Thesenpapier

 ANTIRASSISMUS 2001

Kritischer Rückblick auf 10 Jahre antirassistischer Bewegung, über die Grundzüge eines neues Migrationsregimes und Fragen an die Zukunft


Ausgangspunkt

In ganz Europa bahnt sich ein Wandel in der Migrationspolitik an, die restriktive Asylpraxis wird ergänzt um neue Konzepte der Arbeitsmigration. Nach rund 30 Jahren offiziellen Anwerbestops ëDas-Boot-ist-voll-Ideologieí und ausländerfeindlicher Hetze drängen insbesondere Industrie und Handel auf die Öffnung Europas für den globalen Arbeitsmarkt. In atemberaubendem Tempo wird Politik umgedreht, die Bundesregierung entdeckt den nützlichen Ausländer und setzt sich zugleich an die Spitze antifaschistischer Rhetorik. Gleichzeitig muß sich die antirassistische und Flüchtlingsunterstützungsbewegung eingestehen, viele Ziele nicht erreicht, vielfach auf Granit gebissen zu haben und oft gescheitert zu sein. Die in die Karawane gesetzten Hoffnungen haben sich nur ansatzweise erfüllt, eine weitergehende Selbstorganisation von Flüchtlingen blieb aus.
Es ist Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen, sowohl die letzten Jahre der Bewegung, als auch den aktuellen Wandel zu betrachten, um eine zeitgemäße Strategiedebatte zu führen. Wir wollen in diesen Prozeß zwei Positionen einbringen: eine befasst sich mit einer Rückblende, nicht zuletzt mit dem Hoffnungsprojekt Karawane; die zweite versucht, die aktuellen Prozesse zu begreifen und Anknüpfungspunkte für linke und antirassistische Antworten zu suchen.

