Was wollen wir mit den "Materialien für einen neuen Antiimperialismus" ?

aus Heft 1 (April 1988)

Einleitende Bemerkungen


Dem ersten Heft vorangestellt werden drei Positionen aus unserem Diskussionszusammenhang, an denen deutlich wird und werden soll, daß es bei diesem Projekt von der Unterschiedlichkeit der Personen und ihrer Geschichte her nicht um eine Vereinheitlichung verschiedener theoretischer Standpunkte gehen kann. Trotz gleicher Zielsetzung einer Weiterentwicklung bzw. Neuentwicklung sozialrevolutionärer Theoriebildung werden schon in den verschiedenen Teilen des Editorials unterschiedliche Ansätze deutlich.

Dies sollte nicht mißverstanden werden als pure Vielfalt oder vordergründiger Pluralismus. Wir werden diese Standpunkte miteinander konfrontieren müssen, um eine gemeinsam Diskussion weiterzuentwickeln. Wir hoffen mit der Herausgabe dieser Materialienreihe einen Teil der angesprochenen "Leerstellen" und Schwachpunkte linksradikaler Theorie aufarbeiten zu können, die dem Stand der weltweiten Klassenauseinandersetzung gerechter werde.
 
 

Editorial


Die Diskussion, die sich in dieser Veröffentlichungsreihe niederschlagen soll, dreht sich um die Frage nach den sozialen Bezugspunkten einer antiimperialistischen Politik. Es ist offenkundig, daß die Frage nach der Klassenorientierung autonomer Politik die Grundlage der strategischen Debatte sein muß, wie sie derzeit in zahlreichen Gruppen und Zirkeln geführt wird, mit Leben zu füllen und so zu einer Präzisierung beizutragen.

Die erste Frage, die sich ein Klassenbegriff gefallen lassen muß, ist die nach seinem Realitätsgehalt und die nach seiner politischen Funktion, nach seiner Nützlichkeit für revolutionäre Praxis. Es ist in den letzten Jahren Mode gewesen, "die Klasse" für dies und jenes zu bemühen; es war bequem, den Begriff im Unbestimmten zu belassen, um sich dann wahlweise nebulös auf sie zu beziehen oder sich auch schlicht zum Teil ihrer selbst zu erklären und damit das Problem revolutionärer Antizipation und Organisation billig zu umgehen. Mit "die Klasse" konnten wahlweise die Jobber gemeint sein oder die Sozialhilfeempfänger, die Flüchtlinge, die Frauen in Korea oder die Menschen in den Favelas von Rio. Bestenfalls war der Gebrauch dieses Worts ein Signal, daß der Bezug auf ein soziales Subjekt noch nicht aufgegeben war; jedenfalls bedarf es der weiteren Klärung.

Die Frage ist also, ob es einen Begriff von Klasse geben kann, der umfassend ist genug ist, um die weltweite soziale Realität zu enthalten und zugleich scharf genug für eine politisch-praktische Orientierung. Gibt es einen Begriff, unter dem die Vielfalt der Verhaltens- und Widerstandsformen der trikontinentalen Massen gefasst werden kann? Und gibt es einen Begriff, der nicht die patriarchalische Natur des Imperialismus und die Spaltung der sozialen Subjekte nach ihrem Geschlecht unter den Teppich kehrt? Ein solch lebendiger Begriff von Klasse wäre notwendig, aber wir haben ihn kaum dem Anspruch nach.

Ein revolutionärer Klassenbegriff erwächst aus der Doppelheit von Praxis und Erkenntnis, von Analyse und politischen Projekt. Er mißt sich schließlich daran, ob die Realität auch zum Gedanke kommt. Sonst wäre er nur soziologisch. Aber er kann nicht mehr marxistisch sein im orthodoxen Sinn. Marx hat die Arbeitsklasse an den sozialen Kämpfen des Vormärz vorbei bestimmt als Projektion auf die vergesellschaftete Produktivität des Kapitalismus; er hat die Klasse zunächst über den ungerechten Tausch auf dem Arbeitsmarkt und später als Resultat des unmittelbaren Produktionsprozesses beschrieben. Unsere Kritik daran heute ist eine mehrfache: Marx hat die Entwicklung des Kapitalverhältnisses zum Ausgangspunkt für die Entwicklung revolutionärer Subjektivität gemacht, ohne daß er hätte angeben können, wie sie sich in diesem Verhältnis hätte entwickeln sollen - ihm schwebte ein Bildungsprojekt vor, welches die Klasse auf die Übernahme der produktiven Gesellschaft vorbereiten sollte; ein Hohn angesichts der kämpfenden Massen auf der Straße bis 1848. Und er hatte einen "blinden Fleck" hinsichtlich der Klassenreproduktion und der Frage des Patriarchats.

Wir erkennen heute die Produktivität des Kapitals als die größte Destruktivkraft der Geschichte, wir haben erfahren, dass eine revolutionäre Vergesellschaftung nur im Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft sich bilden kann, und wir suchen nach einem Klassenbegriff, der keiner ökonomischen Bestimmung unterliegt - er ist nicht "ableitbar" - sondern der Resultat der Kämpfe ist und eine Antizipation dieser Kämpfe für die Bestimmung revolutionärer Politik zuläßt. Marx hat in den "Grundrissen" eine Dialektik dieses Kampfs zwischen Verwertung und Nicht-Wert, zwischen kapitalistischem Angriff und sozialem Subjekt angedeutet, die er dann im "Kapital" wieder zugeschüttet hat.

Wir hatten zu Beginn der 70er Jahre einen ausgearbeiteten Klassenbegriff, der das drittinternationalistische Schema von Arbeiter, Partei und Klassenbewusstsein überwunden hatte. Dieser Begriff entstammte den Untersuchungen über die autonomen Kämpfe und Organisationsformen der Arbeiter, vor allem in Italien, der Lektüre der Grundrisse, den historischen Forschungen über die "andere" Arbeiterbewegung; es war ein Begriff, der das antagonistische Subjekt des Massenarbeiters in einigen zentralen Punkten zu fassen vermochte: in seiner Manifestation als Nicht-Wert durch Arbeitsverweigerung und Sabotage, in der aufgehobenen Trennung zwischen ökonomischem und  politischem Kampf, in seinem Gebrauch des Lohns gegen die Arbeit, in seiner Multinationalität, in der  Wechselbeziehung der Kämpfe in Fabrik und Quartier, wo es jeweils um die Durchsetzung der Nichtarbeit und eines garantierten Einkommens ging - garantiert durch das Niveau und die Breite der Klassenauseinandersetzung. Das Problem des "Klassenbewußtseins" war  durch die Massifizierung der Arbeiterradikalität gegenüber dem homogenisierten Arbeitsprozeß aufgehoben und durch die Massifizierung der Aneignung im gesellschaftlichen Raum. Die Partei war nicht mehr ein Bildungsverein und sie brauchte keine knarrenden Transmissionsriemen, sondern es schien eine neue  Organisation möglich, welche mit diesem Klassenbegriff die nächsten Radikalisierungsschritte und damit die Punkte revolutionärer Intervention zu bestimmten vermochte.

