mehrwerts können wir mit einer wirklich kolonialen Eingeborenenproduktion rechnen. Um diese aber in Gang zu bringen, wird es nicht ohne Zwangsmittel abgehen.“ Vor allem ging es darum, dass „…gleichzeitig eine möglichst gleichwertige Entwicklung der den afrikanischen Stämmen innewohnenden allgemeinen Fertigkeiten…stattfindet“ [1] Denn: „ Es liegt auf der Hand, dass in Afrika zwei große ungehobene Schätze sind: Die Fruchtbarkeit des Bodens und die Arbeitskraft vieler Millionen Neger. Wer diese Schätze zu heben versteht, und es kommt nur auf die richtigen Leute dabei an, der wird nicht nur viel Geld verdienen, sondern auch gleichzeitig eine große Kulturmission erfüllen.“ [2]
 
Alle Kolonialherren verfolgten dieses Ziel mit unterschiedlichen aber gleichgerichteten Methoden. Zwang bis zum Massaker mit völkermörderischen Charakteristika [3] , Zerstörung der Subsistenzwirtschaft als ökonomische Basis, Lebens- und vor allem Widerstandsform, Mission, Erziehungswesen mit dem Hauptziel der Internalisierung des „Kanons der Tugenden“ (Arbeitsdisziplin, Leistungsdenken, Sinn für Ordnung und Korrektheit, Anstandsregeln, Autoritätsdenken, Strebsamkeit usw. [4] ), Aufoktroyierung eines zivilen Rechtssystems und vor allem durch das Eindringen des Handels. Diese „Zivilisierung“ übertrug die Strategien „innerer“ Zurichtung für die Fabrik, wie wir sie aus E. P. Thompsons „Making of the English working class“ kennen, in einem Globalisierungsvorstoß in die Peripherien. Dies vor allem macht deutlich, dass Kolonialismus dieser Epoche vor allem in sozialtechnischen Strategien der Zurichtung zur Bildung dessen betrieben wurde, was man auch schon damals als „Humankapital“ bezeichnete. Darin war es in der Tat ein „Modernisierungsprozess“, ein Prozess der Modernisierung von Zugriffen der Inwertsetzung auf der einen und der Bereitschaft, sich inwertsetzen zu lassen auf der anderen. Für den SFB hat Sebastian Conrad den Versuch der deutschen und japanischen Kolonialpolitik völlig affirmativ (dazu unten) abgehandelt als „…Versuch, moderne Staatlichkeit zu etablieren und die koloniale Gesellschaft in Bezug auf Infrastruktur und Humankapital zu ‚durchdringen’, und zwar „wissenschaftlich’ (scientific colonialism) [5] . Der barbarische Charakter nicht nur in den deutschen, sondern auch den holländischen und britischen Kolonien lag in dem Aufprall eines Modernisierungsparadigmas, das aus den Zentren der modernsten Imperien auf eine resistente Gesellschaftlichkeit stieß. Dies kann hier nicht im Einzelnen ausgeführt werden. Für die heutige Debatte ist vor allem wichtig: der zerstörerischen Zugriff galt der Lebensweise im umfassenden Sinn. Darin manifestierte sich die kulturelle Seite seiner völkermörderischen Potentials im Verständnis Rafael Lemkins. Und: das institutionelle und gouvernementale Instrumentarium war geprägt und vermittelt durch die institutionellen Formen des Nationalstaats und seines Gewaltmonopols. Auch in den englischen Kolonien mit ihren Strategien „indirekter Herrschaft“ und der Heranziehung lokaler Eliten waren staatliches Recht, Gerichtsbarkeit, Infrastruktur, Bevölkerungspolitik, administrative Umsetzung am nationalstaatlichen Machtparadigma orientiert.
 
