"Unamerican"

Die Funktion des Antiamerikanismusdiskurses in der neuen Etappe des Klassenkampfs

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Detlef Hartmann

Amerikanische Mission“, „Erlösernation“, „Neugründung der Menschheit“ sind Formulierungen, die die globalen kriegerischen Offensiven des kapitalistischen Transformationsprojekts propagandistisch begleiten; „Antiamerikanismus“, „Ressentiment der Zukurzgekommenen“ solche, die sie gegen Kritik abschirmen. Wie zuvor in der Geschichte scheint das Diskursfieber mit der Steigerung politisch-ökonomischer Aggressivität zu korrelieren. Doch was ist „Mission“, „Erlöser“, „Menschheit“, was bedeutet die luftige Idealität der Begriffe, mit denen die Diskursteilnehmer um sich werfen, als hätten sie einen objektiven Gegenstand? Auch in der Linken treiben sie ihr Unwesen und werden gehandelt wie bare Münze. Vor einer derartigen Zumutung eines unterstellten Gemeinsinns im Reich der Ideen hat schon Kant gewarnt, als Einfallstor möglicher Anmaßung, Gewalt, Zwänge. Und Marx hat uns geraten, ihren Sinn und die Bedeutung des Diskurses in den sozialen Verhältnissen zu suchen.

 

Wenn wir die Funktion des Antiamerikanismusdiskurses begreifen wollen, so mag uns als Ausgangspunkt dienen, dass Klassenkämpfe darin nicht im Zentrum stehen, ja dass ganz wenig von ihnen die Rede ist: weder aus der Perspektive des Kapitals - etwa von den Inwertsetzungsstrategien des Kapitals zu Beginn des postmodernen Zyklus - noch von den sich mit ihnen konfrontierenden Kämpfen um Befreiung. Sie kommen fast gar nicht vor. Gegenstand und Diskursfeld zugleich sind: Einstellungen zu „Amerika“, Bewertungen seines Wesens, Einstellungen zu Einstellungen, Bewertungen von Bewertungen, Unterstellungen von Unterstellungen. Wessen Bewertungen, wessen Ideen? Nicht diejenigen, die sich in Klassenkämpfen von unten artikulierten, sondern vorrangig, ja so gut wie ausschließlich diejenigen der jeweiligen Eliten und Intelligenz.

Denn: beziehen sich die Protagonisten dieser Debatten auf die Bewegungen der Sklaven und Servants zur Zeit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung oder die Strategien der Aristokraten vom Schlage Jeffersons oder Patrioten vom Schlage Hamiltons? Reden sie von den Existenzkämpfen der mit der Vernichtung bedrohten Indianer oder der amerikanischen Kavallerie als Vorhut der kapitalistischen Rinderbarone, Eisenbahnunternehmen, Stacheldrahtproduzenten? Reden sie von der Schwarzen-Bewegung in der reconstruction-Ära nach dem Bürgerkrieg oder den Nordstaatenkapitalisten, die sie bekämpften? Reden sie von den „Knights of Labor“ oder den im Bürgerkrieg entfesselten Industriellen, in deren Auftrag Pinkertonagenten, korrupte Polizisten und Richter sie an den Galgen brachten? Reden sie von den Industrial Workers of the World (IWW), ein bestimmender Kern der Klassenbewegungen zur weltumspannenden „one big union“ oder von Wilson, der sie im Einstieg in die Kriegsökonomie blutig und mit Hilfe faschistoider „Loyalty Leagues“ erstickte? Reden sie von den Sit-in Strikes, in der die IWW-Impulse 1936/37 als Teil eines weltweiten Streikzyklus wiederauflebten, der bis in die Bündnisse zwischen polnisch-christlicher und -jüdischer Massenarmut reichte oder von der Kriegsökonomie, die sie abzufangen suchte? Reden sie von den Kämpfen der 68er Revolten oder der Restauration des Kapitalismus unter Reagan? Reden sie von den Widerstandsformen der lateinamerikanischen ArbeiterInnen in den Niedriglohn-sweatshops am Rande der großen amerikanischen Städte oder von der neokonservativen Reorganisation des kapitalistischen Kommandos?

 

Von den Kämpfen hat sich die Linke, vor allem die undogmatische Linke immer inspirieren lassen und aus ihnen zu lernen versucht. Der Antiamerikanismusdiskurs hat sie immer unterschlagen, unerdrückt, ausgeweißt. Hätten wir hier mal von der Aufforderung gehört, der Kritik an Amerika die besondere Bedeutung amerikanischer Klassenkämpfe entgegenzuhalten? Seine Homogenisierungspropaganda lautet: wir kennen keine Klassen, wir kennen nur noch Amerikaner. Oder noch fataler: wir kennen nur noch Amerika. Der Diskurs hat seine historischen Konjunkturen. Historisch hat er seinen Homogenisierungsdruck in Phasen intensivierter, krisenträchtiger, gefährlicher Klassenauseinandersetzungen regelmäßig gesteigert. In ihnen ruft er alte Antiamerikanismusdiskurse auf und historisiert sie neu, indem er sie an den Erfordernissen der ins Gewand der „amerikanischen Mission“ gekleideten Reorganisation des kapitalistischen Kommandos ausrichtet. Es ist daher sinnvoll, von der heutigen Inanspruchnahme der „amerikanischen Mission“ der neokonservativen Ideengeber hinter Bush in der aktuellen Offensive des Griffs nach dem Nahen Osten auszugehen.

 

Amerikanismus von oben als „Mission schöpferischer Zerstörung“

„Die radikale Transformation mehrerer nahöstlicher Länder von unterdrückerischen Tyranneien zu freieren Gesellschaften ist völlig in Übereinstimmung mit dem amerikanischen Charakter und der amerikanischen Tradition. Schöpferische Zerstörung ist unser zweiter Name, sowohl nach innen in unserer eigenen Gesellschaft als auch nach außen. Wir reißen die

alte Ordnung jeden Tag ein, vom Business zur Wissenschaft, Literatur, Kunst, Architektur und Film zu Politik und Recht. Unsere Feinde haben den Wirbelwind von Energie und Kreativität immer gehasst, der ihre Traditionen bedroht (was immer sie sein mögen) und sie beschämt für ihre Unfähigkeit Schritt zu halten. Wenn sie Amerika ihre traditionellen Gesellschaften zerstören sehen, dann fürchten sie uns, weil sie nicht zerstört werden wollen. Sie können sich nicht sicher fühlen, so lange wir da sind, weil unsere Existenz selbst – unsere Existenz, nicht unsere politische Strategie – ihre Legitimität bedroht. Sie müssen uns angreifen, um zu überleben, gerade wie wir sie zerstören müssen, um unsere historische Mission voranzutreiben.“

 

Mit diesem Text beschrieb Michael Ledeen die historisch weitgesteckte Aufgabe, als deren Beginn er den Eingriff der Bush-Regierung in den Nahen Osten propagierte. Das Buch „The War Against the Terror Masters” , dem das Zitat entnommen ist, spielt, ebenso wie der Autor, in der Formierung der amerikanischen Kriegsstrategien im Nahen Osten als Beginn einer langwierigen und weitreichenden globalen Transformationsstrategie eine besondere Rolle. War sie demjenigen, der mit dem Spektrum der amerikanischen Think-Tanks vertraut war, schon vorher offenbar, so ist sie erst mit dem Buch von Bob Woodward, Plan of Attack, in ein besonderes Licht gesetzt worden. Dieses Buch beschreibt die Hintergründe und Entwicklungen der Vorbereitung des Irak-Kriegs. Wir wissen demnach jetzt, dass der Irak-Krieg schon vor, aber spätestens mit dem 11.09. beschlossene Sache war. Bis zum Januar 2000 war dies nur Eingeweihten bekannt. Es war die Rede zur Lage der Nation am 29.1.02 („State-of-the-Union-speech“), die von Bush als Gelegenheit vorgesehen war, die Kriegsabsicht als Teil einer grundsätzlichen außenpolitischen Neuorientierung an die Öffentlichkeit zu tragen. Die Washington Post schrieb dazu: “Es ist der Irak, von dem diese Rede handelt. Wenn es eine interne Debatte in der Administration über die Irak-Politik gab, dann ist diese Debatte jetzt vorbei. Die Rede stellte kaum etwas Geringeres dar, als eine Kriegserklärung.“

 

Ledeen nahm diese Kriegserklärung um vier Wochen vorweg. Sein Buch erschien Anfang Januar und warf Gründe grundsätzlicher und strategischer Natur wie auch Vorschläge und Optionen der Vorgehensweise in einer generellen Offensive in den Nahen Osten in die öffentliche Debatte: Nicht nur gegen Saddam Hussein, sondern auch in den Iran und nach Syrien. Warum konnte er dies, warum durfte er dies?

 

Michael Ledeen gehört dem „American Enterprise Institut“ (AEI) an und ist dort als Inhaber des „Freiheits“-Lehrstuhls einer der maßgeblichen Leute. Das AEI ist ein „Think-Tank“, in dem die neokonservativen Ideengeber von George Bush eine maßgebliche Initiativfunktion innehaben. Die unter Bremer neu gegründete Irakisch-Amerikanische Handelskammer bezeichnet das AEI als „das de facto Hauptquartier neokonservativer Strategiebildung“ . Zu ihrer Frontformation gehören bekannte Leute wie Richard Perle und hierzulande weniger bekannte, wie Michael Ledeen, Thomas Donnelly, Joshua Muravcik. Think-Tanks spielen in der amerikanischen Politik eine maßgebliche Rolle: Als Ideenlabor, Propaganda- und Diskursentwickler, Reservoir für maßgebliche Posten “ihrer“ Regierungsapparate etc. Zu ihren bedeutendsten gehört das „Council on Foreign Relations“, das CFR, die Brooking Institution und dergleichen mehr. Es ist weit mehr als ein ideologischer Agitationsverband. Im AEI arbeiten Leute wie Leon Aron, ein profunder Russlandexperte und John Makin, der als Politökonom mit großem Sachverstand den aei-economic outlook betreut. Es wäre dumm, bei der Beurteilung der ideologischen Funktion die fachliche Qualität und Qualifikation zu unterschätzen.