I. Ein Rückblick auf 10 Jahre Flüchtlingsunterstützungsbewegung

Nach 10-jähriger politischer Arbeit und angesichts der aktuellen Umbrüche wäre es fahrlässig, einer Bestandsaufnahme aus dem Weg zu gehen und sich der Diskussion neuer Perspektiven zu verstellen. Das Antirassismus-Büro Bremen (ARAB) hatte von Beginn an einen antiimperialistischen und sozialrevolutionären Ansatz; die Bezugnahme auf Flucht und Migration, der zunächst erfolgreiche massenhafte Ansturm auf den metropolitanen Wohlstand waren uns ein Signal, den vorherrschenden Antiimperialimus der Soli-Bewegungen mit der sozialen Präsenz der tikontinentalen Massenarmut in der Metropole selbst zu konfrontieren. Die soziale Frage im Weltmaßstab hier neu zu thematisieren, auch darum ging es uns. Wir waren Anfang der 90er Jahre nicht nur betroffen von Naziterror und Asylrechtsverschärfungen, sondern hatten zudem einen strategischen Blick auf die Weltmigrationsbewegungen. Dennoch:
"Unsere Hoffnung auf eine antirassistisch-sozialrevolutionäre Mobilisierung ist nicht aufgegangen. Wir waren - überspitzt ausgedrückt - von einem Modell dualer Bewegungszyklen ausgegangen, welche Europa gewissermaßen von innen und von außen in die Zange nehmen. Wir sahen in den globalen Migrationsprozessen eine Ansturm trikontinentaler Massen auf den westlichen Reichtum, sahen in den Flüchtlingen die Vorhut der enteigneten trikontinentalen Massen und sahen angesichts unkontrollierbar steigender Flüchtlingszahlen das Potential für eine Überhitzung in Deutschland. Wir hatten auch darauf hin gearbeitet, eine Allianz zwischen der metropolitanen Massenarmut und trikontinentalen Flüchtlingen zu zimmern. Auf der anderen Seite machten wir das britisch-französische Paradigma aus und konnten uns eine soziale Bewegung, konnten uns ëblack riotsë und ëemeutes des immigresë, antirassistische Kämpfe von MigrantInnen vorstellen, wie sie nach den Möllner und Solinger Brandanschlägen kurz aufzuflackern schienen. Vor bald 10 Jahren hatten wir begonnen, ein solches Potential auszuloten. Wir hatten angenommen, das die Sozialprozesse, wie wir sie aus aus den USA der 60er Jahre, dem England der 70er und 80er Jahre, sowie dem Frankreich der 80er und 90er Jahre mit einiger Zeitverschiebung auch in der Bundesrepublik zum tragen kommen könnten. Wir konnten uns vorstellen, daß Polizeiübergriffe, ähnlich wie in England den Zündfunken bilden würden. Doch der Migrationsbewegung wurde durch das Projekt "Festung Europa" und die Asylpolitik die Spitze gebrochen. Flüchtlingskämpfe im Land, in denen wir die Speerspitze einer antirassistischen Konfliktlinie vermutet hatten, haben sich nach wie vor nicht verbreitert, sie blieben weitgehend ohne Solidarisierung, keine weiteren Kämpfe haben sich in ihrem Kielwasser eingefunden. Wir haben nur die subkulturelle und linke Szene erreicht. Auch Ansätze für eine antirassistische Mobilisierung unter MigrantInnen sind kaum auszumachen, die Hetzpropaganda und Kampagnen gegen AusländerInnen oder die Einbürgerungsforderung sind auf keine nennenswerte kollektive Empörung gestoßen, die Kopftuchkontroversen, die Mehmet-Debatte oder die CDU-Kampagne blieben unbeantwortet. Die Polarisierung wird einseitig von Rechts vorangetrieben, sie korrespondiert mit einem weit verbreiteten Rechtstrend in der deutschen Bevölkerung und unter Jugendlichen, die Überhitzung ist vielmehr eine gewalttätig-rassistische. Die AntiFa kommt mit ihren Gegenmobilisierungen kaum noch hinterher."(aus einem Papier des ARAB vom Herbst 1999)

Die Karawane wurde 1998 aus einer Krise heraus geboren, nach den Bewegungsjahren 1990 bis 1995, die motiviert waren durch Widerstand gegen Asylunrecht und Naziterror gleichermaßen, ging die Fähigkeit, breiten Widerstand zu mobilisieren allmählich verloren. Allzu häufig mußten wir tatenlos zusehen, wie die Abschiebemaschinerie lief und lief und lief. Die Karawane wollte gegensteuern, die vielen lokalen Initiativen bündeln und zum Fokus einer neuen Bewegung werden. In Bremen, von wo die Initiative ausging, hatten wir damals die Vision, daß uns die lokalen multinational zusammengesetzten Flüchtlingslagerkomittees als Vorbild für die Karawane dienen könnten ? wir propagieren sie als Modell für die bundesweite Organisierung. Unsere Ansprüche sind jedoch nur zu einem Teil aufgegangen.

1.) Jener Strömung, die ein Bündnis der politischen Organisationen schmieden wollte, ist dies nicht gelungen, einige Gruppen sind frühzeitig aus dem Projekt ausgestiegen, andere fiel den politischen Kontroversen insbesondere um die Frage des Verhältnisses zur PKK zum Opfer, wieder andere unterstützten die Karawane nur ideell, mobilisierten aber kaum mal ihre Basis, zuguterletzt sah man sie gar nicht mehr. Einige Gruppen konzentrierten sich bald wieder auf Fragen der nationalen Politik und verabschiedeten sich aus dem gemeinsamen Bündnis. Geblieben ist einzig eine multinationale Organisation von afrikanischen Flüchtlingen in Deutschland.