Daß der damalige Klassenbegriff überholt ist, liegt nicht in erster Linie daran, daß er schlecht war. Noch aus der Sicht von heute wird deutlich, daß er mit dem Kampfzyklus um 1969 ziemlich genau korrespondierte. Es war ein Klassenbegriff, der es ermöglichte, die gesamte metropolitane Gesellschaft als Terrain des Kampfes zu begreifen und der damit das Niveau des keynesianistischen  Angriffs einholte. Daß er überholt ist, liegt daran, daß wir nicht in der Lage waren, unseren Klassenbegriff in den 70er Jahren auf die neuen Bedingungen zu verlängern. Der Angriff auf die Arbeiterzentralität, auf die Multinationalität des Massenarbeiters, die Austrocknung des Kampfterrains der Sozialgelder und der gesellschaftlichen Aneignung, die Reprivatisierung der gesellschaftlichen Hausarbeit - all dies haben wir viel zu spät in seiner Bedeutung verstanden, als das "Ende des Keynesianismus" überdeutlich war. Es gab keine Interaktion  zwischen Massenkampf und politischer Organisation, die in der Lage gewesen wäre, in dieser Situation, seit 1973/74, eine neue Offensive zu formulieren. Die Linke rückte die Klassenfrage ins Hinterhirn und beschäftigte sich mit der "Politik in erster Person", was dann zu einem Changieren zwischen Alternativkultur und Teilhabe an der Macht, zwischen Teilbereichsbewegungen und schließlich der grünen Partei verkommen ist.

Woran jedenfalls festzuhalten ist, und was auch heute aus den Schriften Trontis, den Quaderni Rossi usw. herauszulesen ist, ist ein Begriff von Klassenkampf, in dem die Dialektik von Klassenverhalten und technologischem Angriff als Terrain des Kampfs begriffen wird, in welchem die Arbeitersubjektivität, die sich in den konkreten Kämpfen ausdrückt, immer am Anfang steht. Die Operaisten nahmen die Homogenität und gesellschaftliche Macht des "Massenarbeiters" zum Ausgangspunkt ihrer Analyse, seine technische und politische Zusammensetzung, und sie beschrieben damit einen Zugang zur Geschichte der sozialen Bewegungen und zur Bestimmung sozialrevolutionärer Politik, der uns nicht verlorengehen darf: daß die Strategien des Kapitals, die Neuzusammensetzung des Gesamtarbeiters, die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft unverständlich bleiben und zum  Fetisch werden, wenn sie nicht auf  jeder Stufe neu als Angriff auf konkretes Klassenverhalten und den aktuellen Stand des Klassenkampfs bezogen werden. Die Analyse dieses Klassenkampfs ist aber aus Broschüren und Diskussionen nicht zu beziehen - sie ist nur zu bestimmen als Untersuchungsarbeit, als erste Aufgabe an ein sozialrevolutionäres Projekt. Das Problem heute besteht darin, daß wir nicht mehr - wie die Operaisten - eine hegemoniale, gesellschaftlich bestimmende Klassensubjektivität vorfinden und daß ein antiimperialistisches Klassensubjekt wohl in der Abstraktion als Nicht-Wert formuliert werden kann, in der Untersuchung aber erst nur punktuell und in Ungleichzeitigkeit aufgefunden werden könnte.

Wir sehen heute als wichtigste Grenze des damaligen Ansatzes die unzureichende Imperialismusanalyse. Der Begriff des Massenarbeiters übersah, daß diese nachnazistische Klasse in den Großwirtschaftsräumen der imperialistischen Zentren eine besondere und in gewisser Hinsicht privilegierte Rolle spielte und daß der metropolitane Kampfzyklus in seiner spezifischen Ausprägung nicht zu verallgemeinern war. Wenn die Krise des Imperialismus zu Beginn der 70er Jahre Ausdruck einer heterogenen, aber weltweiten Aneignungsoffensive war, dann haben wir damals nur einen kleinen Teil des Kuchens begriffen. Unser Antiimperialismus suchte seine Bündnispartner bei den trikontinentalen Befreiungsbewegungen, als es schon Beispiele der Verstaatlichung als Entwickungsdiktaturen gab. Wir glaubten, von der chinesischen Kulturrevolution und von der Focustheorie zu lernen, aber wir übernahmen auch damit einen Revolutions- und keinen Klassenbegriff.
Was wir damals viel zu wenig diskutiert haben, war die radikale Umkehrung des klassischen Klassenbegriffs bei Fanon. Er verstand die kleine Arbeiterklasse der Kolonialstädte nicht, wie es die leninistische Revolutionstheorie vorsah, als zentrale gesellschaftliche Produktivkraft, sondern sprach von einer kolonialen "Arbeiteraristokratie", die für ihn hinterster Profiteur der Kolonisierung war. Er analysierte "den Kolonisierten" als Produkt des kolonialökonomischen und kulturimperialistischen Angriffs in all seinen Zerstörungen, und in seiner Zerstörtheit als Subjekt des antikolonialen Befreiungskampfs. Auch, wenn wir uns heute in einer anderen Etappe befinden, gibt es wenig, was einem neuen antiimperialistischen Klassenbegriff so nahe kommt, wie Fanons Analyse.

Auch die Frage des Widerspruchs zwischen den Geschlechtern haben wir als Einkommensfrage runtergespielt und folgerichtig einer separaten "Teilbewegung" überlassen. Die Möglichkeit eines radikalen Feminismus von unten hat uns nur am Rande interessiert.

Es hätte nahegelegen, die kapitalistische Subsumtion der Klassenreproduktion systematisch als Antwort auf die Kämpfe der Frauen zu interpretieren und für den feministischen Kampf eine analoge Bestimmung von konkreten Kämpfen und kapitalistischer Antwort auf diese Kämpfe zu formulieren, wie dies der Operaismus für den Massenarbeiter entwickelt hatte. Daß dies nicht geschah, ist rückblickend dem Konzept der Klassenhegemonie und der Unterordnung feministischer Ansprüche unter die Aneignungsfrage zuzuschreiben, und dies war Ausdruck der männlichen Dominanz in den damaligen Zusammenhängen.

Beide Versäumnisse, die fehlende Imperialismusanalyse und die männliche Vereinseitigung, haben sich bitter gerächt, als wir unser zentrales Arbeitersubjekt in der Defensive sahen und zugleich nicht in der Lage waren, den Tendenzen der weltweiten sozialen Deregulation, der neuen internationalen Arbeitsteilung, Reprivatisierung der Reproduktionsarbeit eine radikale politische Synthese entgegenzustellen. Die Radikalität der autonomen Bewegung bezog sich nur noch auf Facetten der gesellschaftlichen Wirklichkeit; sie wurde zum Attribut eines Lebensstils, sie hatte die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur politischen Synthese verloren.