 

Die Rolle, die das AEI für die Formulierung der Strategien der Bush-Administration spielt, hat Bush selbst wenige Wochen vor Beginn des Irakkriegs in einer zukunftsweisenden Rede vor dessen versammelter Mannschaft hervorgehoben: „Einige der besten Köpfe unserer Nation arbeiten im American Enterprise Institute, zugleich Ausgangspunkt einiger der größten Herausforderungen an unsere Nation. Sie machen eine so gute Arbeit und meine Administration hat 20 Ihrer Köpfe bei Ihnen ausgeborgt. Ich danke Ihnen für Ihren Dienst, aber ich möchte die Leute auch daran erinnern, dass AEI-Wissenschaftler 60 Jahre lang unserem Land und unserer Regierung zentrale Beiträge geliefert haben, für die wir dankbar sind.“ Ledeen ist einer seiner „Frontmen“ mit einer sehr interessanten Karriere. Nach akademischen Anfängen in den 70er Jahren über italienische Themen wurde die Öffentlichkeit Anfang der 80er Jahre auf seine Funktion als Terrorismus-Experte im State Department Reagans aufmerksam und auf seine guten Kontakte zum italienischen Geheimdienst SISMI und zur ultrarechten Loge P-2. Richtig ins Rampenlicht geriet er dann als Berater des amerikanischen National Security Council für Terrorismus und nahöstliche Fragen (1984-86). Direkt angebunden an das Büro des bekannten Verbindungsoffiziers des Nationalen Sicherheitsrates, Oliver North, und in direktem Kontakt zu Admiral Poindexter im Pentagon, betrieb er hinter den Kulissen die nahöstlichen Strategien im Rahmen der „Iran-Contra-Affaire“ („Irangate“), dem größten Polit-Skandal der Reagan-Administration: Einleitung einer neuen Iranpolitik, Aufbau der Connection mit dem iranischen Waffenhändler Ghorbanifar unter Beihilfe des internationalen Waffenhändlers Adnan Kashoggis im direkten Auftrag McFarlanes, Zweckentfremdung von Geldern für Waffenlieferungen an die rechten Contra-Milizen gegen die Sandinisten. Aus heutiger Perspektive gewinnt dieser Zusammenhang über den damaligen Skandal hinaus erneutes Interesse. Denn die Unterstützung privater Milizen in low-intensity-Konflikten wie der Contra in Nicaragua werden zunehmend in ihrer Funktion zur systematischen Produktion von „failed states“ erkannt, der umfassenden Zerstörung alter Staatlichkeit und Gesellschaftlichkeit . Ledeen hat Ghorbanifar als profunden Kenner gesellschaftlicher Entwicklung im Iran gepriesen und die Annahme liegt nahe, dass die methodischen Projekte sozialstruktureller „schöpferischer Zerstörung“ im Übergang zur postmodernen Governance damals schon konzipiert waren.

Wie viele Neocons arbeitete Ledeen während der Clinton-Präsidentschaft am Aufbau des Potentials für die neokonservative Offensive unter Bush, neben anderen Institutionen vor allem im AEI. Den Ausstoß seiner Artikel und Kommentare hat er in dieser Phase auf einige hundert hochgefahren und auch den seiner Bücher markant gesteigert. Es handelt sich neben dem schon genannten Werk um grundsätzliche richtungweisende Arbeiten zur Politologie und zur politischen Philosophie mit einem besonderen Schwerpunkt: der „amerikanischen Mission“ und des „amerikanischen Charakters“. Die Position in der neokonservativen Offensive und die fundamentalistische Neigung auf dem Gebiet der politischen Philosophie, aber auch seine Einbettung in den Strömungskern der Bush-Offensive rechtfertigen es, seine Beiträge zur amerikanischen Mission und zum Antiamerikanismusdiskurs als exemplarisch heraus zu stellen.

 

Die „amerikanische Mission“ als sozialer Krieg

Das Einleitungszitat formuliert eine strategische Leitlinie, die Ledeen selbst für so wichtig hielt, dass sie in einem besonderen Artikel publizierte und auf die AEI-Homepage setzte. Ihr Anspruch auf eine politisch-ökonomische und historisch-materialistische Grundsätzlichkeit geht weit über den engen historischen Bezug hinaus.

 

Der Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ ist den Werken Josef Schumpeters entnommen. Schumpeter war neben Keynes der bedeutendste und einflussreichste Vertreter der kapitalistischen politischen Ökonomie des 20. Jahrhunderts. Nachdem er durch Keynes lange Zeit ins zweite Glied zurückgedrängt war, sind seine Grundkonzeptionen zu Leitvorstellungen der politischen Ökonomie des Kapitalismus in der postfordistischen Offensive geworden: die Abkehr von den gleichgewichtsorientierten Rechenoperationen ökonomischer Reproduktionsschemata zugunsten der qualitativen Bewegkräfte der kapitalistischen Dynamik (Innovationen); die Erkenntnis, dass Unternehmer und ihr Management aus ihren Machtkathedralen Innovationen in einem Prozess der Zerstörung und Reorganisation der Weltgesellschaft umsetzen, auch durch Kriege, zyklisch und krisenhaft; die Zielrichtung, diesen gewaltsamen Griff in die Gesellschaft als lebendige Ressource der Wertschöpfung in neue, tiefere soziale und kulturelle Dimensionen zu treiben, um aus ihnen neue Wachstumsquellen zu erschließen. Ihr hier zu Lande bekanntester amerikanischer Propagandist ist Greenspan, der bekannteste deutsche Horst Köhler, beide getragen von den Avantgarden postmoderner politischer Ökonomie von Paul Romer bis Aghion und Howitt. Ledeens politisch-ökonomisches Grundverständnis ist damit auf der Höhe des aktuellen kapitalistischen Angriffs und fordert uns zu neuen Anstrengungen heraus, um ihm mit kritischen und revolutionären Begriffen jenseits der überkommenen Schemata gerecht zu werden. Ich kann an dieser Stelle keinen Beitrag dazu leisten . Schon der Grundgedanke Schumpeters zu Beginn des fordistischen Zyklus war, dass Unternehmer als „Führer“persönlichkeiten und „Feldherren“ innovatorische Aggressivität zum Kern einer langfristigen Dynamik der Umwälzung aller ökonomischen und sozialen Verhältnisse machten. Die „Zerstörung“ des Überholten bis zur „ultima ratio der völligen Vernichtung der mit hoffnungslos Unangepasstem verbundenen Existenz“ formulierte auch er schon als notwendige Strategie zur schöpferischen Erneuerung auf allen gesellschaftlichen Gebieten. Ledeens Bild des „innovativen Wirbelwinds“ findet seine fast wörtlichen Entsprechungen bei Schumpeter.

Über Schumpeter hinaus jedoch zielt die Vorstellung und das postmoderne Projekt „schöpferischer Zerstörung“ in Ledeeens Verständnis bewusst in weit tiefere Schichten des sozialen Gewebes: kulturelle, moralische, religiöse, identitätsbildende, wie er es uns im gesamten Buch und besonders pointiert an der zitierten Stelle sagt. Sie zielt damit zugleich auf die Traditionen von Widerstandspotentialen aus Vorstellungen der „moralischen Ökonomie“, in denen die Frauen, die unteren Schichten den Herren das Existenzrecht aller über Jahrhunderte entgegenhielten. Schumpeter nannte das die „schützenden Schichten“, Rosa Luxemburg „schützende Gebundenheit“ (Schumpeter hat - bei aller Gegensätzlichkeit in den politischen Schlussfolgerungen - von Marx und Luxemburg gelernt, wie er ausdrücklich betont). Es zielt auf die Reserven in den Köpfen, auf Identitäten, auf die gesamte tradierte Gesellschaftlichkeit und ihre Geschichte: „Dies ist genau die Botschaft, die wir aussenden wollen, denn am Ende des Tages müssen wir den Moslems zeigen, dass sie von ihren terror masters in die Irre geführt wurden, dass sie in sich selbst nach der Quelle für ihr Jahrhunderte langes Versagen suchen müssen und dass die beste Hoffnung für sie in der Kooperation mit der zivilisierten Welt liegt....“ Der Krieg gegen die „terror masters“ ist also nur das Etikett für einen sozial-kulturellen Krieg zur Zerstörung der innersten gesellschaftlichen Bindungen und Werte zum Zweck der Rekonstruktion des Sozialen am Modell der „zivilisierten Welt“. Dieser Prozess kann nur gewaltsamer Natur sein, denn „Krieg erweitert fast immer das Bewusstsein der Menschen und erhebt ihren Charakter.“ Ein solcher Krieg ist zu begreifen als „revolutionärer Krieg, wie im 18. Jahrhundert, genau der Krieg, der uns unsere nationale Identität gab.“

 

Getreu der frühen Ankündigungen gewinnt inzwischen die unerbittliche Umsetzung dieses Programms im sozialen Krieg zur umfassenden schöpferischen Zerstörung und sozial-kulturellen Rekonstruktion einer ganzen Großregion mit mehreren 10 Millionen Einwohnern im Irak deutliche Konturen. Kern ist die völlige Beseitigung der alten produktiven Strukturen und die Unterwerfung unter das Kommando des Kapitals im Wege der üblichen Strategien: potenzierte Schock-Therapie nach osteuropäischem Muster mit Beseitigung der finanzpolitischen Souveränität, niedrigsten Steuern, Niveau von Hungerlöhnen und Unterwerfung unter ein Programm der Anbindung an den Weltmarktzyklus durch völlige Öffnung für Handel, freie Gewinntransfers, Kleinkrediteprogramme, Ausrichtung an den gewünschten sozialen Profilen durch gender mainstreaming und die üblichen grass-root-Schulungen aus der Küche von US-AID etc.