2.) Es ist ebenso wenig gelungen, innerhalb der Flüchtlinge an Boden zugewinnen. Es gibt immer wieder Proteste - Flüchtlinge tragen oder beteiligen sich an Aktionen, aber dies geschieht nicht massenhaft. Die Gründe sind vielfältig und reichen von der heterogen Zusammensetzung einerseits bis zu einem effektiven Grenzregime, dem einschüchternden Erfolg der Abschiebemaschine und dem repressiven Charakter der Residenzpflicht andererseits.

3.) Die "Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten" hat kaum je auch nur versucht, ihr zweites programmatisches Standbein zu entfalten. Bis auf die Kooperation mit einigen MigrantInnenorganisationen im Rahmen der Kölner Karawanetage ist da kaum etwas zu berichten. Die Konzentration auf die politischen Fluchtgründe, die vereinfachte Sicht auf Migration hat eine Bezugnahme auf MigrantInnencommunities, die hier sind, um hier zu bleiben, verstellt. Eine Auseinandersetzung mit Rassismus blieb weitgehend auf die Asylpolitik beschränkt. Die schmale Basis der tragenden Aktivistinnen mag eine wesentliche Ursache sein, erklärt aber nicht alles.

4.) Unsere Beschränkung auf Flüchtlings- und Asylpolitik ist niemals der Tatsache gerecht geworden, daß viele Menschen nur deshalb auf das Asylrecht zurückgriffen, weil dies die einzige juristische Lücke im Geflecht der migrationsfeindlichen Gesetze war. Migrationsgründe sind viel zu vielfältig und zahlreich, als daß sie in die enge Formel der politischen Verfolgung gepresst werden können. Wir sind den sozialen Motiven konzeptionell nicht vollends gerecht geworden, und auch das war unserer Mobilisierungsfähigkeit abträglich. [Mobilisierung auf dem sozialen Terrain setzt ein Mindestmaß an Bewegung/Selbstorganisation der Betroffenen voraus.]

5.a.) Eine soziale Ausweitung, Bündnisarbeit mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, MigrantInnen, MigrantInnenjugendlichen, mit den Ausgegrenzten des Sozialrassismus haben wir auf dem Papier formuliert, sind sie aber nicht angegangen. Konfliktinhalte, die Grundlage für Ausweitung und Bündnisse hätten sein können, nämlich soziale und Arbeitseinkommen und/oder Polizeischikanen, haben bislang keine Zugkraft.

5.b.) Auch die Bündenisarbeit innerhalb der deutschen Linken kam nicht recht voran. Nach den Massenmobilisierungen anläßlich der Pogrome in den frühen 90ern ebbte die Bewegung wieder ab, anderes wurde wichtiger, AntiRa and AntiFa arbeiteten wieder getrennt. Es mangelte aber auch an Diskussionsgrundlagen, die die gemeinsame Schnittmenge herausgestellt hätte.

6.) Einzelne Kampagnen haben wir gewonnen, aber damit gelingt es nur, dem Rassismus hier und da ein Opfer zu entreißen, kaum aber an den Strukturen zu rütteln. Die Massenabschiebung von Roma, von BosnierInnen, KosovarInnen konnten wir nicht verhindern, ebensowenig einen Abschiebestopp in die Türkei oder nach Nigeria durchsetzen, an der Zahl von jährlich rund 50.000 Abschiebungen kratzen unsere Aktivitäten kaum.

7.) Obwohl die großen Ziele unerreicht blieben, war die Bewegung erfolgreich. Kaum eine Maßnahme, ob Gesetze, Lager oder Abschiebungen blieb unwidersprochen. Die Proteste haben Sand ins Getriebe der Abschiebemaschinerie gestreut, sie verlangsamt und Modifizierungen erzwungen. Auf keinem anderen gesellschaftlichem Feld, haben Menschen so kontinuierlich gegen ihre Bedingungen gekämpft, wie dies Flüchtlinge taten, Hungerstreik reiht sich an Hungerstreik, Demo and Demo, Mahnwache an Mahnwache. Was die Karawane geschafft hat, ist der Aufbau eines funktionsfähigen bundes- und europaweiten Netzes von Gruppen und AktivistInnen. Es gibt heute in vielen Städten aktive Karawane-Gruppen. Im Widerstand wurden hohe politische Standards entwickelt; es gibt ein enormes Wissen um das know-how von Kampagnen, Initiativen und Protesten. No Border und antirassistische Grenzcamps lassen den Schimmer internationaler Vernetzung erkennen. Reihenweise wurden Faxkampagnen, Kirchenasyl oder individuelle Kampagnen gewonnen. Vor allem aber hat diese Bewegung vielen Menschen Hoffnung gegeben.