Mit der "Autonomie N.F." wurde versucht, theoretisches Terrain zurückzugewinnen. Jeder Teilbewegung sollte ein Heft gewidmet werden, um die Diskussionen wieder auf ein gemeinsames gesellschaftliches Substrat zu beziehen. Aber begonnen haben wir mit der Analyse der iranischen Revolution, und in der Auseinandersetzung mit dem Iran und mit der Sowjetunion hat sich ein Paradigma über den Charakter von Klassenbewegungen und Sozialbewegungen entwickelt, welches in vielem produktiv, in manchen Formulierungen aber auch extrem  mißverständlich war. Uns wurde die Aufgabe eines Klassenstandpunkts vorgehalten, aber es ging uns tatsächlich darum, endlich mit dem bolschewistischen Revolutionskonzept und mit der marxistischen Fortschrittsideologie zu brechen und sich einen neuen, sozialhistorisch geschulten Begriff von Klassenbewegung anzueignen. Wir wollten die Sozialgeschichtsschreibung von Thompson, Hobsbawn usw. für ein Paradigma vereinnahmen, in welchem die Dialektik zwischen " Selbstwertsetzung" der Klasse und kapitalistischem Angriff zu einer materialistischen Theorie der sozialen Bewegungen kommen sollte. Wir haben dann versucht, zu bestimmen, welches die autonomen und selbstreproduzierten Dimensionen in der metropolitanen und trikontinentalen Klassenkonstitution wären und in welcher Form und wieweit sie in das Kapitalverhältnis selbst eingegangen wären. Dabei spielte die Reproduktionsarbeit und die Subsumtion weiblichen Arbeitsvermögens unter das Kapitalverhältnis für uns eine zunehmend wichtige Rolle.

Aus dieser Sicht haben wir uns bemüht, den Entgarantierungs- und Verarmungsprozeß in den Metropolen als Reprivatisierung und Verwertung gesellschaftlicher Reproduktionsleistungen und als Anpassung der metropolitanen Arbeit an das Niveau des Weltarbeitsmarkts zu interpretieren und uns gefragt, ob es dann nicht Verbindungslinien zwischen den trikontinentalen und den hiesigen Kämpfen gäbe, die freizulegen und zur Grundlage unserer politischen Diskussion zu nehmen wären.

Nun waren die Verbindungslinien zwischen "Autonomie" und autonomer Bewegung nicht so eng, daß zwischen beiden tatsächlich ein politischer Austausch stattgefunden hätte. Nachdem wir im Anschluß an die kurzlebigen Revolten von 1980/81 zunächst gedacht hatten, es könnte nun eine Phase der Selbstreflexion und politischen Neubestimmung einsetzen, über die Themen der prekären Arbeit und der entgarantierten Reproduktion, in welcher die Verbindungen zur Weltsozialpolitik und zu den trikontinentalen antiimperialistischen Kämpfen zutage kommen würden, fanden wir uns mit der propagandistischen These von der metropolitanen und trikontinentalen Massenarmut bald im Abseits.

Was bleibt, das aus der "Autonomie" für die weitere Diskussion brauchbar ist"? Jedenfalls halten wir am Paradigma nicht ökonomisch ableitbarer Sozialbewegungen fest, die sich im Kampf  und Primat gegen die kapitalistische Verwertung und mit den Formen ihrer Aneignung als Nicht-Wert konstituieren. Dabei müssen wie die Gefahr im Auge behalten, daß dieser Ansatz leicht soziologisch, soziokulturell oder politologisch verkürzt wird, wie dies auch mit unseren Imperialismustexten gelegentlich der Fall war. Begriffe wie "Massenarmut" oder "Existenzrecht" bedürfen der ständigen Korrektur von der anderen Seite her, von einer neuen Kritik der politischen Ökonomie des Imperialismus her, von der Analyse des Existenzrechts als Nicht-Wert, um sich, wenn auch auf dem abstraktesten Niveau, auf den globalen antiimperialistischen Kampflinien beziehen zu lassen. In dieser Doppelheit des analytischen Zugriffs liegt die Möglichkeit, einen materialistischen Klassenbegriff zu entwickeln, der nicht aus der kapitalistischen Vergesellschaftung, sondern als prinzipieller sozialer Antagonismus im Imperialismus entsteht.

Was die Frage der Geschlechter angeht, hat die "Autonomie N.F." immerhin eine Bestimmung der gegenwärtiges Krise als Reprivatisierung vergesellschafteter Reproduktionsarbeit und als Radikalisierung der Gewalt gegen Frauen geleistet. Aber es ist uns deutlich geworden, daß dies nicht ausreicht. Die Frage, ob der Widerspruch zwischen den Geschlechtern "quer zu den Klassenwidersprüchen "liegt oder ob das Patriarchat als Grundlage kapitalistischer Herrschaft primär anzugreifen wäre, ist nie schlüssig beantwortet worden. Vielleicht ist dies auch nicht die Frage, die uns weiterhilft, aber daß es die Analyse der gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse gegen Frauen auf einem konkreten Niveau ist, die uns weitere Schlüsse liefern wird, wie es überhaupt die Analyse der ökonomischen und außerökonomischen Gewaltverhältnisse sein wird, und die Analyse aller gesellschaftlichen Verhältnisse als Gewaltverhältnisse, die für einen neuen Klassenbegriff aufschlußreich ist. Dann erst kämen wir zu einem Klassenbegriff wahrhaft anarchistischer Natur, und schließlich ist der Kampf gegen jegliche gewaltsamen Verhältnisse unser eigentlicher Beweggrund.

In dieser Broschürenreihe also geht es um die Diskussion eines Klassenbegriffs, der zugleich eine globale Analyse des Imperialismus und einen Zugriff auf die metropolitane Realität erlaubt. Es gibt noch keine Synthese der politischen Begrifflichkeit, denn diese Synthese kann erst im Kampf selbst entstehen, in einem Prozeß, der die metropolitane und die trikontinentale Klassenwirklichkeit, wie  auch die Themen des  Feminismus und der globalen sozialen Verschrottung und Vernichtung von Menschen lebendig in Beziehung setzt. Es gibt derzeit keine globale Klassenwirklichkeit von unten als nur die, welche aus der Krise des Imperialismus selbst abzulesen ist. Diese aber bietet uns nicht die politischen Ansatzpunkte, die wir suchen. Sondern die politische Synthese, ein antiimperialistischer Klassenbegriff, kann nur Ergebnis eines umfassenden sozialrevolutionären Projekts sein.

Es scheint, wir täten gut daran, uns dem neuen Klassenbegriff von drei Seiten her zu nähern: von der politischen Ökonomie des Imperialismus her, von der Analyse der Klassenbewegungen als Sozialbewegungen her und von der Kritik des Patriarchats her. Keine dieser Vorgehensweisen läßt für sich eine Analyse der Realität und der politischen Ansatzpunkte erwarten, sie müssen in eine produktive Konfrontation eingebracht werden, um den globalen antiimperialistischen Kampf als prozessierenden Widerspruch und sozialen Krieg begreifen zu können.