Ihre Reichweite war begrenzt, auch nachdem sie im Zuge der „Entkolonialisierung“ in die Regie der sogeannten „abhängigen Entwicklung“ unter Aufsicht von Weltbank und IWF überführt worden war. In einer sehr detaillierten und intelligenten Studie hat – hier exemplarisch angeführt und um im Umkreis des SFB 700  zu bleiben (dazu unten III.)– Trutz von Trotha zusammen mit Peter Hanser die systemischen Grenzen staatlich vermittelter Durchsetzungskapazität beschrieben. [6] Sie trafen auf die Blockierung von kulturellen Resistenzen, alltäglicher Widerständigkeit gegen Erziehung, Mission, Zwangsarbeit und alle Formen der Zerstörung ihrer Lebensweise. Sie waren zu stumpf, zu oberflächlich, zu plump, um die Gesellschaftlichkeit in ihren vielen Dimensionen aufzubrechen und damit erschließen zu können. Vor allem die staatlichen Formen der Verrechtlichung brachen sich an kulturell vermittelten Formen der Streitschlichtung, zu der das staatliche Machtmonopol seinen Zugang suchen musste, um überhaupt etwas zu erreichen. Kurz: die Rationalisierungsformen und Rationalität liefen sich in ihrem sozialen „Gegenstand“ fest, ohne die „informellen“ Beziehungen und Netzwerke durchdringen zu können. Sebastian Conrad hat dem, auch unter Bezugnahme auf v. Trotha, Rechnung getragen als „Widerstand der Einheimischen, der von Faulheit und Formen des alltäglichen ‚Eigensinns’ (Alf Lüdtke) bis hin zur Flucht, Desertion und gewalttätigem Aufruhr reichte…Die Neuerer und Modernisierer kamen nicht umhin, zur Sicherung der eigenen Herrschaft die Kooperation einheimischer Autoritäten zu suchen“, bis hin zu lokalen Experten, Vermittlern, „Übersetzern“. [7] Dies korrespondiert mit den Erfahrungen im industriellen Sektor der Metropolen. Auch hier behauptete das informelle soziale Gewebe der ArbeiterInnen seine Undurchdringlichkeit gegen die Rationalität der „Taylorisierung“, die Leitstrategie des Fordismus, Quelle von Aufbegehren und Widerstand. [8]
 
In den 60er und frühen 70er Jahren kulminierte der Widerstand gegen die Strategien nationalstaatlich moderierter Zurichtung und Inwertsetzung. In den Metropolen nahmen die Menschen das Diktat des Maschinenlebens in Fabrik und den analog strukturierten Lebenszwängen bis in die Kernfamilie und die damit verbundene Auspressung nicht mehr hin. Die Entwicklungsdekade der mit Alain Lipietz plastisch charakterisierten „blutigen Taylorisierung“ traf auf vielfältige Formen des Aufbegehrens, einer „Revolution der Erwartungen“ und zunehmender Migration.
 
Die kapitalistische Reaktion war grundsätzlich. In den Metropolen deregulierte sie –schockartig eingeleitet in England, den USA und schließlich (milder) in Deutschland- den staatlichen Rahmen existenzieller Garantien und Rechte. Sie ging zu „hybriden“ Formen begrenzter Staatlichkeit (public private partnership etc.) und zu „cluster“förmig geballten Zwängen des Selbstunternehmertums und der Selbstoptimierung über, wie wir sie in „Cluster“ nachgezeichnet haben: in Industrie, Service, Bürokratie, Gesundheitswesen und schließlich auch in Schule und Universitäten. [9] Der SFB 700 schreibt sich mit seinen Autoren Gerhard Göhler und Ursula Lehmkuhl „machttheoretisch“ in ihre Logik ein, wenn sie ihr Verständnis von „weicher Steuerung“ an hegemonialen Formen der „Selbststeuerung“ orientieren.“ [10]
 