Kurz gesagt, der Aufbau eines politischen Bündnisses ist nicht gelungen, die soziale Verbreiterung und Massifizierung des Flüchtlingswiderstandes ebenfalls nicht, die soziale Ausweitung in andere soziale Gruppen ist ausgeblieben, große politische Erfolge konnten wir nicht erringen. Dennoch haben die Kampagnen der Entstehung von gegengesellschaftlicher Moral Vorschub geleistet, einer Moral, in der beispielsweise die massenhafte Unterstützung von Papierlosen fusst.

II. Modernisierung des Migrationsregimes
In der Tat sind wir voller Optimismus und Tatendrang, die aktuellen Umbrüche im migrationspolitischen Diskurs heben vielfache Blockierungen auf und eröffnen neue Perspektiven. Die Dinge kommen in Bewegung und das gilt es zu nutzen.

1.) Zunächst müssen wir festhalten, daß sich die Weltmigrationsprozesse letztlich, trotz aller Restriktionen durchgesetzt haben. Die Flüchtlinge und Migranten sind hier, sie sind in großer Zahl in die Industriestaaten, nach Europa und in die USA gelangt. Der Abwehrkampf hat vielerlei Unrecht erzeugt, er kostet täglich Menschenleben und viele Scheitern an den Grenzen zum Wohlstand. Aber die 5.5 Millionen Illegalen in den USA und die rund 5 - 8 Millionen Papierlosen in Europa sind nun einmal hier, sie haben ihren Willen durchgesetzt. Was die Regierenden geschafft haben, ist ihnen alle Rechte abzusprechen, sie von Sozialleistungen auszuschließen und weite Teile der Bevölkerung gegen sie zu mobilisieren. Doch die Weltmigrationsbewegung als solche ist nicht vollständig aufzuhalten.

2.) Papierlose haben zahllose namenlose Unterstützer. Hinter jeder/m Papierlosen stehen Freundinnen und Freunde, Bekannte, Verwandte, Communities, humanitäre oder politische Netzwerke, Arbeitgeber, Wohnungsgeber. Das Verhältnis reicht von Solidarität bis zu Ausbeutung, dennoch, die Mitwisser sind Millionen. Diese sozialen Bewegungsformen haben Tatsachen geschaffen, stehen für die eigentliche soziale Dimensionen, unsere politischen Aktionen nehmen sich dagegen bescheiden aus, vermögen die eigentliche soziale Dimension bloß zu begleiten und zu verstärken.

3.) Für den Kapitalismus, insbesondere dessen Innovationszyklen ist die Kombination aus Vertreibung, Vernichtung und Migration konstitutiv. Enteignungen, Pogrome und Vertreibung sind wesentlich für Anfänge des Kapitalismus in England, die Industrialisierung des Ruhrgebiets oder die Entwicklung der USA gewesen.