 

Sozialer Krieg machiavellistischer Prägung

Die politischen Leitlinien dieser „amerikanischen Mission“ im Nahen Osten orientiert Ledeen an Niccoló Machiavelli. Krieg als Mittel der Erneuerung steht hier im Zentrum und „diese Art Krieg ist uns naturgegeben. Wir sind eine furchterregende revolutionäre Kraft.“ Die Lehren Machiavellis zum Krieg und zur Führung im Innovationsprozess hat Ledeen unter seinen „Grundgedanken“ ans Ende des Buches gestellt, nach den Passagen zur „schöpferischen Zerstörung“. Dort heißt es: „Friede ist NICHT die normale Lebensbedingung der Menschheit und Momente des Friedens sind immer nur das Ergebnis des Krieges... Die einzig wichtige Sache ist gewinnen oder verlieren.... Scher dich nicht darum, wie die Welt unsere Strategie beurteilt. Kümmere dich nur ums Gewinnen. Machiavelli sagt uns, wenn du gewinnst, wird jeder deine Methoden als angemessen beurteilen. Wenn du verlierst, werden sie dich verachten... Schlag entscheidend zu und dann vorbei. ...Amerikas militärische Kapazität und Geschichte militärischer Erfolge lassen einen Sieg auch in diesem Krieg erwarten. Ebenso wie frühere Konflikte erfordert auch dieser Entschlossenheit zum totalen Sieg und die Eliminierung der Terrormeister.“

Machiavelli ist ein Lieblingsautor Ledeens, dem er ein ganzes, ebenfalls kürzlich erschienes Buch gewidmet hat. Führer im Sinne Machiavellis sind für ihn neben Margret Thatcher, Ronald Reagan, Papst Johannes Paul II, auch Lee Kwan Yu, der Despot von Singapur. Das Lob für die weiblichen Tugenden erscheint bei ihm nur als Tribut an die political correctness. Er spricht hauptsächlich von männlichen Führern und Führungsqualitäten. Medium der Führer, ihre Qualitäten zur Geltung zu bringen, ist für ihn der Krieg: „Blutige Konflikte sind das Leitmotiv der Geschichte. Jeder Führer, der etwas anderes glaubt, wird sich ruinieren oder dies wenigstens riskieren. Konflikt ist nicht die Konsequenz der rationalen Verfolgung eigener Interessen, weder durch Staaten noch durch Individuen. Er fließt gerade aus den tiefsten Quellen der menschlichen Natur. Er ist nicht eine Verirrung, noch entsteht er aus einem Irrtum des Verstehens; er ist ein integraler, unausweichlicher Teil dessen, was wir sind.“ (S. 16) „Es gibt keinen Wettbewerb zwischen Männern und Frauen im physischen Kampf. Stärke, Schnelligkeit, Ausdauer – die hervorragenden Eigenschaften des guten Kämpfers – begünstigen Männer mit weitem Abstand. ...bis auf seltene Ausnahmen können Frauen militärischen Ruhm nicht erreichen, wie Männer es tun, weil ihnen fast immer die physische Ausstattung und das leidenschaftliche Begehren dazu fehlen..... Die Anwesenheit von Frauen in einer Armee bedeutet immer eine Quelle der Störung, einen potentiell gefährlichen Zusammenbruch von Disziplin und Moral. Immer wenn Machiavelli die militärische Gewalt innehatte, verbannte er Frauen...“ (S. 74f) Ledeen verfehlt es nicht, in seiner Einleitung daran zu erinnern, dass Machiavelli die „Tugend“ mit der Bedeutung von „Macht“ im Sinne des aufgerichteten männlichen Phallus verbindet. (XXI) Ebenso wie Schumpeter verschmilzt Ledeen militärische und Unternehmertugenden zu seinem Begriff des „Führertums“ und er beschränkt sie nicht auf amerikanische Führer, wie wir gesehen haben. Ja, er geht so gar so weit, Nazi-Feldmarschall Kesselring zusammen mit seinem direkten Gegner im Italienfeldzug des 2. Weltkriegs US-General Clark in einem Atemzug als von Machiavelli inspirierte Führer zu nennen (X) „Um die edelsten Ziele zu erreichen, muss der Führer auch ins Böse hinabsteigen“. (S. 90) „Jeder Staat, jede Organisation, sogar die freieste und demokratischste erfordert starke Führerschaft, weil nur solche Führer die schädigenden Impulse zurückhalten können, die menschliches Handeln antreiben und Menschen dazu zwingen, sich für das gemeinsame Wohl einzusetzen. ...Zwang – oder Notwendigkeit, wie er es nennt, macht Menschen edel und befähigt sie, frei zu bleiben, während übermäßige Wahlmöglichkeit gefährlich ist, ins Chaos führt und Menschen ihren Feinden ausliefert. Die Generale, Geschäftsleute und Athletiktrainer wissen das, aber politische Führer und Journalisten vergessen dies oft. Sie lassen sich davontragen durch Forderungen absoluter Freiheit und vergessen dabei, dass Freiheit Anarchie produziert, wenn sie nicht von einem wohl definierten Sinn für Verantwortung gemäßigt sind, der aus guten Gesetzen und guter Religion fließt“ (S. 112f.) Zu diesem Zweck befürwortet Ledeen mit Machiavelli nicht nur die zeitweilige Erziehungsdiktatur. Er betont die Notwendigkeit, dass Führer den Staat spektakulär machen. Belohnungen und Bestrafungen müssen einen machtvollen Eindruck auf die Bürger machen und Machiavelli besteht darauf, dass keine Gnade bei der Durchsetzung des Rechts gezeigt werden sollte. „Die Kombination der Furcht vor Gott und Bestrafung – mit guten Waffen geziemend durchgeführt – bietet die notwendige Disziplin von good government“.

Ein Jahr später, in seinem Buch über „Tocqueville on American Charakter“ arbeitet er diese Gedanken in seine Ausführungen zum revolutionären Wesen der Amerikaner und ihrer Mission ein. In ihm verbindet er das Bekenntnis zu den kriegerisch-energetischen Kraftquellen der ständigen Zerstörung und Erneuerung mit der Vorstellung eines unerfüllten Expansionismus in der Überwindung ständig neuer Grenzen, der „new frontier“. Schon lange zuvor hatte er diese männliche, expansive, kriegerische Energetik in einer Person gefeiert, die hier zu Lande eindeutig als Wegbereiter des italienischen Faschismus gesehen wird: „Der erste Duce, D'Annunzio in Fiume“ (so der ins Deutsche übersetzte Titel des Buchs). In der Einleitung heißt es: „Die Revolte, die D'Annunzio anführte, war gegen die alte Ordnung Westeuropas gerichtet und wurde umgesetzt im Namen einer jugendlichen Kreativität und Männlichkeit, in der man hoffte, eine neue Welt im Bild ihrer Schöpfer zu erschaffen. Das Wesen dieser Revolte war die Befreiung der menschlichen Persönlichkeit, was wir auch die Radikalisierung der Massen von Menschen nennen können, die systematisch für viele Jahrhunderte ausgebeutet waren.“

Neuere Forschungen der letzten Jahre haben uns daran erinnert, dass in der Kette der Erneuerung der Zugriffs- und Herrschaftsansprüche innovativer kapitalistischer Avantgarden die Bezugnahme auf Machiavelli und der Machiavellismus immer eine große Rolle spielte. In einer als grundlegend anerkannten Arbeit hat J.G.A. Pocock die Bedeutung des Machiavellismus für die englische Revolution von oben und ihre amerikanische Ausgründung detailliert in ihren historischen Phasen nachgezeichnet. Sein Buch „The Machiavellian Moment“ hebt sich aus vielen Arbeiten zu derselben Thematik heraus. Ich werde mich hier darauf beschränken. All die Momente, die Ledeen aus der Geschichte für die Formierung einer neuen Etappe der schöpferischen Zerstörung aufruft, haben sich im Laufe der Geschichte seit der englischen Revolution immer deutlichere Konturen gewonnen und in den verschiedenen Epochen der kapitalistischen Erneuerungen ausdifferenziert. Der „Fürst“, schon bei Machiavelli „Innovator“ bedarf der rücksichtslosen kriegerischen Gewalt, um das soziale Gewebe sowohl zu zerstören, als auch zu etwas Neuem zu transformieren. „Freiheit“, „Liberty“, „Freedom“ sind zu allererst die Freiheit des Innovators und der Innovation. Die machiavellistischen Avantgarden bringen sich im Prozess der kriegerischen Transformation als neue soziale Gestalten und „Typen“ erst hervor: Ihre soziale Identität, aber auch ihre religiöse und politische Herrenausstattung. Die Radikalität der von ihnen bestimmten Dynamik schlägt sich daher im Selbstverständnis des „Heiligen“ und „Auserwähltseins“ nieder, wobei das jeweilige Selbstverständnis von „Nation“ beigemischt ist. Pocock verfolgt den Machiavellismus auch in die jeweiligen historischen Modernisierungen von Kredit (als monetarisierte Macht zur Innovation, wie auch Schumpeter dies verstanden hat) und Handel. Er analysiert die Verschmelzung der modernsten Kreditstrukturen einer „machiavellistischen Ökonomie“ mit dem neuesten Bild des „Unternehmers“ und seiner „Tugend“ in der innovativen „subversiven, schöpferischen und zerstörerischen Macht der Boomzeit von 1706“ (S. 456). Die Amerikanisierung dieser Tugend als Kern der vom kriegerischen Unternehmer verwirklichten Dynamik schöpferischer Zerstörung nimmt die Vorstellung des Unerfüllten im Bild einer ständig weiter getriebenen und vertieften „Grenze“ in sich auf. „Harrington's Oceana hatte 'der See Gesetze gegeben' und die Errichtung ausländischer Plantagen verfolgt, die aus ihr ein 'Commonwealth für die Expansion' machte, von Korruption nicht bedroht; und Amerikaner, die über die Appalachen hinaus blickten, konnten – mit Hilfe von ein bisschen Genozid – dieselbe Vision teilen.“ (S. 510f). Innovation, soziale Zerstörung, Energien der Zerstörung und Neuschöpfung, Expansion in Durchbrechung jeweils alter Grenzen zu neuen Grenzen hin, kriegerische Gewalt und männliche Tugend als Motor einer immer erneuerten Dynamik, Pocock verfolgt sie bis in das Selbstverständnis der industriellen Revolution und seiner Globalisierungsimpulse, die sich im Bürgerkrieg als erstem totalen Krieg, des Drangs nach Westen über die Philippinen hinaus nach China und im Progressismus der nationalen Effizienz des ersten Weltkriegs ausdrückten.

 

 

Wilson als historischer Bezugspunkt der heutigen „amerikanischen Mission“

Bush selbst, Ledeen, Donnelly, Muravcik und ungezählte andere beziehen sich auf Wilson als einen historischer Vorläufer ihrer aktuellen „amerikanischen Mission“. Diese Selbstvorortung findet ihre Zustimmung in ihrer zeitgeschichtlichen Charakterisierung als „Neowilsonianismus“. Muravcik hat in einer AEI-Propagandaschrift für Bushs nationale Sicherheitsstrategie ausgeführt: Bush betreibe eine Auferstehung („Resurrection“) Wilson'scher Politik. Auch Bush sei nicht immer Wilsonianer gewesen, sondern erst mit der NSS.