II. Schockartig erfolgte auch der Umbruch in den Strategien peripherer Inwertsetzung –eine gewaltsamere und oft blutige Form der Deregulierung. Entsprechend dem sogenannten Washingtoner Konsens schaltete man auf den Betrieb einer Schockpolitik um: in der Sowjetunion und den anderen Ländern sozialistischer Inwertsetzungsformen, in Lateinamerika, mit dem Vorreiter Chile etc. Diese „Schockstrategie“ der Zertrümmerung alter Staatlichkeit mit ihren verrechtlichten Formen der Existenzgarantien folgte dem Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“. Zerstörung alter Gesellschaftlichkeit und Staatlichkeit. Entwicklungshilfe an Staaten wurde extrem reduziert und konditionalisiert. Die „Governance“ wurde Söldnern, privaten Militärunternehmen (wie Blackwater), parastaatlichen Unternehmern, Gewaltunternehmern, Warlords freigegeben, alimentiert durch Rohstoffgiganten und ungebremsten Waffenhandel. Eine gewaltunternehmerische Governance entfesselte sich regelrecht in diesem Prozess, bis in die osteuropäischen Mafiastrukturen hinein. Der Zusammenbruch staatlicher Machtordnung, die Produktion von „failed states“ war die Folge und gemacht. Philippe Beaugrand hat dazu im IWF-Workingpaper Nr. 40 aus dem Jahre 2004 die Schocktherapien und Formen sozialer (auch kriegerischer) Zerstörung als Voraussetzung und notwendige Begleiterscheinung immaterieller Kapitalbildung und ökonomischer Reorganisation behandelt. Dirk Vogelskamp und ich haben die schöpferische Zerstörung der Gesellschaftlichkeit als Ziel des Irak-Kriegs analysiert. [11] Ebenso der kalifornische Orientalist Mark LeVine, in „The New Creative Destruction“ [12] und etwas flacher Naomi Klein in „Die Schockstrategie“ [13] . Der Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ stammt aus der Feder des politischen Ökonom Joseph Schumpeter, der Keynes als Ideengeber fordistischer Regulation abgelöst hat. Schumpeter wird als Management-Theoretiker innovativer Kräfte rezipiert, die er im unternehmerischen Drang des „Willens zur Macht“, des „Herrenwillens“ innovatorischer Eliten verkörpert sieht. Führende Consulting-Unternehmen, allen voran ihre Speerspitze McKinsey sehen diesen „Herrenwillen“ in postmodernen „Clustern“ verkörpert, der Begriff für die Bündelung aggressiver innovatorischer Energien auf verschiedenen Feldern in Abkehr von alter Infrastrukturpolitik. Strategisch und methodologisch ist das Leitparadigma nicht mehr systemorientiert, sondern energetisch und emergenzorientiert. .
 
III. Die periphere Einkleidung dieses innovativen Herrenwillens sucht und propagiert die Governance“forschung“ im parastaatlichen Unternehmer, Gewaltunternehmer, Warlord. Dazu hat die neuere Gewaltsoziologie eine Grundbegrifflichkeit erarbeitet, die ihre immateriellen Quellen neuer Governance in ihren gewaltsamen Energien sucht., allen voran Trutz von Trotha. Auf ihn und seinen Aufsatz „Die Zukunft liegt in Afrika“ bezieht sich –von seiner Analyse überzeugt [14] - auch Koehler in seiner Konzeption von Governanceformen, die den staatlichen Herrschaftsformen „funktional äquivalent“ sind. V. Trotha sieht die jungen Machtunternehmer im Zentrum eines neuen parastaatlichen Herrschaftstyps, der auf „basalen Zugehörigkeiten“ beruht:
 