Beginnen wir mit der politischen Ökonomie des Imperialismus. Im Anschluß an die Untersuchungen über die neue internationale Arbeitsteilung wäre es naheliegend, mit der Analyse über die weltweite und transnationale Zusammensetzung des Gesamtarbeiters, der Segmentierung und Regulation des Weltarbeitsmarkts und der transnational organisierten Produktion also, zu beginnen. Schon daraus wäre die Rolle der Nationalstaaten als Zonierung zur Regulation unterschiedlicher Typen von Reproduktion der Weltmarktarbeitskraft abzuteilen. Aber das wäre nur ein Teil der Wahrheit. Denn es gelänge so nicht, den gigantischen Vernichtungsprozeß zu interpretieren, welcher das führende Charakteristikum der Weltsozialpolitik ist. Es ist also nach der Ökonomie der Massenvernichtung zu fragen, nach der Verwertung der subsistenziellen Reproduktion der trikontinentalen Massen, zum Beispiel nach der Ökonomie des Low Intensity Warfare, wie es in diesem Heft geschieht, oder nach der Rolle des IMF in Afrika (17 der 23 gegenwärtig laufenden IMF-Beistandsabkommen wurden mit afrikanischen Regimes abgeschlossen, und in der Verwertung der afrikanischen Subsistenz durch ihre Vernichtung liegt, neben der Verwertung der osteuropäischen Massenarbeit (und dafür steht der Tagungsort Berlin) gegenwärtig die zentrale sozialpolitische Funktion des IMF.

Wenn wir als Klasse den global prozessierenden Nicht-Wert gegen die Verwertungsstrategien des Imperialismus begreifen, können wir das Ausmaß dieses Widerspruchs am Ausmaß der imperialistischen Verwertungskrise ablesen. Es wird uns hier am ehesten vorwärtsbringen, von der Funktion der supranationalen Geldmärkte auszugehen, denn sie sind die abstrakteste und wirklich supranationale Form des sozialen Kommandos. Für die Analyse sind alle Arbeiten der 70er Jahre über internationale Kapitalreproduktion und Weltmacht überholt, und die Schriften über die sogenannte Verschuldungskrise schwanken zwischen oberflächlichen Deutungen und reformimperialistischen Lösungsvorschlägen. Wir können sie allesamt auf den Müll werfen. Worum es geht, ist folgendes: In Antwort auf die Verwertungskrise der frühen 70er Jahre ist das Kapital auf das supranationale Terrain ausgewichen und formuliert seinen neuen sozialen Angriff hier auf dem abstraktesten Niveau. Über die supranationalen Geldmärkte setzt es eine supranationale Kapitalrentabilität - Marx hätte gesagt, eine globale Durchschnittsprofitrate - durch, deren Maßstab die Profitabilität des transnationalen Kapitals ist (dieses ist ja über Eurobond usw. direkt mit dem supranationalen Zins verkoppelt). Aber das transnationale Kapital ist nur der fortgeschrittenste Punkt der globalen Verwertung, es "schwimmt", wie wir gesagt haben, "in einem Meer des Hungers". Die Transnationalen realisieren eine bestimmte Profitabilität, aber diese ist auf der Ebene des Klassenkriegs nur in Vorwegnahme, nämlich als Kredit, durchgesetzt, als Vervielfachung der Geldschöpfung. Kann sich der Kredit nicht verwerten, bricht dieses Dispositiv früher oder später zusammen; allerdings sind die Regulationsmechanismen auf den Finanzmärkten inzwischen so elaboriert, daß unglaublich große Einbrüche abgefangen werden können.

In den Metropolen greift die globale Durchschnittsprofitrate vor allem als Entwertung der Klassenreproduktion; die Politik der "Deregulierung" bedeutet nichts anderes, als daß bestimmte Sektoren dem transnationalen Rentabilitätsmaßstab ausgesetzt werden und vor allem der Sektor der Reproduktion. Und auf die trikontinentalen Regimes wirkt der Zwang in dem Sinn, daß sie ihre "Volkswirtschaften", die eigentlich schon keine mehr sind, ebenfalls der globalen Profitrate anzupassen haben, und sie tun dies auf der Ebene der Vernichtung gegen Cash, der Ökonomisierung der Bevölkerung, und die derart transformierten "Volkswirtschaften" sind dann nur noch unterschiedliche Durchsetzungsformen des globalen Kapitalkommandos, Zonen zur Regulation des Klassenwiderstands.

Wir werden in dieser Heftreihe versuchen, die politische Ökonomie des Imperialismus an einigen Punkten zu erhellen, durch regionale Analysen, durch Präzisierung dessen, was mit Ökonomie der Vernichtung gemeint ist, und durch Kritik am imperialistischen Neoreformismus im Gewand der Verschuldungstheoretiker und NGO-Sozialarbeiter.

Diese Analyse der politischen Ökonomie des Imperialismus, die systematische Bestimmung des Nicht- Werts als global prozessierender Widerspruch, sichert uns das, was wir einen Begriff von der antiimperialistischen Klasse "an sich" nennen könnten, wenn der Begriff von "Klasse an sich" und "Klasse für sich" nicht durch das dahinterstehende sozialistische  Bildungskonzept desavouiert wäre, aber über die  Konstitution und die Bewegungsformen  der Klasse wissen wir dann noch nichts;  erst in bezug auf die realen sozialen Bewegungen wäre ein konsistenter Klassenbegriff zu gewinnen.

Die Gefahren und die Begrenztheit des sozialhistorisch orientierten  Zugriffs auf die sozialen  Kämpfe haben wir genannt. Aber ohne einen solchen, zweiten methodologischen Ansatz  würde die Beschreibung des Nicht- Werts nur Negation und kapitalistische Vergesellschaftung, nur Leerstelle bleiben.

Nicht zufällig haben wir unsere Arbeiten  zum Imperialismus jetzt mit dem Thema der Migrations - und Flüchtlingsbewegung begonnen. Es ging darum, diese Mobilität in ihrem Doppelcharakter , in ihrer Verwertbarkeit und Funktion für den Weltarbeitsmarkt, zugleich aber auch in ihrer konstitutiven Bedeutung für die Zirkulation von Erfahrungen und Kämpfen, für die Verbreiterung der sozialen Kämpfe vom und in den Barrio (städtische Slums) und zurück, zwischen Fabrik und Favela, und für den Transport der trikontinentalen  Massenkämpfe in die Metropolen. Aus dieser Sicht sind weitere Analysen, wie wir sie in diesem Heft für den Raum Zentralamerika/USA begonnen haben, dringlich: die Verbreitung der sozialrevolutionären Impulse aus der iranischen Revolution im Mittleren Osten, die Zirkulation der IWF-Riots im Maghreb unter dem Zugriff der EG-Süderweiterung, der Zusammenhang zwischen den Kämpfen in Südafrika und Brixton, zwischen den französischen und den shanghaier Studentenunruhen, zwischen  den Kämpfen in den mexikanischen, brasilianischen  und südafrikanischen VW- oder Mercedeswerken, der Zusammenhang zwischen den Fabrikkämpfen des letzten Jahres in Lateinamerika, Südafrika, Korea, vor allem aber die Analyse der EG-Südbeziehungen und die Übertragung der Zusammenhänge, wie sie hier am Beispiel Zentralamerika/USA entwickelt werden, auf den hiesigen Raum, - all dies ist  nicht nur Ausdruck des gleichzeitigen weltweiten imperialistischen Angriffs, sondern zugleich auch der subjektiven Konstitution einer antiimperialistischen Klasse. Die Ausbreitung der Form nach ähnlicher Klassenaktionen - vom Riot bis zur Zirkulation des Palästinensertuchs - ähnelt in vielem der Ausbreitung von  Brotunruhen im Vormärz; sie bezeichnet, vielleicht, eine proletarische Zirkulation von Erfahrungen und Inhalten, die uns noch weitgehend unbekannt ist.