4.) Die Industrienationen sehen sich heute erklärtermaßen vor drei bedeutenden Problemen: Erstens dem Geburtenrückgang, effektiv eine Reproduktionsverweigerung und damit einer Bevölkerungsstruktur, in der die Zahl der produktiven Bevölkerung abnimmt zugunsten der unproduktiven Teile. Zweitens einer Arbeitskräfteverknappung aber auch einer Arbeitsverweigerung in diversen Sektoren. In der Landwirtschaft ist es bekanntermaßen schwer, Leute für die niedrigentlohnte Knochenarbeit zu bekommen, im IT-Sektor ist ein Wettbewerb um Fachkräfte entbrannt. Und drittens werden da noch die Defizite in den Ausbildungssystemen genannt, die den Fachkräftemangel begründen. Nicht zufällig sind es Demographen, Rentenexperten und Arbeitnehmerverbände, die auf Einwanderung drängen. Die Pro-Zuwanderungslobby im Lager der Herrschenden ist ja nicht neu, Geißler und Miegel beispielsweise haben immer schon angemahnt, aus rationalen Erwägungen über den ideologischen Schatten zu springen.

5.) Vor diesem Hintergrund verkündete EU-Präsident Chevenement im Juli, gefolgt von den nationalen Regierungen in Deutschland, England und Italien einen Kurswechsel in der Migrationspolitik. Nicht zuletzt auf Druck der Arbeitnehmerverbände werden Zuwanderungsbeschränkungen für Arbeitnehmer/innen zurückgenommen. Zum einen ist auf dem Weltarbeitsmarkt ein Konkurrenzkampf um bestimmte Berufsgruppen entbrannt, Stichwort IT Sektor, zum anderen soll der nationale Arbeitsmarkt dem globalen Wettbewerb geöffnet werden. Innerhalb der EU gilt dies als wirksamste Waffe gegen das europäische Lohn- und Preisniveau, sprich, die Öffnung für den Wettbewerb ist vor allem ein Angriff auf das europäische Masseneinkommen und die in den Augen kapitalistischer Wirtschaftswissenschaftler zurückgebliebene und hinderliche Sozialverfassung.
Auf der anderen Seite werden die Bemühungen um weitere Einschränkungen des Asylrechts, sowie die Bekämpfung illegaler Einreise und Zuwanderung verstärkt.

6a.) Mit der selektiven Aufnahme ausländischer Arbeitskräfte wird einerseits dem Migrationsdruck nachgegeben, andererseits eine Auswahl getroffen und Wanderungswillige in nützliche und unnütze Menschen unterteilt. Mit neuen Selektionsintrumenten versucht Europa, versucht das Kapital wirksame Instrumente zu entwerfen, mit denen sie die Steuerung und Kontrolle über die Migrationsbewegung wiederzugewinnen hoffen. Der Kampf gegen relativ autonome Migrationsformen wird verschärft, erwünschte Migration klar definiert.

6.b.) Schließlich laufen die aktiven Anwerbeversuche von Fachkräften in der Dritten Welt darauf hinaus, hiesige Defizite auf deren Kosten zu lösen. Allein schon der Versuch, die Fachkräfte anzulocken, aber die Massenarmut abzuwehren, läuft auf Brain Drain, auf die Ausbeutung des intellektuellen Potentials durch die Metropolen hinaus. Ausbildung wird nicht anders behandelt, als irgendein Rohstoff auch.

7.) Auch der Sinneswandel der Bundesregierung in Sachen Neonazis erklärt sich im Lichte von Globalisierung und wirtschaftlichen Erfordernissen. Nachdem Nazis ein Jahrzehnt lang ganz im Sinne der Regierung insbesondere Flüchtlingen das Leben zur Hölle machten, spielen sie im neuen Konzept keine Rolle mehr.

8.) Weder ist die Bundesregierung über Nacht antifaschistisch, noch migrationsfreundlich geworden. Vielmehr wird der alte völkische Nationalismus und Rassismus abgelöst durch einen modernen Leistungsrassismus. Nicht mehr nur Herkunft, Nationalität und Hautfarbe gelten als Zuwanderungskriterium, sondern Leistungsfähigkeit, Ausbildung, Lohnhöhe und Nützlichkeit. Wirtschaftliche Kriterien stehen vor nationalistischen Überlegungen.