Die amerikanische Geschichtsschreibung gerade dieser Tage geht wesentlich nüchterner mit Wilson und seiner Politik um. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass die USA durch ihre Aufrüstung des „Federal Reserve Systems“ und der von ihr alimentierten Lieferungen kriegswichtiger Güter an Frankreich und England nicht nur die ökonomische Krise durchbrach, sondern kriegsökonomisch auf deren Seite einstieg. Kontrahenten auf dem Gebiete kriegsökonomischer Rationalisierung und Expansion moderner Kapitalgüterindustrien und der Intensivierung und Rationalisierung ihrer Ausbeutungsmethoden waren seitdem das deutsche und das amerikanische Kapital, die dann auch die Modernisierungsgewinner des ersten Weltkriegs waren. Das amerikanische Kapital stieß in diesem Prozess auf enormen Widerstand der ausgebeuteten Klassen, bis in die Wohnquartiere hinein. Die IWW spielten eine bedeutende Rolle in der Organisation des Klassenkampfs und sie zeigten in Auseinandersetzungen und Pamphleten, dass sie den kriegsökonomischen Kontext der amerikanischen Akkumulation- und Ausbeutungsdynamik bis in ihre technologischen Dimensionen voll begriffen hatten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das amerikanische Kapital den „Krieg“ gegen die IWW mit allen erweiterten Repressionsinstrumenten aufnahm, lange bevor überhaupt ein amerikanischer Soldat europäisches Festland betrat. Melvyn Dubofsky in den USA und Gisela Bock in Deutschland haben diese Offensive nach innen in allen ihren Scheußlichkeiten bis hin zu blutigen Einsätzen im Einzelnen beschrieben.

Diese Offensive war der Kern des Loyalitätsdrucks, wie er in den Initiativen von „Americanisation“, „Nativism“ zum Ausdruck kam. „Hundred per cent Americanism“ war die Propagandaphrase, in der sich all dies bündelte. Wilson hat nicht wenig dazu getan. In seiner ersten „preparedness“-Rede vor dem Kongress im Jahre 1915, also lange vor Kriegseintritt, hatte er eine bösartige Attacke auf fremdgeborene „Kreaturen der Leidenschaft, der Unloyalität und Anarchie“ vorgetragen , die „hinausgequetscht werden müssten“ („crushed out“). Derartiges war seinen Grundeinstellungen nicht fremd. Schon den Überfall auf die philippinische Bevölkerung hatte er mit kolonialer Gebärde in der Aufgabe gutgeheissen, „Zucht und Ordnung“ hineinzutreiben, und „den Drill, Rechtsgewohnheit und Gehorsam…“ In einer Monographie fasst Higham die komplexen Initiativen wie folgt zusammen: „Durch Drohung und Rhetorik eröffneten 100-per-cent-Amerikanisierer einen Frontalangriff auf den fremden Einfluss auf das amerikanische Leben. Sie gingen daran, Immigranten in bürgerschaftliches Denken hineinzutreiben, in die Annahme der englischen Sprache, in die bedingungslose Ehrfurcht vor amerikanischen Institutionen. Sie geboten ihnen die vollständige Preisgabe ihrer Bindungen, Gebräuche und Erinnerungen an die alte Welt.“ Am homogenisierenden „Management of American Minds“ (in Ronald Shaffers treffender Überschrift ) wirkte eine ganze Phalanx öffentlicher, halböffentlicher, privater Institutionen und Kräfte mit, angefangen mit John Creels Committee on Public Information über Charles Leydeckers „National Security League“ bis zu einem ganzen Spektrum faschistoider Vigilantenorganisationen, auch des Ku Klux Klan und der American Legion - unter affirmativer Beteiligung von Unternehmerorganisationen bis zur National Association of Manufacturers hinauf. Ihre Aktivitäten, der Terror der letzteren waren beleibe nicht, oft überhaupt nicht gegen die Deutschen und die Amerikaner deutscher Herkunft gerichtet. Affirmativ ging es um eine mentale Homogenisierung und Disziplinierung, die David Kennedy schon in den frühen Hexenjagden der Puritaner angelegt sieht , ein aggressives Schwergewicht lag im Kampf gegen die Unterklassen. Leydecker ging es um den „Schutz unserer nationaler Gesetzgeber vor gefährlichen Proletariern“, wobei er - ganz im Sinne der national efficiency - Proletarier auch als „…das Mitglied der Gesellschaft (definierte), das ohne Sparsamkeit, Fleiß“ lebe. Die IWW - Kriegsgegner und antinationalistische Impulsgeber einer Globalisierung der sozialen Revolution - bekamen die gegen unamerican activities gerichteten Maßnahmen als regelrechten Terror zu spüren. Mit Kriegseintritt, und lange bevor ein Soldat europäischen Boden betrat, war der Krieg gegen die IWW im vollen Gange.

Wilsons Administration betrieb den inneren Krieg an der Heimatfront gegen unamerican activities maßgeblich, organisierend in Unterstützung privater Initiativen, mit offener oder stillschweigender Billigung des Meinungsterrors und der Übergriffe. Sie ließ selbst den brutalsten Vigilantismus praktisch gewähren (die seltenen Ermahnungen zur Mäßigung wirkten eher stimulierend): öffentliche Auspeitschungen, Prügel, Teeren und Federn, Kahlscheren, Lynchen, zwangsweises Flaggenküssen und dergleichen mehr.

Die Maßnahmen gegen unamerikanische Aktivitäten, der Antiamerikanismusdiskurs erwiesen sich als Offensive mit komplexen Funktionen: Durchsetzung der nationalen Kiegsbereitschaft, Erstickung und Einebnung des Klassenwiderspruchs in der Formierung des nationalen „Wir“ und Einbindung in die gegen die Unterklassen gerichtete soziale Aggressivität, mentale Homogenisierung, kriegsökonomische Dynamisierung der „national efficiency“ und gewaltsame Selbstfindung ihrer tragenden Schichten, der „Servants of Power“ in Loren Baritz' Begriff , Nationalisierung der Massen. Der Betrieb des Diskurses über die „amerikanische Mission“ und den „Antiamerikanismus“ inszenierte sich als Diskursoffensive von oben. Er steigerte seine Intensität in einem spezifischen Moment der Geschichte: des offiziellen Einstiegs des US-Kapitals in einen kriegerischen Prozess, in dem die europäischen Kriegsökonomien, vor allem die deutsche, die gesellschaftliche Transformation in Richtung fordistischer Massengesellschaft weit vorangetrieben hatten. Dies ist der tiefere Grund, warum die Neocons hinter Bush sich auf Wilson und seinen Eintritt in den ersten Weltkrieg als ihren historischen Vorlauf und ihren Vorläufer zurück beziehen.

War das „Amerika“? Es war Kapitalismus. Im kriegerischen Prozess wurden Strategien der Massifizierung von Produktion, Konsum, Ideologien und Mentalitäten durchgesetzt, wie sie ihre Analogien bei den anderen Kriegsbeteiligten bis hin nach Russland hatten. Dynamik und Gefälle ihrer Barbarei wurden vom Management der deutschen Kriegsökonomie bestimmt und nachholend bei den anderen Kriegsbeteiligten reproduziert. Krieg und Kriegsökonomie formierten in einer ersten Etappe Human- und Sozialkapital an den Anforderungen der fordistisch-tayloristischen Massenproduktion.

Weitere historische Vorbilder auf dem Weg schöpferischer Zerstörung

Von Ledeens Mitstreitern sind für unseren Kontext Thomas Donnelly und Joshua Muravchik zu erwähnen - beide neben ihrer Mitarbeit im AEI auch Gründungsmitglieder des PNAC, des "Project for a New American Century". Sie sind maßgebliche Propagandisten der neokonservativen Offensive, aus deren Vorarbeiten Präsident Bush ganz offenbar den Inhalt mehrerer seiner Reden durch seinen Redenschreiber hat formulieren lassen. Auch sie

propagieren freies und ungehindertes Unternehmertum als Kern der amerikanischen Welt-Mission und erklären Stagnation traditioneller Gesellschaftsstrukturen zu ihrem Feind und ihrer Bedrohung. Dies sehen sie als Kern der von der Bush-Administration im Herbst 2002 verkündeten „Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS). Muravcik vergleicht diese Mission mit den Gründen und der Dynamik des Wegs Präsident Wilsons in den 1. Weltkrieg, die er in den Impulsen des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs als Ausdruck des amerikanischen Wesens verankert. Donnelly erweitert die Rückbeziehung zu Wilson um den kolonialistischen Überfall Amerikas auf die Philippinen. Amerika sollte im Irakkrieg an die Kriegs- und Sozialstrategien des „progressiven Expansionismus“ unter Mc Kinley und Teddy Roosevelt anknüpfen. Auch damals sei der Krieg erfolgreich gewesen, weil er direkt auf die „grassroots-level der Dorfstrukturen zielte. Wohl wahr. Die neuen Forschungen zum philippinischen Krieg berichten uns davon, dass sich dahinter eine systematische Politik der Zerstörung, der verbrannten Erde, des Massakers und des Hungers verbarg. Sie kostete nach Schätzungen von de Bevise das Leben von 1/7 der Gesamtbevölkerung - einer Million von etwa sieben Millionen Menschen. Zu Recht ordnet Mike Davis sie in die Strategien systematischer Politik der blutigen Zerstörung tradierter Gesellschaften zur Erschließung neuer marktfähiger Arbeitskräftereservoire ein, zusammen mit der europäischen Politik in Afrika im selben Zeitraum. Donnelly verortet in dieser mörderischen Politik den progressiven Expansionismus als Triebkraft der amerikanischen Mission. Darüber hinaus bezieht er den präventiven hegemonialen Unilateralismus der Nahostoffensive Bushs auf das historische Beispiel der mittleren Phase der Indianerkriege zurück. „Thomas Jefferson mag Hamiltons bitterster Rivale gewesen sein, aber sein Ziel, 'ein Empire für die Freiheit' zu schaffen, war nicht unterschiedlich... Seitdem wurde der Begriff „Empire“ mit allen möglichen Lasten beladen, meist geschöpft aus den Erfahrungen der europäischen Kolonialunternehmungen des 19. Jahrhunderts. Aber für die Gründer bedeutete die Idee genau das, was Präsident Bush meint: die Anwendung amerikanischer nationaler Macht – militärischer, ökonomischer, diplomatischer, ideologischer und kultureller, um die Grenzen menschlicher Freiheit voran zu treiben.“ Und in „Fighting a Global Counterinsurgency“ findet Donnelly in den Indianerkriegen die Vorläufer der erforderlichen Strategien im Irak. Nun, aus der Perspektive der Indianer hieß diese schöpferische Zerstörung „Völkermord“.