Eine entscheidende Frage, die in Zusammenhang des sozialhistorischen Ansatzes steht, ist die der Reproduktion. Noch im entwickelten und alle Bereiche subsumierenden metropolitanen Kapitalismus werden nicht nur Arbeitskraft, sondern stets auch der Arbeiter und die Arbeiterin reproduziert. Schon darin, aber viel mehr noch im Bevölkerungswachstum der drei Kontinente, steckt ein sozialer Überschuß, der im Kapital nicht aufgeht und nicht vom ihm zu subsumieren ist. In diesem sozialen Überschuß liegt für uns immer ein Ort antagonistischer Selbstwertsetzung des Proletariats - aber zugleich auch ein Ort der Auseinandersetzung anderer Art: denn wer den quantitativen Bevölkerungszuwachs als Klassenanspruch, als Rache der Enterbten formuliert, muß sich im gleichen Moment vorhalten, daß dies ein Klassenanspruch ist, der seine materielle Basis im Verschleiß der Frauen hat.

Wir suchen also nach einer materialistischen Analyse der antiimperialistischen Subjektivität, die in der Ökonomie des Kapitalverhältnisses nicht aufgeht und die in sich nochmals dem Widerspruch zwischen den Geschlechtern unterliegt. Wir werden eine solche Uneindeutigkeit in all unseren Analysen reproduzieren müssen, etwa wenn wir die  Ökonomie der Slums untersuchen, oder die "Ökonomie" sozialer Bewegungen. Aber der sozialhistorische Ansatz ist dadurch nicht überflüssig, denn ohne ihn ginge das materielle Substrat der Analyse verloren, das sich als dialektischer Antagonist des Imperialismus setzt und im Kampf entwickelt.

Die Uneindeutigkeit und Unsicherheit, die hier beschrieben wird, ist doch nur Folge dessen, daß es eine ausgewiesene politische Synthese der Klasse als antiimperialistisches Subjekt noch nicht gibt und geben kann, denn diese wäre nur als Resultat eines antiimperialistischen und antipatriarchalen transnationalen revolutionären Prozesses und seiner Organisationsformen denkbar und ist nicht vorwegzunehmen, es sei denn als Antizipation der revolutionären Antizipation denkbar und ist  nicht vorzunehmen, es sei denn als Antizipation der revolutionären Antizipation, als Desiderat - aber dann mit der Offenheit, in welcher das revolutionäre Projekt selber steht.

Aber sowohl das sozialhistorische Paradigma wie die Analyse der politischen Ökonomie des Imperialismus sind, auch zusammengenommen, nur die halbe Wahrheit. Sie haben sich ständig zu konfrontieren mit dem Widerspruch zwischen den Geschlechtern, der die - kapitalistisch transformierte - Grundlage der Herrschaft überhaupt ist und die Klassenverhältnisse und Sozialbewegungen selbst durchzieht. Wenn wir am Anspruch auf einen Klassenbegriff trotzdem festhalten und am Primat des Imperialismus als sozialem Verhältnis, dann vor allem, um nicht völlig den Kopf zu verlieren. Es scheint uns deshalb sinnvoll, die Gewaltfrage, also die Destruktivkraft des Imperialismus, der Hunderttausende Tote produziert und der die Frauen in ihrer Körperlichkeit subsumiert, in den Vordergrund zu stellen.

 Ein antipatriarchaler Ansatz - so ist in unseren Diskussionen deutlich geworden, welcher die Frauen als Opfer verkauft, folgt selbst der Vivisektion des Imperialismus. Im Vordergrund hätte also zu stehen, die Frauen als revolutionäre Produktivkraft und als "Motor der Geschichte" zu begreifen und den Angriff des Imperialismus als Antwort auf die Kämpfe der Frauen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Angriff auf die Frauen in den Metropolen eine Antwort auf deren relative Autonomie, auf die Verweigerung von Reproduktionsleistungen und auf ein kämpferisches Selbstbewußtsein ist. Im globalen imperialistischen Zusammenhang finden sich dagegen auch Beispiele, in denen die imperialistische Verwertungsstrategie die Fronten der "männlichen" Sozialbewegungen durch einen Zugriff auf die Frauen zu kompensieren sucht. Über diese Zusammenhänge wird noch ausführlich zu diskutieren sein.
 
 
 
 

II


1. Mit den "Materialien für einen neuen Antiimperialismus" sollen Projekte zur Veröffentlichung gelangen, die in Art und Anspruch bisher kaum Gegenstand der verschiedenen internationalistischen Diskussionen waren: In den Mittelpunkt gerückt sind Ausbeutungsgefälle, die von den höchsten Formen des metropolitanen Kapitalverhältnisses bis zu den äußersten Stufe der Verwertung durch Hunger und Krieg reichen. Das Prinzip der neuen internationalen Arbeitsteilung, das seit zehn, fünfzehn Jahren zur Realität des weltweit operierenden Kapitals geworden ist, erklärt nicht ausreichend die Verschärfung der kaskadenartigen Ausbeutungsgefälle. Die derzeitige Verwertungskrise ist vielmehr der Rahmen, der für die Phase des Kapitalismus am Ende der 80er Jahre bestimmend ist.

Die Strategie der Dezentralisierung, der Verlagerung der Produktion aus Metropole in bestimmte Zonen der drei Kontinente, galt in den 70er Jahren als Folgeerscheinung der Rigidität der metropolitanen Arbeiterklasse. Tatsächlich lagen - und liegen - die Stundenlöhne dort bei 10% bis 20% der Löhne hier. Durch die Errichtung von Produktions- und Industriestandorten "in einem Meer des Hungers" sollten nicht nur mehr und mehr Menschen der Arbeit unterworfen, sondern zugleich eine Wettbewerbsfähigkeit der kapitalistischen Produktion in globalem Maßstab erreicht werden.

Diese Analyse war insofern ökonomistisch, als sich die Klasse im Trikont von Anfang an in schärfstem Widerspruch zum Kapital entwickelte, ganz abgesehen davon, daß es nicht nur die langen Traditionen europäischer Migration ( in Amerika ), sondern vor allem auch die eigenen, antikolonialistischen und antiimperialistischen Kampferfahrungen in sich trug. Die rasche Industrialisierung der Millionenstädte und die Kapitalisierung der Landwirtschaft ("grüne Revolution"), beides "auf Pump", hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Die Bauern "aßen" die Kredite auf, und die Heere der Industriearbeiterinnen und Klitschenmalocherinnen setzten eine Lohnentwicklung jenseits von kapitalistischer Produktivität und Rentabilität durch. Daher sprechen wir von einer Verwertungskrise, die heute das Kapital weltweit erfaßt hat.