„Es beginnt mit afrikanischen Gründungsmythen, die voll sind von Geschichten, in denen Helden aus dem Busch heraustreten und sich allein Kraft ihrer persönlichen Fähigkeiten im Krieg, in der Jagd, in der Magie oder Liebe zu Herrschern und Königen aufschwingen…Es trifft auch für die Angehörigen des erfolgreichen Unternehmertums zu, von denen viele Kandidaten für die bronzene Horatio Alger Plakette (eine Auszeichnung, D.H.) wären. Afrikaner sind wahrhafte Grenzer in dem Sinne, dass sie vom Pioniergeist durchdrungen sind. Abenteurertum, Wagemut, Risikobereitschaft und Pioniergeist kennzeichnen die sapeurs…(frz. „Pioniere”, D.H.)“ [15] „In basalen Zugehörigkeitskonflikten geht es um die Grundlage der Vergesellschaftung selbst, um Mitgliedschaft. Es wird über die Frage gestritten, wem Mitgliedschaft und Teilhabe auf gesamtgesellschaftlicher Ebene überhaupt zusteht. Basale Zugehörigkeitskonflikte sind gewalttätig; der Gegner wird tendenziell objektiviert und dehumanisiert; sie sind äußerst reduktionistisch, weil die soziale Bedeutungsordnung sich auf den Gegensatz von „Freund“ und „Feind“ zuspitzt. Der basale Zugehörigkeitskonflikt ist ein Konflikt der Pogrome;“ „Die Zukunft liegt in Schwarzafrika, weil der Kontinent schon jetzt dokumentiert, dass eine der folgenreichsten Institutionen, der moderne Staat, im bisher folgenreichsten Globalisierungsvorgang, der europäischen Expansion und des Kolonialismus des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts heute ihren Zenit überschritten hat….Schwarzafrika ist aber auch dort „Zukunft“, wo es tatkräftig verwirklicht, was im Selbstverständnis des Westens immer der okzidentalen Moderne zugerechnet worden ist: Wagnis, Bewegung und Experiment.“ [16]      
Gewalt, blutige Gewalt ist kein Beiwerk, es ist konstitutiv, es liegt im Kern dieses neuen innovative Akteurs basaler Governance. Das vertieft von Trotha, wenn er sich auf den Militärhistoriker Martin van Creveld und sein Buch „Die Zukunft des Krieges“ beruft. Van Creveld ist in auf den globalen Kommmandobrücken von Militär und Politik zu Hause und im Pentagon, bei der Bundeswehr und anderen Armeen gern gesehen. Er sieht die Welt alter Staatlichkeit, einschließlich des Clausewitz’schen „zivilisierten“ Kriegs in der blutigen Manifestation neuen Gewaltunternehmertums untergehen: als überlebt, zu langweilig, zu zivilisiert. Kriegerische Gewalt ist für ihn Selbsterregung, Erneuerung und Schöpfung zugleich:
   „Die einzigartige Natur des Krieges besteht eben darin, dass er von Beginn an und bis heute die Einzige schöpferische Tätigkeit ist, welche den unbegrenzten Einsatz aller menschlichen Fähigkeiten gegen einen ebenbürtigen Gegner erlaubt und verlangt…So ist es dem Krieger gewährt, sich der schmalen Grenze zwischen Leben und Tod zu nähern und sie sogar zu überschreiten. Unter allen menschlichen Erfahrungsmöglichkeiten kommt dem einzig der Geschlechtsakt nahe, wie auch aus der Tatsache hervorgeht, dass beides oft in den gleichen Begriffen beschrieben wird“…Große Führerfiguren ….genossen die Sache und sie und ihre Geistesverwandten weltweit und in allen Epochen waren in der Lage, zahllose Gefolgsleute zu begeistern, die, in die Schlacht ziehend, erfuhren, was Erregung, Ausleben, Ekstase und Delirium bedeuten. Nur wenige von uns sind gegen diese Empfindungen immun, und wer es ist, verdient womöglich auch keine Bewunderung. Endlos ist die Reihe jener, die ihren Genuss am Krieg bekannt haben….“ „Unter solchen Umständen zu behaupten, der Krieg sei ein „Werkzeug“, der „Politik“ der Gemeinschaft, die den Krieg „führt“, hieße, die drei Begriffe so sehr auszuweiten, dass ihre eigentliche Bedeutung verloren ginge… Stattdessen könnte man in Anlehnung an Ludenforffs Werk zum totalen Krieg zutreffender sagen, dass er mit der Politik verschmilzt, zur Politik wird, ja Politik ist. Ein solcher Krieg lässt sich nicht für den einen oder anderen Zweck „nutzen“, noch „dient“ er irgendeiner Sache. Im Gegenteil kann dieser Ausbruch der Gewalt noch am ehesten als höchste Manifestation des Daseins und als eine Art Zelebrierung des Lebens aufgefasst werden.“ [17]  
 