 

Bushs Redenschreiber Michael Gerson, wie er ein evangelikanischer Christ, hat diese aggressiven Impulse mit großem Geschick in eine rhetorisch einfache präsidentielle Leitmelodie übersetzt: im Kern die Ausweitung unternehmerischer Freiheit und des Handels durch Öffnung stagnierender Traditionen, das ganze wird als „new frontier“ einer neuen auf Jahrzehnte angelegten Etappe der amerikanischen Mission begriffen. Von besonderem Interesse für ihre historische Verankerung ist die Rede, die er am 20.11.03 im Londoner Whitehall Palace vor der englischen Queen und ihrer Regierung gehalten hat. Darin ruft er das englische Erbe des amerikanischen Nationalcharakters auf, in Shaftesbury, John Locke, den Puritanern als Exponenten der bürgerlichen Revolution in England. Das war alles andere als höfliche Streichelei. Es war die historisch korrekte Rückbesinnung der neokonservativen Revolution von oben auf seinen Ursprung. Neue Forschungen der letzten Jahre haben uns daran erinnert, dass der amerikanische Unabhängigkeitskrieg seinen Ursprung nicht im Wunsch nach Befreiung von den englischen Klassenstrukturen hatte. Im Gegenteil. Die neuenglische Aristokratie und Herrenschicht waren unzufrieden damit, dass sie nicht denselben Status und dieselben Privilegien genossen, wie ihre englischen Brüder, sahen sie sich doch als gemeinsame Kinder der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts. Der amerikanische Historiker David Lovejoy hat gezeigt, dass die Betreiber der Unabhängigkeit mit dem Kampf für die „natürlichen Rechte“ und „Gleichheit“ die Ansprüche der Eliten verfolgten. Nichts Neues, denn das gilt ebenso für den Wertekanon der französischen Revolution.

Aber was war das für eine „Revolution“ in England gewesen, auf deren Exponenten sich Bush bezog? Es war eine komplexe Umwälzung, in der sich die aufstrebenden neuen Eliten von den radikalen Formen der aus den zertrümmerten bäuerlichen Strukturen mobilisierten Unterklassenbewegungen nach oben tragen ließen, um dann im Medium des sozialen Antagonismus mit ihrer Zuspitzung im Bürgerkrieg gegen eben diese Bewegungen das Arrangement mit Adel, Königtum und bereits etablierter Gentry zu suchen und das Kommando über sie zu modernisieren und als soziales Feld für die Zugriffe eines zum „laissez-faire“ entfesselten Unternehmertums zu „öffnen“, wie die Neocons sagen würden. Für die in ihrer Herrschaft bedrohte Aristokratie und Gentry waren diese Unterklassen „das vielköpfige Ungeheuer“, „tollwütige Tiere“ („mob“ für die bürgerliche englische Geschichtsschreibung noch heute). Aber aus den Grenzgängerbewegungen des Unterklassenaufruhrs, den Levellers, Diggers, Ranters, Quakers, Mechanics etc. haben wir genauere Auskunft über seine sozialrevolutionäre, frühkommunistische Radikalität. Sie war Ausdruck dessen, was Thompson in seinen späteren Ausprägungen als „moralische Ökonomie der Unterklassen“ untersucht hat.

Wenn sich Bush auf Shaftesbury und seinen Hauslehrer, den Philosophen und Staatsrechtler John Locke beruft, dann gerade auf Exponenten einer konservativen Revolution, oder besser: präventiven Konterrevolution. Beide waren Engländer und darüber hinaus auch frühe Amerikaner. Ihre Herrenaspirationen in der Neuen Welt ließen denn auch an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Sie haben nur mit der Entfesselung ihrer Herrenenergien die Sozialstrategien ihrer konservativen englischen Revolution ins Innere Amerikas übertragen. Shaftesbury war 1663 vom englischen König Charles II ein bedeutender Teil der von Grenzern aus Virginia und englischen Einwanderern besetzten Kolonien der „Carolinas“ überschrieben worden. Locke hatte 1669 hierfür zur Fundierung der Herrschaft einer neuen Elite als Verfassung das „Grand Model“ einer Feudalhierarchie ohne Rücksicht auf die Gesellschaftsverfassung der indigenen indianischen Gesellschaften ausgearbeitet, auf der Basis hauptsächlich weißer erblicher Arbeitsklaverei englisch-schottischer Tradition, der „villeinage“. Es wurde ab 1674 in Shaftesbury`s Kolonie auf Locke Island unter Einbeziehung schwarzer und indianischer Sklaven in die Praxis umgesetzt. Wichtig ist dies nicht nur zum tieferen politisch-ökonomischen Verständnis von Bushs Bekenntnis zu beiden Kolonialherren. Wichtig ist dies auch im Kontext des Antiamerikadiskurses. Als einer seiner Matadoren hat Dan Diner seinem bekannten Antiamerikanismus-Pamphlet ein Locke-Zitat vorangestellt, wie eine idealistische Fanfare der amerikanischen „Schöpfungsgeschichte“: „Im Anfang war alle Welt Amerika“. Nun, im „Grand Model“ haben wir den materiellen Hintergrund dieses „Schöpfungs“-Ideals aus bürgerlich-aristokratischer Herrenperspektive. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, dem Mythos der „Tabula rasa“ bei den intellektuellen Eliten des Modernisierungsprozesses nachzugehen, wie ihn Stephen Toulmin als ideologische Begleiterscheinung des Modernisierungsparadigmas auch bei Locke und der amerikanischen Revolution untersucht hat.

 

So war das, worauf sich Bush und die Neokons berufen, nicht simpel eine „bürgerliche Revolution“. Es war eine konservative Revolution, die die sozialen Verhältnisse transformierte, indem sie die Herrschaft über die Unterklassen mit kriegerischen Mitteln, die auch das blutige Massaker nicht scheuten, modernisierte und erneuerte - als früher Ausdruck des Prozesses „schöpferischer Zerstörung“. Damit reihen sich die Neocons in die historische Kette der neokonservativen Revolutionen von oben als ihr letztes Glied ein, einer Kette, in der jeweils neu hervortretende Eliten die Gewalt der schöpferischen Zerstörung und Inwertsetzung des Kapitalismus vertieften, modernisierten und rationalisierten, und sowohl ihn wie auch den sozialen Antagonismus auf ein jeweils neues historisches Niveau transformierten. Die Selbstvergewisserung in der Erinnerung an seine Eliten im frühen Puritanismus, an das „manifest destiny“ als übergreifende amerikanischer Mission ist daher nicht mehr als eine ideologische Bespiegelung ihres Anspruchs auf Macht und Zugriffsbefugnis und der jeweiligen historischen Ausgestaltung ihrer Identitätspolitik. Das ist darum auch der Kontext, der auch die materielle Funktion dessen erklärt, was Geisteswissenschaftler als „Heiliges“, „Zivilreligion“, „Erlösernation“ aus der komplexen Dynamik gewalttätiger Transformationsprozesse zum Gegenstand partikularer Betrachtung herausisolieren. Im „Heiligen“ des christlichen Fundamentalismus entfesselten und erneuerten sich die Herrenenergien zum blutigen Zugriff und zur innovativen Zurichtung in allen Dimensionen: Ausbeutung, Kommando, Lebensführung, Moral etc. Von Cromwell bis Bush.

 

Protestantische Ethik und „das Heilige“

Es liegt im zyklischen Charakter des kapitalistischen Take-off aus den jeweiligen Krisen begründet, dass die „Emergenz“, das Hervortreten neuer „neokonservativer“ Eliten im doppelten blutigen Krieg gegen das alte Regime und die aufbegehrenden Unterklassen in seinen fundamentalistisch-religiösen, jakobinischen Charakteristika vor und im 1. Weltkrieg und heute, im Beginn des blutigen postmodernen Zugriffs, ins Zentrum historischer Selbstvergewisserung rücken. Max Weber hat in seiner „protestantischen Ethik“ die neokonservative Gewalt im Umbruch zum Taylorismus/Fordismus ausdrücklich auf die englische und die amerikanische Revolution von oben zurückbezogen. Er hat den puritanischen Fundamentalismus der religiösen Eliten im 16. Jahrhundert in der „rationalen Gestaltung des ethischen Gesamtlebens“ religiös, ethisch, kaufmännisch und in ihrem jakobinischen Terrorismus nachgezeichnet. Weber beleuchtet die allmähliche Säkularisierung dieser fundamentalistischen „Governance“-Offensive am Beispiel ethischer Rechnungslegung des amerikanischen Gründervaters Franklin im Rahmen seines unternehmerischen Geschäftstriebs. Die Vergeudung von Zeit, Energie und von Profitmöglichkeiten stellt er als Ausdruck einer unethischen und glaubenswidrigen Lebensführung dar. Weber lässt keinen Zweifel an der Bedeutung von Religion, Krieg und Blut in diesem kapitalistischen Rationalisierungsprozess. An mehreren Stellen behandelt er die Bedeutung von Cromwells Heeresorganisation und Kriegsökonomie (namentlich im Bürgerkrieg) als Medium von Umbruch, Rationalisierung und Modernisierung, als Transformationsmedium (wie dies Ledeen auch heute wieder tut) . Er rückt diesen Bezug erneut in den Kontext der kapitalistischen Reorganisation des fordistischen Take-off, indem er die Rationalisierungsstrategien in der Heeresdisziplinierung und im Großbetrieb des „scientific management“ miteinander verknüpft: „Die Disziplin des Heeres ist aber der Mutterschoß der Disziplin überhaupt. Der zweite große Erzieher zur Disziplin ist der ökonomische Großbetrieb. ... Die höchsten Triumphe feiert die darauf aufgebaute rationale Abrichtung und Einübung von Arbeitsleistungen bekanntlich in dem amerikanischen System des „scientific management“, welches darin die letzten Konsequenzen der Mechanisierung und Disziplinierung des Betriebs zieht. Hier wird der psycho-physische Apparat des Menschen völlig den Anforderungen, welche die Außenwelt, das Werkzeug, die Maschine, kurz die Funktion an ihn stellt, angepasst, seines, durch den eigenen organischen Zusammenhang gegebenen, Rhythmus entkleidet und unter planvoller Zerlegung in Funktionen einzelner Muskeln und Schaffung einer optimalen Kräfteökonomie den Bedingungen der Arbeit entsprechend neu rhythmisiert“. Den eigenen praktischen Beitrag zur „psycho-physischen“ Abrichtung der Arbeiter leistete Weber selbst in seinen großen Studien zur psycho-physischen Rationalisierung noch vor dem Krieg.