Vernachlässigt wurde in der Analyse der neuen internationalen Arbeitsteilung die Einkommenskämpfe, die die massenhafte Landflucht und - Vertreibung begleiteten und zu einer selbstbewußten Herausbildung einer urbanen Migrantenbevölkerung in den neuen Millionenstädten führte. Die Fabrikansiedlungen waren nur auf diesem Hintergrund sichtbar. Die hohe Vergesellschaftung war kein Zauberprodukt des Kapitals, sondern Ergebnis von Kämpfen. Sie zu zerschlagen ist Ziel der neuen Ausbeutungskaskaden.
Außen vor blieb auch die Tatsache, daß die Migranten aus den drei Kontinenten, die zum Teil den Sprung machten von den "regionalen Entwicklungspolen" in die Metropolen, durch ihr Wissen und Verhalten die Forderung nach Einkommen grenzüberschreitend nähren. Immer enger werden die Ausbeutungsgefälle von unten, von den Migranten und den zweiten Generationen der Ausgewanderten her, zu festen Linien der Erfahrung und des Kampfs gegen die Arbeit miteinander verknüpft. Die subjektive Seite des Kampfs gegen die Arbeit steht für uns im eigentlichen, wenn auch häufig versteckten Zentrum des Interesses, bei dem begrifflichen Aufdröseln der Ausbeutungskette. Die Riots gegen IWF-Auflagen, die Streiks der koreanischen Arbeiterinnen, die Studentenunruhen gegen verschärfte Einpassung des Lernens in die Kapitalverwertung, der palästinensische Aufstand gegen das Regime der imperialistischen Herrschaft- nichts wäre falscher als ihre Eingrenzung auf lokale und partikulare Interessen. Wir können davon ausgehen, daß sich diese Unruhen mit der Sicherheit verbreiten, dass sie andernorts auf Verständnis stossen und als Impulse aufgegriffen werden. Ob im Nachbarland oder über 5.000km hinweg- es ist nicht die ideologisch organisierte Parteizentrale, sondern die direkten "Mitwisser", die Wanderer, die Medien-Nutzer, die sich quer durch die Länder breit machenden Netze der Erfahrungen, von Arbeiterinnen, Arbeitsverweigerern und auf ihre Einkommen Bestehenden.

Die Nahtstellen der kapitalistischen Herrschaft ziehen sich heute quer durch Kontinente, Regionen und über Grenzen hinweg, von den Zentren zur Peripherie und umgekehrt. Und wenn die Nähte aufplatzen, können die Kämpfe möglicherweise nicht mehr eingedämmt und zu lokal begrenzten Konflikten erklärt werden. Wenn wir von Guerilla und Umsturz in Mittelamerika sprechen, haben wir allzu oft nur den Geltungsbereich der "Low Intensity Conflict"-Strategie, nicht aber die revolutionäre Perspektive der Region im Blick, denn die reicht mindestens bis nach Arizona/USA, bis zu den Chicanos (den spanischsprechenden Einwanderern in den USA). Ein anderes Beispiel: Daß die Hungernden im Nordosten Brasiliens auch in diesen Monaten wieder Lebensmitteldepots angreifen und plündern, steht wahrscheinlich in einem sehr viel engeren Zusammenhang mit Streiks und Riots in Sao Paulo und Rio de Janeiro, als wir früher angenommen haben: Wir fragen - mit den folgenden Projekten zu regionalen und kontinentalen Gravitationslinien - nach dem, was die Ausgebeuteten über die verschiedenen Stationen hinweg zusammenhält, und wie sie sich in ihren Kämpfen formieren und die Dreh- und Angelpunkte schaffen, an denen sie das Kapital in die Krise stürzen. Es ist die Frage nach dem, was heute Klasse ausmacht, und in welcher Form wir heute von einer neuen Klassenkonstitution auch im Trikont sprechen können.
Die Veröffentlichungen in diesem Rahmen sind nicht stromlinienförmig angelegt, an deren Ende der fertige Klassenbegriff herauskommen würde. Zum einen ist die volle Entfaltung eines Klassenbegriffs nach wie vor der Praxis und ihrem Entwurf vorbehalten, zum anderen sind es durchaus unter-schiedliche Gruppen, die sich die Themen und Untersuchungen vorgenom-men haben, wie man der Sprache, der Herangehensweise und der Thesenbildung unschwer entnehmen wird.

2. Es ist hier nicht der Ort, an dem die Geschichte der unterschiedlichen Ansätze nachzuzeichnen wäre. Allerdings ist die Polemik vorzustellen, die im autonomen und radikalen Diskussionszusammenhang um die Stichworte Klassenbewegung - Sozialbewegung besteht, und des weiteren ist der Rahmen kenntlich zu machen, von dem sich die folgenden Veröffentlichungen kritisch abheben werden.

Die Polemik bezieht sich auf die Frage,

- wie weit antikapitalistische Bewegungen von "außerhalb" des Kapitalismus kommen und sich als dem Kapital fremd Gegenüberstehende konstituieren, ohne daß der zentrale Ort der "Selbstwertsetzung" in Beziehung zum Kapital genauer gefaßt werden müßte, oder aber:

- wie weit antikapitalistische Bewegungen auch ihren Ort "im" Kapitalismus haben, insofern als das Kapital wenn möglich diese Bewegungen umdreht und einbaut in neue Formen von Herrschaft und Ausbeutung. Die Frage von Klassenbewegung ist dann orientiert an den Zuspitzungsmöglichkeiten der Kämpfe an den Orten höchster Vergesellschaftung der Klasse, um das Kapitalverhältnis dadurch in Krise zu stürzen.

Beiden Thesen ist der Bruch mit dem historisch und ideologisch gewachsenen Klassenbegriff gemein, der zur Legitimation und zu Hegemonieansprüchen eingesetzt wird. Was und überhaupt von Klasse sprechen läßt, das sind reale Frontlinien des Angriffs und der Verweigerung in der kapitalistischen Gesellschaft. Und da haben die Sozialbewegungen ihren vordersten Platz, in der Kritik des Bestehenden.

Immer wieder konnten Sozialbewegungen sinnstiftende Orientierungspunkte setzen, gegenüber hohlen Klassenkampfphrasen und bolschewistischen Entwicklungsmodellen. So hatten die Sozialbewegungen in den frühen 70er Jahren durchaus ihre kritische Funktion, angesichts einer Sozialrevolte, deren Kader zu ML-Ideologen und Verwalter einer immer noch lebendigen Bewegung verkamen.

Doch war in der ideologischen Überhöhung der Sozialbewegungen seit Ende der 70er Jahre bereits eine Wendung angelegt, die zum Abschied von den Teilen der Klasse führen sollte, die "mit goldenen Ketten an den Kapitalismus gefesselt" seien. In dem Moment, wo in den Sozialbewegungen das "Eigentliche", das völlig außerhalb des Kapitalverhältnisses Liegende zur maßgeblichen antikapitalistischen Kraft emporstilisiert wurde, war die sonst so oft gebrochene Subjektivität der "Klasse" zwar gerettet, der Klassenbegriff aber in Gefahr, zu einer rein kulturalistischen Größe zu verkommen.