9.) In Deutschland holt sich die Regierung die kritische Intelligenzia über die neuen Bündnisse gegen Rechts, die Grünen und teils auch über die Zuwanderungskommission herein. In England wird die gesamte kritische Flüchtlingsunterstützungsszene eingeladen zum Diskurs über neue Perspektiven in der Einwanderungspolitik. Nachdem das alte Migrationsregime teilweise versagt hat, wird nun die linke Intelligenzia eingeladen mit zu stricken am Entwurf des neuen Migrationsregimes.

10.) In verschiedenen Ländern Europas werden bereits die institutionellen Vorrausetzunge für eine neue Einwanderungspolitik geschaffen. In Deutschland wird bereits die Modernisierung sowohl des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, wie auch die Reform der deutschen Botschaften angedacht, bzw. vorbereitet. Kundenfreundliche, dienstleistungsorientierte Auslandszentren können die Visavergabe nach neuen, den wirtschaftlichen Vorgaben entsprechenden Kriterien durchführen. Die politische Selektion findet in Berlin, die amtliche Selektion in den Botschaften statt. Analog wird in England der Overseas Labour Service modernisiert und in Italien eine neue Behörde installiert, die Kommission zur Integration von Immigranten.

11.) Jahrelang haben die europäischen Regierungen versucht, Sozialausgaben und Löhne zu drücken, ebenso haben sie jahrelang versucht, den trikontinentalen Ansturm auf die Festung Europa aufzuhalten. Mit der neuen Migrationspolitik sieht es so aus, als würden sie das eine gegen das andere einsetzen, der Migrationsdruck wird umgedreht, soll Rentenprobleme und Reproduktionsverweigerung ebenso beantworten, wie gegen Lohn- und Preisniveau eingesetzt werden. Mit erhöhter Zuwanderung, so rechnet die New York Times aus, lassen sich die Löhne in bestimmten Sektoren um rund 5 % drücken.
Die Durchsetzung europäischer Migrationspolitik ist im Umgang mit den umliegenden Staaten, seit Lome III im Umgang mit sämtlichen AKP-Staaten bereits zum zentralen strategischen Instrument des neuen EU-Imperialismus geworden. Nun wird Migrationspolitik auch in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu einem strategischen Instrument im Angriff auf die Lebensbedingungen in den Industriestaaten.

Von rechts formiert sich gegen Globalisierungskonsequenzen, gegen den Wettbewerb um Resourcen europaweit Widerstand. Rechte kämpfen gegen Migranten und Minderheiten um verlorene Positionen und Privilegien der nationalen Ökonomien. Von Links besteht die Perspektive nach wie vor darin, nicht um nationale Privilegien, sondern mit MigrantInnen gegen das globalisierte Unrecht zu kämpfen.

III. Thesen und offene Fragen für die Zukunft der antirassistischen und Flüchtlingsbewegung
Mehr denn je greift ein Antirassismus, der sich nur auf Asyl und politische Fluchtursachen im engeren Sinne beschränkt, zu kurz.

1.) Es wäre falsch, sich angesichts der sich von Amsterdam über Birmingham, Seattle und Prag ausweitenden Proteste gegen Neoliberalismus und Globalisierung, sowie angesichts der Vorschläge zur Versammlung der sozialen Stände, von den entstehenden sozialen Bewegungen abzugrenzen oder abzukoppeln.
Mit dem Neuentwurf zu einem Arbeitsmigrationsregime, mit den weltweiten Protesten gegen die Globalisierung, mit dem nächsten Schritt im Angriff auf die metropolitanen Sozialbedingungen könnte sich eine relevante Schnittmenge, Kreuzung der Bewegungen, oder was auch immer bilden, auf die antirassistische Politik Antworten finden und abzielen sollte.