 

Dieser Zusammenhang zwischen dem „Heiligen“ und der Inbrunst blutiger Erneuerung ist so unterschiedlich thematisiert und in Anspruch genommen worden, dass ich das Spektrum hier nicht einmal grob wiedergeben kann. Seine Bedeutung im Kontext politischer Ökonomie ist kaum befriedigend erkannt und ich werde erst in meinem angekündigten Buch über Krieg und Ökonomie darauf eingehen können. An dieser Stelle sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Modernität der politischen moslemischen Fundamentalisten gerade in diesem Zusammenhang zu suchen ist. Ihre religiös-jakobinische Inbrunst und die Formen von Terror, Disziplinierung und Wohlfahrt sind inzwischen hinreichend als typischer Ausdruck der Emergenz neuer Modernisierungseliten diagnostiziert, so von uns in einem frühen Aufriss zur arabischen Infitah, also der spezifischen "Öffnungs-" und Liberalisierungpolitik, von Samuel N. Eisenstadt in einem historischen Überblick über die Formen fundamentalistischer Modernisierung, von John Gray über al-Qaida als Modernisierungsprojekt. Darin liegt bei aller Feindlichkeit die fundamentalistische Bruderschaft der amerikanischen mit den islamistischen Modernisierungseliten begründet, historische Elitekonflikte aus der Phase des Nationalismus auf neuem Niveau reproduzierend. Es ist daher ebenso absurd, dem moslemischen Fundamentalismus den Kampf für soziale Gerechtigkeit zugute zu halten, wie den metropolitanen Fundamentalisten den Kampf für die Freiheit: beide betreiben ihr Herrenprojekt konkurrierend im Terror schöpferischer Zerstörung gegen dasselbe soziale Subjekt, wie in anderen historischen Phasen in antagonistischer Kooperation.

 

Die Materialität des Antiamerikanismusdiskurses

Die neuere politische Ökonomie geht von dynamischen Vorstellungen aus, in denen sich die Kräfte und Energien kapitalistischer Inwertsetzung in groß angelegten Zyklen erneuern, erfinden, selbst organisieren, zur Geltung bringen. Sie stellen den Akteur, Unternehmer, Eliten in den Mittelpunkt, die sich in der Selbstherstellung („Autopoiesis“) und der gleichzeitigen Zurichtung menschlicher Ressourcen zu Humankapital geschichtsmächtig machen und zwar in der Gewalt der schöpferischen Zerstörung, d. h. der sozialen, kulturellen, mentalen Zerstörung und reorganisierenden Neuschöpfung. Das verdinglichte „tote“ Kapital ist Bestandteil und Produkt dieser Dynamik, aber nicht Motor. Damit rücken auch die Prozesse des gewalttätigen, sich bemächtigenden Zugriffs in den Mittelpunkt und zwar auf vielen Ebenen. Schon Max Weber und Schumpeter, neuerdings Foucault und die Protagonisten der Gouvernementalisierungsstrategien machen deutlich, dass diskursive Mobilisierung der in ihnen zum Tragen gebrachten sozialen und personalen Energien diesem Prozess selbst angehören. Besonders Foucault hat in seinen letzten Arbeiten den strategischen Charakter dieser Diskurse thematisiert, wie er sich aus den gewalttätigen Formen griechischer Eliten über die „Aufklärung“ bis heute sich historisiert, vergeschichtlicht hat.

 

Auf diesem diskursiven Feld der Formierung neuer Gewaltstrategien sind auch die Initiativen anzusiedeln, die Diskurse zur „amerikanische Mission“ und zum „Antiamerikanismus“ nicht aus der Perspektive des Widerstands, sondern derjenigen ihrer Akteure organisieren - gleich ob im Gewand des Antiamerikanismus oder des Antiantiamerikanismus. Es liegt auf der Hand, dass zum Beispiel eine Geschichtsschreibung, die „Amerika“ die Sklaverei vorhält, ohne die kapitalistische Ausbeutung im historischen und globalen Kontext zu thematisieren und ohne sich an den ausgebeuteten Menschen und ihren Befreiungsbewegungen zu orientieren, den beschriebenen Diskurs sucht, um ihre eigenen Perspektiven im Kontext nicht-amerikanischer, europäischer oder anders lokalisierter Ausbeutung zu betreiben. Aber das ist ja ein altes Geschäft derer, die Marx als „feindliche Brüder“ auf der Kapitalseite bezeichnete.

Die diskursiven Beiträge zum Formierungsprozess kapitalistischer Gewalt und Bemächtigung stellen lediglich Facetten seiner gewalttätigen Dynamik dar und gehören zum Gegenstand historisch-materialistischer Analyse. Die Gemeinsamkeiten, die sie in der Konfliktualität feindlicher Bruderschaft auf der Seite des Kapitals zum Tragen bringen, haben ihren Grund darin, was sie gemeinsam unterdrücken, ausweißen, unterschlagen, worum sie den komplexen Antagonismus verkürzen. So können die Beiträge gleich sein, auch wenn sie sich in der giftigen diskursiven Konkurrenz gegenseitig bekämpfen, feindliche Bruderschaft auf derselben Seite eben.

Schon die mangelnde analytische Tiefe ist oft Methode und der polemische Zwang zur Identifikation spiegelt sich zumeist schon auf der Ebene der Begrifflichkeit wider. Der Gebrauch der Begriffe „Amerika“, “Europa“, „der Westen“, „die Moderne“, "die Zivilisation“ etc. transportieren schon in der Begrifflichkeit den Zwang zur Identifikation mit den aggressiven Strategien des Kapitals und die Bereitschaft zur argumentativen Willkür. Wenn wir „Amerika“ folgen sollen, weil es Trägerin der „Moderne“, der „Zivilisation“, der „Zukunft“ ist und sich „Europa“ dem hegemonialen „Amerika“ unterordnen soll, weil es nur so die „Moderne“ und „Zivilisation“ fördern kann, oder andersherum: wenn wir „Europa“ gegen „Amerika“ fördern wollen, weil dieses „seelenlos“ sei etc., dann wird uns die Unterwerfung unter die eine oder andere Strategie kapitalistischer Inwertsetzung, die Identifikation mit dem einen oder anderen Aggressor zugemutet. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn im Begriff der „Moderne“, der „Zivilisation“ das Wirken rationalisierender Gewaltstrategien ausgeblendet wird und damit diejenigen, die sich gegen diese Strategien behaupten und zur Wehr setzen. Schon in der Begrifflichkeit selbst also spiegelt sich oft die Gewalttätigkeit des Anpassungs- und Homogenisierungsdrucks von oben wider, gleich welche Partei die Beteiligung an den jeweiligen miteinander in Konflikt stehenden Strategien verlangt. Die Diskursprotagonisten mögen also in ihrem Urteil über ihre „Gegner“ Recht haben, aber in der Verurteilung ihrer Gegner verurteilen sie nur sich selbst.

Im diskursiven Konflikt fördern die Gegner die Aggressivität geostrategischer Konkurrenzen ihrer Favoriten. Sie betreiben die gefährliche Formierung des aggressiven „Wir“, ob in Amerika oder Europa gegen das andere ihrer selbst. Dieser diskursive Druck zur Identifikation mit dem Aggressor bemäntelt sich mit einer Begrifflichkeit, die gerade das Vehikel des Zwangs zur Identifikation und Homogenisierung darstellt. Das Andere wird im Diskurs selbst ausgemerzt. Es wird im Zwang zum „Wir“ der Amerikaner und Europäer vernichtet. Da es jedoch den Widerstand, die Kämpfe, den Antagonismus gibt, ist die Diskursform selbst nichts anderes als eine spezifische Form aggressiver Formierung gegen die sozialen Objekte der Bemächtigungsstrategien, in dessen Dienst sie sich stellen.

Natürlich ist die Erscheinungswelt dieser strategischen Reduktionismen, Unterschlagungen, Verkürzungen sehr vielgestaltig, je nach dem was vom sozialen Antagonismus unterschlagen wird und wie. Der Versuch einer Systematik und Phänomenologie der Unterschlagungen kann an dieser Stelle schon darum nicht geleistet werden, weil sie eine gründliche Analyse postfordistischer Strategien von schöpferischer Zerstörung bis in ihre geopolitischen Dimensionen und Konkurrenzen („Globalisierung“) und des sich dagegen entwickelnden Antagonismus voraussetzt. Die Befürwortung angeblicher „europäischer“ Zurückhaltung gegen die Aggressivität „amerikanischer Globalisierung“ etwa in der Kritik des Irak-Kriegs verurteilt sich selbst als außerordentlich gefährlich. Nicht nur angesichts der geopolitischen Geschichte blutiger Inwertsetzungsstrategien des europäischen und vor allem deutschen Kapitals, sondern auch in der Unterschlagung der aktuellen Entwicklung gleichgerichteter, wenn auch partiell konkurrierender Strategien in den ost- und südosteuropäischen Raum, in den Kaukasus, den Nahen Osten und ins afrikanische Innere. Die isolierte Kritik an der „amerikanischen“ Hegemonie drängt nicht nur in die Identifikation mit der „europäischen“, „deutschen“ etc., sondern mit der Gewalt kapitalistischer Durchdringungs- und Unterwerfungsoffensiven. Dasselbe gilt für die Unterschlagung der Innovation überhaupt oder gar nur amerikanischer Multis als Kerne der Unterwerfungsdynamik. Die Darstellung der möglichen Kombinationen der Unterschlagungen würden Bände füllen. Klar ist, dass die alten Etiketten von links und rechts da wenig Trennschärfe bieten.

 

Drei Beispiele

 

In der jungen Welt vom 30.9.03 durften wir aus der Feder Werner Pirkers zur Rechtfertigung des Antiamerikanismus lesen: „Doch nirgends ist das Soziale dem Besitzindividualistischen so untergeordnet, wie in der amerikanischen Idee. Die amerikanische Demokratie ist eine Demokratie ohne sozialen Diskurs. Sie widerspiegelt nicht das Vorhandensein unterschiedlicher Klasseninteressen - nicht einmal in der verzerrten Form des bürgerlichen Parteienpluralismus. Dem oligarchischen Kapitalismus der USA stand nie ein antagonistisches Klassensubjekt, das auch ein Bewusstsein seiner selbst entwickelt hätte, gegenüber. Ein solches konnte sich in einer Welt von Besitzindividualisten, ob real oder nur eingebildet, nicht entwickeln. Die Vereinigten Staaten sind immer eine Einwanderergesellschaft geblieben. Einwanderung erfolgt oft aus Not. Doch beinhaltet das Einwandern bzw. Auswandern immer auch eine individuelle Absage an kollektive Bestrebungen, die Verhältnisse im Herkunftsland zu verändern. Daraus ergibt sich der Sozialtypus des 'Amerikaners'. Deshalb hat sich in den amerikanischen Unterschichten nie ein wirkliches Klassenbewusstsein herausgebildet. Und ergo kein demokratisches.“ In seinem Antiamerikanismus, in der Unterschlagung und Herabsetzung der Klassenkämpfe in den USA gibt Pirker zu erkennen, welche Kämpfe er nicht zu dulden bereit ist (die der IWW jedenfalls nicht), wie er den definitorischen Zugriff auf „Klasse“ und ihren Zwang zu einer spezifischen Kollektivität organisiert sehen will.