Welche Rolle spielt diese Auseinandersetzung bei unserem Vorhaben, Klasse und Verwertungskrise in antiimperialistischer Perspektive auf den Begriff zu bringen? Die Betonung der Sozialbewegung als Bewegungen "von außen" sucht die strategische Kraft im bereits bestehenden "Positiven", vor allem in der nicht kapitalistisch subsumierten Reproduktion der Klasse als Klasse. Dagegen zielt  die Betonung des Antagonismus und der Ausbeutung und Verwertung auf die das Kapital angreifende Kraft. Wenn wir davon ausgehen, daß die Klasse weltweit Subjekt der Geschichte ist, so ist die strategische Dimension die programmatische Frage: Wo liegen die Kräfte, die nicht aus technischen Gründen, sondern aufgrund ihrer verallgemeinernden und kondensierenden Zusammensetzung die Lawine lostreten können, die in ihrem Verlauf sämtliche abgeschotteten und abgestuften Zonen mit sich reißt, raus aus den kapitalistischen Zwängen zur Arbeit und raus aus den Verwertungszangen des Hungers und der Massensterilisation? Es geht nicht um die Etablierung einer neuen Stellvertreter-Klasse, die sich freundlicherweise mit Nebenklassen verbündet. Es geht um das Nachspüren der Kampferfahrungen, die sich bei Strafe ihre Ausrottung verdichten und verknüpfen müssen, um sich andererseits zugleich als revolutionäres Projekt zu verallgemeinern.

3. Bei dem Charakter der Vorläufigkeit, der den "Materialien" anhaften wird, muß die Methode doch ausgewiesen sein . Es geht uns nicht darum, nach unseren eigenen ideologischen Erfordernissen ein revolutionäres Subjekt nach dem andern aus Taufe zu heben. Die Herangehensweise ist eine andere: Durch Untersuchung - denn darum handelt es sich in dieser Reihe - die imperialistische Krise kenntlich zu machen, und zwar am ihren Frontlinien. Durch Untersuchung mitzukriegen und aufzuspüren, in welchen Punkten sich die Klasse vereinheitlicht. Die Krise, in der sich das Kapital nach der Phase der weltweiten Dezentralisierung befindet, weist auf die Akteurlnnen zurück, die beteiligt waren an dem Sturz der Entwicklungsmodelle, und die der imperialistischen Offensive besonders ausgesetzt sind. Es sind die Frauen, aber auch die Kinder und Jugendlichen, die das Hauptangriffsziel der kapitalistischen Investition in die Armen darstellen. Der Unterdrückung der proletarischen Frauen durch die Männer ist dabei eine entscheidende Funktion zugewiesen, wird ihnen doch durch die Arbeit in den Weltmarktfabriken und durch ihre Beteiligung an den frauenspezifischen "Sparkassen" auf dem Lande eine scheinbare größere Unabhängigkeit vom Mann versprochen. Der Kampf gegen das Patriarchat gewinnt in dieser Frontlinie eine neue Aktualität, zumal sich ausnahmslos alle auch von Männern getragene Klassenbewegungen in ihren eigenen Formen der Reproduktion nicht umfassend von diesem Unterdrückungsmuster haben lösen können.

Wir sollten unser Augenmerk auf die häufig nicht wahrgenommenen Schwachstellen und Kämpfe in den "unsichtbaren" Sektoren richten und die Knotenpunkte herausfinden, die die Verbindung zu den Weltmarktfabriken herstellen.

Von den Massenarbeiterkämpfen waren wir gewohnt, daß wir recht einfach die unterschiedlichen Sektoren der Produktion, Reproduktion und des Staats, der Politik, im engen Zusammenhang definieren konnten, da das Konzept des Massenarbeiters alle diese Sektoren durch seinen Kampf zugleich erschütterte. Die Ebenen, die das Kapital heute auf imperialistischer Ebene wählt, entziehen sich scheinbar den Angriffsflächen: Das transnationale Finanzmanöver spielt sich oberhalb der traditionellen Staatsgebilde ab. Die Programme der Investitionen in die Armen, der Vernichtung durch Hunger und Massensterilisation, werden unterhalb der Staatsebene und außerhalb der Planungsbüros der Einzelkapitalien entworfen und kontrolliert. Der Zugriff auf die Arbeiterinnen in und außerhalb der Fabrik läuft bereits im schwer zu greifenden Vorfeld der Grenz- und Migrantenkontrollen, durch Zwangswohnungen, durch inflationsbestimmte Lohnschwankungen.
Wie weit diese Ausweichmanöver, diese Mobilität der imperialistischen Ausbeutung und Verwertung nur eine Reaktion auf den Klassenangriff ist, auf die kompakte Klassenfront und die mobilen Kampferfahrungen rund um die Welt, das ist das Thema dieser Reihe. Und wo diese neuen imperialistischen Ebenen auf ihre Grenzen, auf Klassengrenzen stoßen.
 
 

 III


Eine weitere Strömung, die in dieser Materialienreihe Raum einnehmen soll, ist die von Frauen auf der Suche nach einem internationalistischen, "klassen"bezogenen Frauenstandpunkt. Wir wollen in diesem Projekt durchsetzen, daß im Laufe der Herausgabe der Materialienreihe dazu beigetragen werden kann, die Überlebenskämpfe, die Verweigerung und den Widerstand von Frauen in den Ländern der drei Kontinente als dem antagonistischen Pol zur Reorganisierung imperialistischer Herrschaft transparenter zu machen. Es gibt dazu in Frauengruppen unseres Wissens nach keine fertigen Konzepte, sondern eher viele Reibungspunkte.

An dieser Stelle im vorliegenden "gemischten" Rahmen beschränken wir uns deshalb auf kritische Anmerkungen zum Editorial, und zwar nur zu dem Teil, der wenigstens damit begonnen hat, sich ernsthafter mit der Frage nach dem Verhältnis vom Imperialismus/Patriarchat und Frauen/"Klasse" auseinanderzusetzen. In der Neuen Frauenbewegung wird seid ca. 15 Jahren der Klassenbegriff in Frage gestellt. Es hat ganz sicher nicht mit Bequemlichkeit oder Ignoranz eines sozialen Bezugs zu tun, sondern mit der Erfahrung, daß der Begriff der Klasse für die Bestimmung revolutionärer Politik, egal wie auch immer er erweitert wird, eben "die patriarchale Natur des Imperialismus und die Spaltung der sozialen Subjekte nach ihrem Geschlecht unter den Teppich kehrt" ( Zit. Editorial s.o.). Das Fortbestehen patriarchaler Herrschaft beweist sich historisch in der revolutionären Rolle der proletarischen Klasse gegenüber dem Kapital (Primat des weißen, männlichen Arbeiters seit der russische Revolution und ihre Auswirkungen auf die weltweiten Befreiungskämpfe seitdem) ebenso, wie es aktuell noch immer bis in die Auseinandersetzungen der heutigen Zirkel mit Anspruch auf die Entwicklung eines sozialrevolutionären Klassenbezugs hineinreicht.