2.) Oft mußten wir erleben, daß Flüchtlingsproteste zusammenbrachen, weil es hieß, "ich kann nicht zum Treffen kommen, muß arbeiten". Allzu oft haben wir erfahren, das Geld verdienen, zum Überleben ebenso, wie für die Leute zu Hause, Priorität hatte. Das, Arbeitsbedingungen, Löhne, Ausbeutung etc haben wir allerdings selten, wenn überhaupt mal aufgegriffen und zum Thema gemacht. Dabei sind doch viele MigrantInnen und Flüchtlinge deshalb hier und es lastet auch eine Erwartungshaltung auf ihnen, Geld zu verdienen und nach Hause zu schicken. Dort herrscht sonst vielleicht Hunger, Medikamente oder Schulgelder können womöglich nicht bezahlt werden. Migration ist nicht schlicht politische Flucht, es ist häufig Teil von Überlebenstrategien und Überlebensökonomie. Hinter dem oder der einzelnen MigrantIn hier stehen nicht selten ganze Familien dort.
- Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wir ahnen es, aber wissen es nicht.

- Wie sind die Verhältnisse unter den Leuten, rassistisch oder kollegial?

3.) Jede neue Arbeitsmigration ist auch als Druck auf die einheimischen Massen gedacht, als Angriff auf das metropolitane Lohnniveau. Andererseits schaffen n der Arbeit Menschen verschiedener Herkunft und mit unterschiedlichem Status Seite an Seite: Papierlose mit Asylsuchenden oder MigrantInnen, mit Studies oder ungelernten Deutschen. Wir wissen kaum, was da abgeht:
- Wie wird die neue rassistische Sozialhierarchie aussehen, wie werden sich die Menschen zueinander verhalten?

- Wird fein segregiert werden; werden die rassistischen Abwehrhaltungen deutscher Arbeiter zunehmen; werden die Konzepte von Arbeitsvölkern und Herrenmenschen neu belebt, wird die multi-ethnische Gesellschaft, der gezähmte Rassismus nach englischem Vorbild verbreitet?

- Wird sich gar eine multinationale Solidarität entfalten; gibt es eine Aktualität der Wobblies, der International Workers of the World nach dem Vorbild der US-Amerikanischen syndikalistischen Assoziationen der 20er Jahre?

4.) Unter den Jugendlichen in den Vorstädten haben sich bereits multinationale Zusammenhänge gebildet, teils kämpfen sie noch gegeneinander im imaginäre Reviere, teils wissen sie aber bereits um ihre jeweilige Unterdrückung durch strukturellen und institutionellen Rassismus. Insbesondere die Polizei macht wenig Unterschied zwischen russisch-stämmigen, türkischen, libanesischen oder deutschen Jugendlichen aus derselben Sozialwohnungssiedlung.

5.) Welche Ansprüche stellen wir an einen Antirassismus, der an die Wurzeln geht. nach Jahrzehnten schwarzer Revolte in England wird der nunmehr verstaatlichte Antirassismus heute bereits als Standortvorteil gehandelt; die multi-ethnische Gesellschaft verkauft sich den supra-nationalen Konzernen als belegschaftsfreundliche Basis.

Noch tappen wir im Dunkeln, was sich in den neuen Bewegungen, in der Arbeit oder den Vorstädten bildet, erst recht wie eine Intervention und Bezugnahme aussehen könnte, aber es brennt uns unter den Nägeln, dies zu diskutieren und Antworten zu entwerfen.
Antirassismus-Büro Bremen

(vorgelegt auf dem KMII-Treffen im September 2000 *)

*) Die vorlegenden Gedanken sind aus der regional begrenzten Sicht und den Erfahrungen des ARAB seit 1990 entstanden, - andere Gruppen haben ihre eigene Sicht auf die Dinge. Weiterführende Diskussion siehe allgemein: Materialien für einen neuen Antiimperialismus, 1988 ff.; Hefte der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration, Berlin; und http://www.materialien.org sowie http://www.antirassismus-buero.de
 

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