 

Oder Dan Diner. Dan Diners Buch „Verkehrte Welten“ aus dem Jahre 1993, im Jahre 2002 auf die neokonservative Offensive der Bush Administration hin aktualisiert , ist ein propagandistisches Pamphlet aus der bürgerlichen Perspektive, mit bildungsbürgerlichem Gestus. Diner unterschlägt Klassenkämpfe und ihre Subjekte völlig: sie kommen bei ihm nicht vor. Programmatisch für die Strategie der Unterschlagung und exemplarisch für ihren Reduktionismus ist schon die Eröffnungsfanfare des ersten Satzes. John Locke wird aus seinen „zwei Büchern über die Regierung“ zitiert: „Im Anfang war alle Welt Amerika“. Es heißt weiter: „Solcher Formulierung ist ein Anflug von Schöpfungsgeschichte eigen.“ Und von hier aus nimmt die gegenweltliche Stilisierung Amerikas als Ausbund der Moderne und dynamischer Neugründung seinen Ausgang.

 

Diner sind die Gründungsinitiativen sicherlich geläufig, in denen Locke praktisch dargelegt hat, was für ihn der „Anfang“ in „Amerika“ bedeutete: das bürgerlich-aristokratische Verfassungsprojekt einer auf weißer und schwarzer Versklavung beruhenden Ökonomie aus dem Arrangement des sich entfesselnden Bürgertums mit der Monarchie. Jedes ernst zu nehmende amerikanische Geschichtsbuch über die Anfänge des modernen Amerika als Ausgründung der englischen bürgerlichen Revolution enthält ein kleines Kapitelchen zu Lockes Experimenten. Das ist der gründungsmythische Anfang des freien Amerikas im praktischen und theoretischen Projekts John Lockes. Diner unterschlägt das für seinen Gründungsmythos und seine Schöpfungsgeschichte des „Anfangs Amerika“. Er unterschlägt auch, wie sich die moderne neokonservative Revolution auf diesen Anfang zurück bezieht. Die Unterschlagung ist gleichbedeutend mit der Affirmation der damit verbundenen Sozialstrategien und ihrer modernsten Ausprägung in Bushs „schöpferischer Zerstörung“.

 

Diese Unterschlagung ist programmatisch, sie prägt die ganze mentalitäts- und ideengeschichtliche Zeitreise dieses feuilletonistischen Pamphlets. Kamen schon hier die Unterklassen, die Sklaven, die Leibeigenen als Subjekt einer historischen Perspektive nicht vor, so bleiben sie auch aus den weiteren Darstellungen des amerikanisch-antiamerikanischen Diskurses eliminiert. Diese Ausgrenzung ist derart konsequent, dass auch die sozialstrategischen Vorstellungen der antiamerikanischen, zu meist europäischen Eliten unkenntlich bleiben, und damit auch ihr soziales Objekt oder besser: „Subjekt“. Dabei ist die gegen die amerikanische Hegemonie gerichtete Wut der europäischen kapitalistischen Konkurrenten nur vollends verständlich vor dem Hintergrund ihrer eigenen barbarischen Strategien schöpferischer Zerstörung und wertschöpfender Unterwerfung gegen die Unterklassen. Und wie schon die anfängliche Unterschlagung die Entfesselung des Kapitalismus im blutigen Krieg zugunsten eines kitschigen Bildes zivilisatorischer Morgenröte unsichtbar machte, so wird auch das Kapital selbst und seine Barbareien aus der Darstellung herausgehalten, methodisch freigehalten; fatalerweise nicht nur das amerikanische, sondern auch das europäische, ja sogar das deutsche in seiner maßgeblichen Initiativfunktion und Beteiligung an den nationalsozialistischen Sozialstrategien. Das ist durchaus konsequent. Denn mit den diskursleitenden Begrifflichkeiten „Moderne“, „Zivilisation“, „Werte“, „Freiheit“ ist es schnell vorbei, wenn man die historische Frage nach den sozialstrategischen Mittel der „Modernisierung“ und „Rationalisierung“ stellt und dabei hinterfragt, um wessen Freiheiten und Werte es denn geht.

Konsequent hält Diner die Darstellung des Antiamerikanismusdiskurses auf einem ganz engen Pfad. Er thematisiert nicht einmal die historische Entwicklung amerikanischer Selbstverständnisse, denn das würde die Frage nach ihrem sozialen Ort, den Eliten, dem Kapitalismus, dem Kapital und seinen nach unten gerichteten Sozialstrategien und damit dem Subjekt ganz schnell nach sich ziehen. Er hält sie rein, indem er sie im Spiegel geschichtlicher Beispiele des bösartigen Antiamerikanismus der Konkurrenten darstellt und sie als guten Kontrapunkt zu dieser Bösartigkeit rein, sauber, ideal hält. Dieses simple Reinigungsverfahren ist natürlich völlig platt, eine historische Rutschbahn in die Jetztzeit mit einem dünnen Wasserfilm ohne historische und analytische Tiefe. Diese dialektische Reinigung amerikanischer Idealität im Schmutzbad des Antiamerikanismus, in dem er auch einige seriöse linke, ihm nicht genehme antikapitalistische Ansätze mit zu erledigen versucht, ist nicht sein letztes Ziel, wie er abschließend offenbart. Das Pamphlet leistet seinen Beitrag von rechts zur aktuellen Reorganisation des Weltkapitalismus, wie das neu hinzu gesetzte letzte Kapitel unter der Überschrift „Nach dem 11. September – Apologie Amerikas“ zeigt. Nachdem er einige neuere antiamerikanische Äußerungen in die historische Kontinuität des Antiamerikanismus rückt, taucht es wieder auf: Amerika. Nach der schemenhaften Bespiegelung durch 162 Seiten und 200 Jahre Antiamerikanismus kommt das Bekenntnis zu „Amerika“ als hegemonialer geschichtlicher Macht und zu seinem Kapitalismus. „Die Welt hatte sich in der Tat verändert... und die Dynamik des Westens schlug sich vor allem in jener materiellen Wahrheit nieder, die durch keine Interpretationskünste zu betrügen war, nämlich in der Entwicklung neuer Technologien, vor allem in der Informatik bzw. dem so genannten Sektor des Hightech. Dabei handelt es sich um einen Bereich, in dem die alte Form der Arbeit und die ihr angemessene quantifizierbare Arbeitszeit tendenziell ebenso aufgehoben wird, wie ihr materiell nicht mehr greifbarer Stoff – die global ubiquitäre Kommunikation eines jeden mit jedem – der Freiheit als Lebenselixier bedarf. So war die Freiheit, vermittelt durch die neuen Technologien, zu einem regelrechten Produktionsmittel geworden...“ (S. 177 f) „Die unter solchen Umständen erfahrene Wahrnehmung des Westens und seiner überlegenen Technologie und Organisation führt im Unterschied zu der in den vergangenen Dekaden erfolgten Erfahrung einer eingeschränkten Moderne zu einer gesteigerten gesellschaftlichen und moralischen Erschütterung, und der damit verbundene Schock wird als tiefe und anhaltende Verletzung empfunden.“ (S. 178) Völlig korrekt. Schumpeter und die Gemeinde neoschumpeterianischer politischer Ökonomie von Greenspan bis Köhler sehen die Schockwirkungen der Innovationen und neuen Technologien im dynamischen Kern weltweiter schöpferischer Zerstörung. Die neokonservativen Revolutionäre haben uns über den historischen Hintergrund und die blutige Gewalttätigkeit seiner Dynamik theoretisch wie praktisch aufgeklärt. Von hier aus können wir auch im Kontrastbild zu Diners Säuberungsverfahren die Geschichte des Kapitalismus als Prozess schöpferischer Zerstörung aufschlüsseln. Als Diner dieses letzte Kapitel schrieb, hatte sich der politisch-ökonomische Begriff der schöpferischen Zerstörung auch in seiner neokonservativen Aggressivität jenseits des platten Ökonomismus voll etabliert. Das kann Diner nicht entgangen sein. Wenn er die anfängliche Unterschlagung am Schluss wieder aufnimmt und sie in die Darstellung der aktuellen Situation verlängert, dann liegt darin die Identifikation mit der Gewalttätigkeit der zugrunde liegenden Strategien. Mehr noch. Seine Methodik der Gestaltung des Diskurses zielt darauf ab, den Adressaten in diese Identifikation einzubinden. Es gibt keine Klassen mehr, es gibt nicht mehr das Kapital und das soziale Objekt seiner blutigen Zugriffe. Es gilt nur noch, „Amerikanität zu einer großen Nation zu verdichten . E pluribus unum – Die Vielheit in der Einheit – ist der Eindollarnote aufgedruckt; diese Kunde wird Mittels eines aller Ortens zirkulierenden, für alle gleichermaßen gültigen Wertsymbols verbreitet.“ (S.194).

 

Thomas Uwer, Thomas von der Osten-Sacken, Andrea Woeldike gehen in ihrer Einleitung zum Buch „Amerika“ etwas plumper und direkter vor, ein fast erfrischender Beleg für den materiellen Sinn des Idealen. Nachdem Uwer und Osten-Sacken zuvor ähnlich wie Diner in der Propaganda für den Irakkrieg ausgiebig auf der ideellen Werte-Sülze gesurft hatten, sind sie hier bei ganz handfesten Würsten und Speckseiten angekommen. „Das Bewusstsein, zu einer sich verändernden Welt lediglich als Verlierer zu gehören, nährte und nährt den Hass in gleicher Weise wie die Angst um Privilegien, die von einer Umwälzung der Verhältnisse bedroht sind. In beidem wird Amerika für jede Veränderung gehasst, die unweigerlich kommt und zugleich stets unverstanden bleibt.“ (S. 1) „Flugzeuge in amerikanischen Hochhäusern schaden zweifellos der amerikanischen Wirtschaft – der deutschen nutzen sie damit noch lange nicht. An einem Scheitern der USA im Irak kann ernsthaft niemand ein Interesse haben, der nicht die Weltwirtschaft in Trümmern sehen will. Was die Bundesregierung sich von einem Irak verspricht, der sich in einen failed state verwandeln könnte oder zu einem Zentrum islamistischer Bewegungen, weiß wahrscheinlich selbst das zuständige deutsche Außenamt nicht.“ (S. 3 f).

 

Die drei Autoren verzichten auf den Glanz der Idealität, die Diner wie eine Monstranz vor sich herträgt. Zwar geißeln sie das „antiamerikanische Ressentiment“, aber sie lassen immerhin eine Ahnung des Zusammenhang zwischen amerikanischer „Mission“ und „vitalen nationalen Interessen“ erkennen, die sich mit der „angestrebten Demokratisierung des Irak“ verbinden. Sie sagen einfach: Antiamerikanismus war schon immer ein schlechtes Geschäft für Deutschland und ist es auch heute. Raus aus der Mäkelei, rein ins atlantische Wir des partnerschaftlichen Vergnügens.