Wir finden es absurd, daß trotz der Kritik am produktivitätsorientierten Marxschen Klassenbegriff, trotz der historischen Erfahrungen mit der Arbeiterklasse und den kritischen Auseinandersetzungen mit ihren Organisationen noch immer an einem Klassenbegriff festgehalten wir, der sich von der farbigen Frau bis zum weißen Mann erstreckt. Wir vermuten, daß jeder Versuch, diesen beiden Polen ein gemeinsames Dach überzustülpen, aus dem Beharren herrührt, am Primat der männlichen Vorherrschaft festzuhalten.

 Auch im hiesigen Editorial ist und bleibt die Geschlechterfrage ein Unterpunkt unterhalb des gemachten Vorschlag, das antagonistische Wechselverhältnis zu untersuchen über die "Doppelheit des analytischen Zugriffs "auf eine "neue Kritik der politischen Ökonomie des Imperialismus" einerseits und auf das "Existenzrecht als Nicht-Wert" andererseits.
Beides zusammen soll uns die Möglichkeit geben, "einen materialistischen Klassenbegriff zu entwickeln, der nicht aus der kapitalistischen Vergesellschaftung, sondern als prinzipieller sozialer Antagonismus im Imperialismus entsteht. (alle Zitate aus Editorial, s.o.) Konsequent wird an den altbekannten Mustern sozialrevolutionärer Orientierung festgehalten: an der Verbreiterung "sozialer Kämpfe", am "Transport trikontinentaler Massenkämpfe in die Metropolen", am Erfahrungsaustausch von Migranten, der Zirkultaion von IWF- Riots als Fortsetzung der "Ausbreitung von Brotunruhen im Vormärz" (obwohl auch die Brotunruhen als Kämpfe zu sehen sind, deren Motor die Frauen waren).

Und dann wird empfohlen, daß wir uns dem neuen Klassenbegriff noch von einer dritten Seite her nähern sollten: von der Kritik des Patriarchats her. Denn der jahrelange Geschlechterkrieg in den eigenen Reihen hat immerhin bewirkt, daß männliche Genossen einige Tatsachen zur Kenntnis nehmen: außer dem "Widerspruch zwischen den Geschlechtern" setzt die Alleinverantwortlichkeit der Frauen im patriarchalen Kapitalismus für die unbezahlten Teile der Klassenreproduktion diese in doppelter Weise und mit doppelten Fesseln dem imperialistischen Angriff aus, seien sie nun produktiv tätig oder reproduktiv.

Dennoch wird aber die Kategorie des "Nichtwerts" als Antagonismus zum imperialistischen "Wert" (aus der Zerstörung Verwertung schlagen) wiederum einem Klassenbegriff subsumiert, ohne wahrzunehmen, daß der lebendige Nicht-Wert in der Erfahrung, im Leben und in den Kämpfen der farbigen Frau repräsentiert ist. Zwar sind es die Frauen, die das Proletariat reproduzieren, dennoch soll es nicht "die Frau" sein, sondern "die Reproduktion", in der ein "sozialer Überschuß (steckt), der im Kapital nicht aufgeht und nicht von ihm zu subsumieren ist". Wenn in diesem Überschuß ein "Ort antagonistischer Selbstwertsetzung des Proleteriats" liegt (alles Zitate, aus Editorial oben), wieso wird dann nicht "die farbige Frau", sondern wieder einmal "die Klasse" als Zentrum der analytischen wie praktischen Herangehensweise propagiert? (Keine Angst, die Kämpfe der männlichen Klassenteile würden auch dann nicht so schnell aus den Augen verloren werden, dafür sorgen schon die patriarchalen Strukturen weltweit.)

Wir denken nicht, daß dieser Klassenbegriff als gemeinsamer Antagonismus von Männern und Frauen gegenüber dem Imperialismus so notwendig sein soll. Das angeblich gemeinsame antiimperialistische Klasseninteresse diente bisher nur immer neu dazu, den Frauenwiderstand in männlich bestimmte Kategorien zurechtzustutzen und damit zu begrenzen, zu unterdrücken, einzuverleiben. Ein einheitlicher Begriff, der diesen Widerspruch aufzuheben beansprucht, muß also erst gefunden, d.h. praktisch erkämpft werden. Bis dahin, und um diesen weiten Weg bis dahin zu verkürzen, muß von den Frauen ausgegangen und von deren Befreiungsinteressen her das imperialistische Gewaltverhältnis bestimmt und bekämpft werden.

Deshalb sehen wir in einer gemeinsamen analytischen Herangehensweise für diese Materialienreihe nicht drei, sondern nur zwei Stränge.

Schon bei der Kritik der politischen Ökonomie des Imperialismus wäre der Hauptschwerpunkt darauf zu richten, daß der durch die Krise ausgelöste Angriff sich primär gegen die Frauen richtet: verstärkter Rückgriff auf privatisierte, nicht-entlohnte Reproduktion, Verwertung aller möglichen Kombinationen von reproduktiver mit produktiver Arbeit, in den drei Kontinenten vollständige Zerstörung unabhängiger Subsistenz, zunehmende Frauen-Lohnarbeit unter der Bedingung der Nicht-Reproduktion ihrer Arbeitskraft (= schleichende bis rasante physische Zerstörung), Frauenkörper-Ausbeutung durch IWF-Auflagen, auflagengesteuerte Tourismuserschließung zwecks Devisenbeschaffung, Familienzerstörung durch Verschuldung, Landenteignung und Wanderarbeit/Migration und die damit zunehmende Arbeitsbelastung der Frauen, Durchsetzung der Geldwirtschaft auch in die Subsistenzproduktion und damit Kreditabhängigkeit, Ersatz oder Ergänzung patriarchaler Abhängigkeit mittels der Ersetzung des Ehemannes durch Familienplanungsbehörden (die oft identisch ist, mit dem Kreditgeber der "Überlebenshilfe" an Entvölkerungsprogramme bindet), durch Zuhälter und Aufkäufer ihrer Arbeitskraft - vom Migrationsanwerber bis zum Transportunternehmer, der ihre Arbeitprodukte auf dem Markt realisiert, etc.

 Eine Rekonstruktion des "Klassenverhaltens" im 2. Schritt der Analyse hieße dann, in den Vordergrund die Suche nach den antagonistischen Momenten der Frauensubjektivität zu stellen, nach ihren Verweigerungs- und Widerstandsformen, nach ihren Widersprüchen und Kämpfen gegenüber den patriarchalen Unterdrückungen in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Einbindungen (z.B. Religion, traditionelle Einbindung), d.h. auch innerhalb der Klasse. Es versteht sich von selbst, daß das nicht heißen kann, den Widerstand der farbigen Frauen mit metropolitanen Frauenbefreiungskriterien zu beurteilen.

 Die Frage nach den sozialen Bezugspunkten einer antiimperialistischen Politik würde so vielleicht endlich vom Kopf auf die Füße gestellt werden.