Van Creveld spricht aus eigener Erfahrung und existenzieller Selbsterregung im Konzert pfeifender Kugeln. Im „Focus“ hat er anlässlich des 60sten Jahrestages des Kriegsendes der NS-Wehrmacht attestiert, sie sei keine verbrecherische Organisation gewesen, ihr hat er die höchste Kampfkraft des 20sten Jahrhunderts bescheinigt. [18]   Die Berufung auf den Hitler-Kumpan General Ludendorff steht also nicht im luftleeren Raum. General Schnell hat als stellvertretender Generalinspekteur der Bundeswehr a.D. die Lust kriegerisch-existenziellen Selbsterlebnisses unter Berufung auf van Creveld zum Kern der immateriellen militärischen Ressourcen erklärt. [19] Wie v. Trotha sieht van Creveld die neuen Kriege als Medium der Selbstentfesselung gewalttätigen Unternehmertums –Nachfahren der historischen Raubritter. In diesem „militäry turn“ verschmelzen Analyse und Erlebnis, Wissenschaft und (gewalt-)unternehmerisches Handeln zu einem einzigen Prozess. Dies ist es auch, was Trutz von Trotha wie viele andere an van Crevelds Darstellungen begeistert hat, in Übereinstimmung mit seiner Verstellung von der Emergenz basaler Formen der Governance.  Er preist das Buch als „Werk von beeindruckender analytischer Schärfe und vor allem ganz ungewöhnlichem Reichtum an Beobachtungen und kühnen Einsichten“:
 
Um es in dem van Creveldschen Bild von der Wiederkehr vorstaatlicher Kriegsverhältnisse, in Hobbesscher Begrifflichkeit und nach dem Muster des van Creveldchen Wagemut zu sagen, der nicht davor zurückschreckt, Aussagen über zukünftige Lebensverhältnisse zu riskieren: Die Zivilisation kehrt zu „warre“ zurück, weil der „zivilisierte Krieg“ des Staates den Menschen nicht nur zu einem Leben vergewaltigt, das einsam, armselig und widerwärtig, sondern dazu imstande ist, dem menschlichen Leben selbst ein Ende zu setzen.“ [20]
 