 

Damit setzen Uwer und von Osten-Sacken den Weg von ihrer anfangs eher idealistischen „antideutschen“ Orientierung an den westlichen Werten in der Kritik des Antiamerikanismus zur Interesse-geleiteten mentalen Aufrüstung im aktuellen Umbruchsprozess fort. Denn schon im Frühjahr 2003 haben sie zusammen mit H. Brandtscheid in einem Memorandum zum Irak die Führung der rot-grünen Koalition aufgefordert, deutsches Know-how auf dem Gebiet postmoderner Governance- und Servicestrategien in die Transformation des Irak und des Nahen Ostens einzubringen. „Die mögliche Umsetzung eines solchen Konzepts hängt zentral an der konkreten Ausformulierung praktischer Fragen, etwa über Gestaltung bundesstaatlicher oder föderaler Institutionen, Polizeirecht, ökonomische Gliederung des zu schaffenden Staates, Organisation der Zugriffs- und Ausbeutungsrechte vorhandener natürlicher Ressourcen etc… Die Bundesrepublik Deutschland verfügt hier über einen besonderen Erfahrungsschatz.“ Die in ihrem Memorandum zum Ausdruck gebrachte Rückbindung an die Durchdringungsstrategien kaiserlicher Nahostpolitik unter Wilhelm II. habe ich damals analysiert als Aufruf „Auf in den Irak, auf ins Preußen Arabiens“. Sehr lehrreich dafür, wie einfach sich Antiamerikanismuskritik als Identifikationsschiene mit deutschen Kapitalinteressen, ja mit Deutschland enthüllt. Der Übergang zum Antiamerikanismus ist dann nur noch eine Frage der geopolitischen Interessenkonstellation.

 

Ledeen, Diner, Uwer/Osten-Sacken/Woeldike: Es sind Beispiele, an denen sich das antagonistische Konzert von Antiamerikanismuskritik und Amerikakritik als Beitrag zur Reorganisation kapitalistischer Macht im Prozess schöpferischer Zerstörung entziffern lässt. Viel wichtiger als die Warnung, sich überhaupt auf ihr Diskursterrain zu begeben, ist die Aufforderung, die sich aus ihren Unterschlagungen ergibt: Die Kämpfe gegen die schöpferische Zerstörung in allen ihren Dimensionen in den Mittelpunkt zu stellen.

 

 

Dieser Aufsatz ist als Beitrag in dem von Gerhard Hanloser herausgegebenen Buch “Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken” (unrast, 2004) erschienen.

Ledeen benutzt hier das Wort „undo“. Sein Bedeutungsfeld reicht von „auflösen“ bis „vernichten“.

M. Ledeen, The War against the Terror Masters, New York 2002, hier: S.212

Vgl. ihre News & Analysis www.i-acci.org/articles/publish/printer_180.shtml

Vgl . The Tower Commission Report, veröffentlicht als New York Times Special im Feb. 1987; The National Security Archive, The Chronology, The Documented Day-by-Day Account of the Secret Military Assistance to Iran and the Contras, mit Vorwort von Seymour Hersh, Warner Books.

Vgl. M. Mamdani, Good Muslim, Bad Muslim. America, the Cold War, and the Roots of Terror, New York 2004

Mehr dazu in meinem für diesen Herbst geplanten Buch über „Die neuen Kriege und ihre Ökonomie“ (Arbeitstitel). Ausführungen dazu in meinen Beiträgen auf der Homepage www.materialien.org und in D. Hartmann, D. Vogelskamp, Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg, Berlin 2003

so in leichter Abweichung vom Buch in seiner selbst verfassten Zusammenfassung auf der Home-Page des AEI

M. Ledeen, Machiavelli on Modern Leadership, New York 1999

M. Ledeen, Tocqueville on American Charakter, New York 2000

M. Ledeen, The First Duce, D'Annunzio at Fiume, Baltimore 1977, S. 8

M. Ledeen, The Machiavellian Moment, Princeton 1975. Hardt und Negri führen dieses Buch in der Bibliographie ihres Buchs „Empire“ auf. Es ist evident, dass sie viele Momente des von ihnen propagierten Machiavellismus expansionistischer Biomacht bei Pocock entlehnt haben. Dies belegt noch einmal eindrucksvoll, wie sehr sie sich in den Dienst der postmodernen Reorganisation des Kapitalismus stellen. Vgl. dazu: D. Hartmann „Empire“. Linkes Ticket für die Reise nach rechts, Berlin 2002

M. Dubofsky, We Shall Be All. A History of the Industrial Workers of the World, Illinois 2000 (1969)

G. Bock, Die andere Arbeiterbewegung in den USA von 1909-1922: Die I.W.W. - The Industrial Workers of the World, München 1976

Abgedruckt bei A. Shaw (Hg.), The Messages and Papers of Woodrow Wilson, New York 1924, Bd.I, S. 151

R.S. Baker, W.E.Dodd (Hg.), The Public Papers of Woodrow Wilson , New York 1925-27, Bd.I, S. 412, 414-415

J. Higham, Strangers in the Land: Patterns of American Nativism, 1860-1925, New York 1963, 247

R. Shaffer, America in the Great War, Oxford 1991, S. 3

D. Kennedy, Over Here, The First World War and American Society, Oxford 1980, S. 46

ebd., S. 67

Vgl. R. Shaffer, D. Kennedy, aaO mit weiteren Nachweisen.

L. Baritz, The Servants of Power, Middletown 1960

Alle erwähnten Artikel finden sich auf der Home-Page des AEI unter ihrem Namen, www.aei.org .

K. De Bevoise, Agents of Apocalypse: Epidemic Disease in the Colonial Philippines Princeton 1995, Seite 60ff.

M. Davis, Die Geburt der Dritten Welt, Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin 2004, Seite 202ff., zum Grundsätzlichen : Seite 15ff.

D. Lovejoy, Two American Revolutions, 1689 and 1776, in: J.G.A. Pocock, Three British Revolutions: 1641, 1688, 1776, Princeton 1980, S. 244, hier: 257 ff.

Die Literatur hierzu ist inzwischen fast unübersichtlich. Als Einführung empfehle ich die Klassiker von Christoph Hill mit dem Hinweis, dass er zur marxistischen Orthodoxie neigt und die sozialrevolutionären Perspektiven vernachlässigt, namentlich: Change and Continuity in 17 th . Century England, London 1974; The world Turned Upside Down, London 1972 und B. Manning, The English People and the English Revolution, London 1976. Das Profil einer doppelten Revolution mit der Emergenz neuer politisch-ökonomischer Avantgarden ist ein wiederkehrendes Merkmal kapitalistischer Zyklen, vgl. A. Meyer, Die Logik der Revolten, Berlin 1999, insbes. S.148ff;

D. Diner, Verkehrte Welten. Antiamerikanismus in Deutschland. Ein historischer Essay, Frankfurt am Main 1993, S.9

S. Toulmin, Kosmopolis, Frankfurt/M., 1991, S. 281 ff.

Vgl. etwa Klaus Vondung, Die Tücken des millenarischen Sendungsbewusstseins, FR 20.7.04 und die anderen Beiträge der Serie.

M. Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik Bd. 20, Tübingen 1905.

Ebd. S. 95, Fn 54 b, M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Aufl. Tübingen 1972, S. 683

M. Weber ebd. S. 686

D. Hartmann, Welcher Krieg? Ägypten: Optionen im Szenario eines politisch-ökonomischen Aufmarschs, in: J. Später (Hg.) …alles ändert sich die ganze Zeit. Soziale Bewegungen im „Nahen Osten“, Freiburg (iz3w) 1994, S. 27, hier: S. 35; S.N. Eisenstadt, Die Vielfalt der Moderne, Weilerswist 2000, J.Gray, Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne, München 2004; vgl. auch D. Hartmann, D. Vogelskamp, aaO, S. 44 ff.

Die von den Gouvernementalitätstheoretikern behauptete Wende in Foucaults Ansatz gibt es nicht: er hat den „souci de soi“ auch weiterhin in den Kontext der „domination des autres“ gestellt. Vgl. „Le sujet et le pouvoir“ und „A propos de la généalogie de l'éthique: un apercu du travail en cours“, beide abgedruckt in: Dits et écrits II, Paris 2001, S. 1041 und 1202. Vgl. auch D. Hartmann, „Empire“, aaO, S. 32 ff, 109 ff.

D. Diner, Feindbild Amerika, München 2002

Diese methodische Platitüde ist auch der Grund, warum ich auf eine Auseinandersetzung mit seinen Bemerkungen zu meinem in der Zeitschrift Autonomie NF Nr. 14 abgedruckten Aufsatz über die Entstehung des Systems von Bretton Woods aus den Sozialstrategien des NS-Kapitals verzichtet habe (D. Hartmann, Völkermord gegen soziale Revolution, Autonomie NF Nr. 14, S. 217). Diner fälscht meine Darstellung, um sie in sein simples Schema zu quetschen: ich hätte behauptet, die Amerikaner hätten die nationalsozialistischen Großraumpläne zur Begründung einer neuen Weltherrschaft schlicht übernommen, ich hätte die Unterschiede zwischen den USA heute und dem NS eingeebnet. Er stellt dies mit anderen Meinungsäußerungen unter das Kapitel der „Identifizierung der USA mit den Verbrechen der Nazis“. Davon ist in meiner Arbeit nicht die Rede. Ich spreche nicht von USA und NS, ich spreche von NS-Kapital und US-Kapital und behandele die Sozialstrategien bei der Herstellung eines Clearingsystems als finanztechnische Organisation der Großraumwirtschaft. Die Strategie des amerikanischen Kapitals wird ausdrücklich als „zivilisierte“ Fortsetzung dieser Sozialstrategien in Abkehr von der nazistischen, offen rassistischen Zugriffsintensität beschrieben. Das bundesrepublikanische Kapital behandele ich als Nutznießer und Erbe der nazistischen Vorarbeiten. Von aktuellem Interesse ist, dass ich diese Sozialstrategien schon damals als Ausdruck der politischen Ökonomie „schöpferischer Zerstörung“ dargestellt habe, einige Jahre vor der aktuellen Wiederbelebung Schumpeters. Diese Zusammenhänge werden heute wieder hochaktuell und ich werde meinen damaligen Aufsatz hoffentlich bald zu einer umfassenderen Schrift erweitern können.

http://www.ca-ira.net/Leseproben/ostensacken_vorwort.htm , Vorwort zu: T. Uwer, T. von der Osten-Sacken, A.Woeldike (Hg.), Amerika, der 'War on terror' und der Aufstand der Alten Welt, Freiburg 2003

Alaska – Zeitschrift für Internationalismus Nr.223, S. 13