Gewalt, kriegerische Gewalt und Krieger werden hier zur generativen Quelle einer neuen postmodernen Gesellschaftlichkeit stilisiert. Die politische Ökonomie „schöpferischer Zerstörung“ in der Rezeption Joseph Schumpeters, die Clusterstrategien, die kriegerisch-anthropologische Suche nach neuen Governancestrategien, sie alle folgen in der Orientierung an der Entfesselung des unternehmerischen Selbst derselben Logik. Es ist eine Logik innovatorischer Gewalt als „immaterielle Ressource“ in der Reaktion auf die Krise alter Staatlichkeit in der Metropole und kolonialer Ausbeutung zugleich. [21] . Das alles müssen wir wissen, um Koehler und SFB 700 auf ihrer Suche nach neuen Governanceformen im historischen Prozess verorten zu können. Sie ist daher weit mehr als nur ein Versuch, Anthropologie den militärischen Bemühungen dienstbar zu machen. Eine Aufschlüsselung der verschiedenen Stränge ist an dieser Stelle nicht möglich. Man wird sicher nicht sagen können, dass jede(r) im SFB 700 sich mit Koehler, v. Trotha, van Creveld oder gar Ludendorff identifiziert. Indes, das ist in den hegemonialen Profilen energetischer Cluster auch nicht erwartbar. Die Richtung bestimmt, wer sich an die Spitze setzt und Koehler operiert mit Zürcher und anderen Mitstreitern im anthropologischen und zugleich militärischen Feld an der Front und behauptet schon dadurch eine hegemoniale Position. So beruft sich auch Schuppert überhistorisch auf den Typus „Warlord“, für den Koehler in seinem Bezug auf Trotha einen gewaltsoziologischen Basisansatz bemüht. Und schließlich: wenn einige Mitglieder Zweifel haben, warum nehmen sie ihre Frontakteure hin, warum jagen sie sie nicht zum Teufel oder steigen wenigstens aus? Man hört ja nicht einmal Kritik.
 
SFB 700 ist als zivil-militärisches Projekt und Cluster zugleich Träger eines neuen Paradigmas schöpferischer Zerstörung, das in Ablösung alter staatlicher Gewalt wie diese selbst hundert Jahre zuvor mit neuem Konzept auf periphere Gesellschaftlichkeit prallt. Dies erst gibt seiner Beschäftigung mit vergangenen Formen kolonialer „Governance“ Sinn und Bedeutung. Dies erst macht die Frage diskutierbar, ob und in wie weit man von einem neuen Kolonialismus sprechen kann. Rückwärtsgewandt vergewissern sich ihre Akteure der Strategien und Sozialtechniken vergangener Etappen globaler Inwertsetzung als Lernmaterial, zur Orientierung und historiographischen Fundierung. [22]
 
Sebastian Conrad übt den historischen Rückblick „auf der Suche nach Vergleichsfällen“ und sieht eine „Pfadabhängigkeit (sprechen), die kolonialen Herrschaftsstrukturen mit postkolonialen Problemlagen in Verbindung bringen“. [23] Eine Verbindung über einen Modernisierungspfad also, eine Art von Kontinuität. Er erwähnt die völkermörderischen Charakteristika dieser Art blutiger Modernisierung mit keinem Wort (obwohl er Zimmerer in seiner Literaturliste führt). Er organisiert seine „Wissenschaft“ aus der Perpektive der Governance.
 
Ähnliches gilt für Ursula Lehmkuhl. [24] „Governance“ von Siedlern und dem weichen Unterbau amerikanischer Staatlichkeit wird aus der Perspektive der Herrschaft organisiert. Sklaven und Indianer, die „Anderen“ dieser Er- und Bemächtigungsformen kommen als Subjekte von Selbstkonstitution und Widerstand nicht vor, geschweige denn die an ihnen verübten Morde und Massaker.
 
Auch Mechthild Leutner behandelt nur die informellen Netzwerke der Herrschaft im semi-kolonialen China, ohne die enormen Aufstände seit den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts auch nur eines Gedankens zu würdigen. [25]
 
In die Zukunft gewandt suchen sie nach neuen Strategien. Dass es eine offene Suche in einem konfliktreichen antagonistischen Soziallabor ist, sagen sie ausdrücklich:
 
„Im Falle von Afghanistan treffen die westeuropäischen und amerikanischen Interventionsmächte…auf feindlich eingestellte Lokalgesellschaften“. „Die Neuverfassung fragmentierter Gesellschaften über moderne Institutionen  staatlicher Herrschaft ist nach theoretischer Erkenntnis und empirischer Erfahrung ein radikaler und konfliktvoller Prozess, der gegen bestehende lokale Ordnungselemente antritt und für eine Vielzahl der betroffenen gesellschaftlichen Akteure zumindest kurzfristig mehr  Unsicherheit  als Sicherheit bedeuten kann.“ [26]  
Nach Ansicht Daxners und seiner Mitarbeiter dient Afghanistan, wie jedes Labor, auch als Lernprozess für weitere Aufgaben:
 
„Worum es in Afghanistan geht. Die Intervention in Afghanistan hat vier Vorgaben zu erfüllen: Die Minimierung der Terrorgefahr, den Aufbau eines afghanischen Staates sowie die Reorganisation der afghanischen Gesellschaft. Außerdem soll sie den Erfolgsbeweis von modernen Interventionen erbringen….Diesem Nationalstaat fehlt zurzeit noch die sich als eine Nation begreifende Bevölkerung. Die Afghanen setzen sich aus vielen ungleichzeitig entwickelten Stammesgesellschaften mit ihren jeweiligen internen modernisierungsinduzierten Verwerfungen zusammen, die jedenfalls mehrheitlich die hoheitlichen Eingriffe eines Staates nicht akzeptieren oder legitimieren wollen, den sie eher als internen Kolonialisten denn als Vertreter ihrer Interessen wahrnehmen.“ [27]  
Wie gesagt: Der Begriff neokolonial verdeckt mehr, als er zu erklären vermag. Wenn wir ihn wählten, dann erübrigte sich eine weitere Darlegung, wo sich SFB 700 verortet: pfadabhängig auf den alte Wegen der alten Barbareien in eine neue Zukunft. Es operiert im Kontext der in zukunftsoffenen Projekte, die auf der Suche sind nach neuen Formen inwertsetzender Zurichtung und Herrschaft jenseits aller historischen Erfahrungen. Die Erschließung historischer Erfahrungen kolonialer Inwertsetzung und Herrschaftsstrategien im SFB 700 ist erst am Anfang. Sie verdient schon darum unsere Aufmerksamkeit, weil sie Rückschlüsse auf zukünftige Strategien zulassen kann.
 
Die Selbstfindung widerständischer emanzipatorischer Bewegungen wird die angegriffenen „Lebensweisen“ weder bewahren können, noch wollen. Sie werden ihre Befreiungsstrategien in der Konfrontation mit beiden Strategien innovativer Gewalt finden, denen aus den neuen militärisch-wissenschaftlichen Komplexen à la SFB 700 und den terroristischen Initiativen (wir haben früh auf ihren Modernisierungscharakter hingewiesen [28] , vgl. auch Eisenstadt). Letzten Endes werden die metropolitanen Strategen mit diesen terroristischen Initiativen ihr Arrangement finden, ebenso wie der „New Nationalism“ vor hundert Jahren mit den aggressiven rechtsterroristischen Nationalbewegungen (vor allem auf dem Balkan und in Mexiko). Wir aber sind aufgerufen, neue emanzipatorische Initiativen gegen die neuen Strategien der Gewalt aufzuspüren, um uns mit ihnen zu verbünden.
 

              P. Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft, Bd. 1: Südwestafrika, Berlin 1907, S. 13, 47
              Adolph Woermann, Chef des Handelshauses C. Woermann in Hamburg, im Jahre 1883, zitiert nach A. Markmiller, „Die Erziehung des Negers zur Arbeit“, Berlin 1995, S. 79
              Vgl. J. Zimmerer, J. Zeller, Völkermord in Deutsch-Südwestafrika, 2. Aufl. 2004
              Vgl. das Kapitel koloniale Pädagogik und die Erziehung zur Arbeit, A. Markmiller, aaO, S. 119 ff
              S. Conrad, Wissen als Ressource des Regierens in den deutschzen und japanischen Kolonien des 19. Jahrhunderts, in: Th. Risse, U. Lehmkuhl, Regieren ohne Staat? Baden-Baden 2007, S. 134
              P. Hanser, T. v. Trotha, Ordnungsformen der Gewalt, Köln 2002
              Op. cit., S. 137 f.
[9]               D. Hartmann, G. Geppert, Cluster, Berlin Hamburg 2008 mit weiteren Nachweisen
             G. Göhler, „Weiche Steuerung“ und U. Lehmkuhl, Regieren im kolonialen Amerika: Colonial Governance und koloniale Gouvernementalité in französischen und englischen Siedlungskolonien, in: Th. Risse, U. Lehmkuhl op. cit., S. 87, insb. 99, und 111, insb. 118; In unserem Clusterbuch habe ich dargelegt, dass  die Berufung der Gouvernementalitätsideologie auf Foucault einer rechten und neokonservativen Linie der Fälschung folgt.
             D. Hartmann, D. Vogelskamp, Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg, 2003, vgl. auch D. Hartmann, „Unamerican“ in: G. Hanloser (Hg.), Sie waren die Anti-deutschesten der deutschen Linken, Münster 2004, S. 131
             History News Network, http://hnn.us/blogs/entries/29364.html, wo LeVine die Befunde seines Buch “Why They Don’t Hate Us”, Oxford 2005 auf den Begriff bringt.
             Frankfurt / M. 2007
             J. Köhler, Auf der Suche nach Sicherheit, SFB-Governance Working Paper Series Nr. 17, Nov. 2008, Fn. 8
             T. von Trotha, Die Zukunft liegt in Afrika. Vom Zerfall des Staates, von der Vorherrschaft der konzentrischen Ordnung und vom Aufstieg der Parastaatlichkeit, Leviathan Heft 2, Juli 2000, S. 253 
             Ebd. S. 268, 277 f
             M. van Creveld, Die Zukunft des Krieges, München 1998, (dt. Auisgabe) S. 245, 240, 212
             M. van Creveld, Fighting Power, Westport 1982
[19]              Vgl. D. Hartmann, D. Hartmann, Militärisch-ökonomische Barbarisierung,  W&F März 2007
               T. v. Trotha, Das Ende der Clausewitz’schen Welt oder vom Selbstzweck des Krieges unter der Vorherrschaft des „Krieges geringer Intensität“, Soziologische Revue 1998/99, Nr. 22, S. 131, hier: S. 132, 135.
             Der Aufsatz zu „militärisch-ökonomischen Barbarisierung“ (Fn. 15) versucht eine frühe Skizze
             zum Folgenden genauer D. Hartmann, Für eine postmoderne Erneuerung des antikolonialen Kampfs, in: Failing Sciences, Embedded Stakeholders, Wider den SFB 700, Karlsruhe 2009, online auch bei www.materialen.org, S. 10
             S. Conrad, op.cit., S. 148
[24]              U. Lehmkuhl, op.cit.
             M. Leutner, Kooperationsnetze und Akteure im semi-kolonialen China, in: Th. Risse, U. Lehmkuhl, op. cit., S. 154
             J. Köhler, Auf der Suche…. ob.cit., S. 7,  9. Ausdrücklich ist auf             S. 19 von der Angst vor Bedrohung „lokaler Lebensweisen“ die Rede.
             M. Daxner, J. Free, M. Schüßler u. Thiele, Afghanisitan: Staatsgründungskrieg und Heimatdiskurs, Reader zur Fachtagung Folgekonflikte nach militärgestützten humanitären Interventionen 18. u. 19.4.2008, Universität Potsdam, S. 24 f.
             D. Hartmann, Welcher Krieg? Ägypten: Operationen im Szenario eines politisch-ökonomischen Aufmarsches, in: J. Später, ...alles ändert sich die ganze Zeit, Freiburg 1994, S. 27, hier: S. 35; ders., D. Vogelskamp, Irak, Schwelle zum sozialen Weltkrieg, Berlin 2003, S. 45 ff,  vgl. auch S.N.Eisenstadt, Die Vielfalt der Moderne, Weilerswist 2000, S. 198 ff.