DIE ZEIT *43/2003*

Kalifornien

Weißer Hass und dunkle Träume

Gestresster Mittelstand: In Arnold Schwarzenegger haben die kalifornischen Bürger den Helden ihrer Machtfantasien gefunden

Von Mike Davis

In Kalifornien heulte der Mob und brachte am Potomac die Fenster zum Klirren. Werden die Barbaren jetzt wieder gen Osten marschieren – wie in den späten Siebzigern nach Inkrafttreten der berühmten Steuerreform? Oder haben wir es nur mit einer weiteren Vollmondverrücktheit der Westküste zu tun, ohne große Auswirkungen für die Nation? Die tiefere Bedeutung von Arnold Schwarzeneggers Triumph des Willens hängt davon ab, wie man die Unzufriedenheit der Bevölkerung interpretiert, die bei der Abwahl des Gouverneurs Davis für den emotionalen Zündstoff sorgte. Die Analyse dieser Wahl ist ein Abenteuer, sie hat es mit bestürzendem Widersinn und Widersprüchlichkeiten zu tun; doch gibt sie vielleicht einen Ausblick auf die zukünftige Landschaft der amerikanischen Politik.

Die harten Befürworter einer Zero-Government-Ideologie und eines McKinsey-Kapitalismus feiern die Abwahl von Gouverneur Gray Davis als neue Volksrevolution im Geist von Howard Jarvis, dem Initiator der berühmten Proposition 13 im Jahr 1978, einer direkt demokratisch beschlossenen Gesetzesinitiative zur Halbierung der Steuern. Sie wiederholen die Behauptungen der örtlichen Republikaner, ein bestechlicher demokratischer Gouverneur habe zusammen mit Gewerkschaften und Sozialhilfeempfängern der freien Wirtschaft den Saft abgedreht und die hart arbeitende Mittelschicht mit ungerechten Steuererhöhungen in den Nachbarstaat Arizona getrieben. Gray Davis ist für sie, kurz gesagt, der Antichrist, der im Namen seiner habgierigen Wählerschaft aus Lehrern, illegalen Einwanderern und reichen Indianern den goldenen kalifornischen Traum zerstört hat. Der Terminator musste also an die Macht, um Kalifornien vor dem Abgrund nie endender Steuern zu retten.

Eskalierende Furcht vor den mexikanischen Einwanderern

Von außen betrachtet, scheint das lächerlich. Davis hat Kalifornien in den letzten fünf Jahren wie ein guter Republikaner regiert. In der Finanzpolitik, im Gefängnis- und Bildungswesen wie auch beim Ölen des Industriegetriebes wich er nicht weit vom Kurs seines republikanischen Vorgängers Pete Wilson ab. Davis war ein derart begeisterter Gefängnisbauer und Unterzeichner von Todesurteilen, dass Verbrechen und Strafe den Rechten als Wahlkampfthemen abhanden kamen.

Sollte die kalifornische Mittelschicht irgendeinen Grund zu der Annahme haben, in den letzten Jahren vergewaltigt und ausgeraubt worden zu sein, sind die Schuldigen in jedem Fall Schwarzeneggers graue Eminenz Pete Wilson, der mit der Privatisierung der öffentlichen Versorgungsbetriebe anfing, und Energiekonzerne wie Enron, von denen die kalifornischen Verbraucher während der vorgetäuschten Energiekrise von 2000/2001 ausgeplündert wurden. Es war die Bush-Regierung, die den bankrotten Regierungen von Staaten und Gemeinden in ganz Amerika nahe legte, sich „zum Teufel zu scheren“, während sie Milliarden US-Dollar in das von ihr selbst geschaffene schwarze Loch im Irak schaufelte.

Die Finanzkrise sollte eigentlich Wahlkampfthema der Demokraten sein. Seltsam also, dass zwei Drittel der Wähler im Megastaat entweder die heimliche Rückkehr von Pete Wilson wünschten, dem Hirn in Arnies Muskelpracht, oder für einen rechten Scharlatan stimmten: Tom McClintock. Das sind Wahlergebnisse, wie man sie eher aus den traditionellen Hochburgen der Grand Old Party erwartet, aus Idaho oder Wyoming, aber nicht von der viel gepriesenen Links-Küste.

Wirft man einen genaueren Blick, wird die Abwahl der Demokraten noch merkwürdiger. Hier in San Diego, wo ich wohne und die Bewegung ihren Anfang nahm, profitierte Schwarzenegger von einer Unzufriedenheit, die aus dem Nichts zu kommen schien. Die Bürger müssen weder Zwangsräumungen über sich ergehen lassen noch die Milch für ihre hungernden Babys stehlen. Im Gegenteil: Der Wert eines mittleren Einfamilienhauses ist vergangenes Jahr um fast 100000 Dollar gestiegen, die Gegend wurde reichlich mit Pentagon-Dollars überschwemmt. Die Stadtautobahnen sind voll von Hummer-Trucks und anderen Megageländewagen; es ist ein Luxusleben, wohlversorgt von braunhäutigen Hilfskräften, das im Nachglühen von Bushs Steuersenkungen gedeiht. Und doch wurden die Vorstädte von San Diego wochenlang von Wut gegen das „satanische Regime“ in Sacramento geschüttelt. Umfragen direkt nach der Stimmabgabe zeigten, dass in San Diego wie in ganz Kalifornien die Unterstützung für Schwarzenegger p roportional mit dem Einkommen stieg und in Country-Clubs und bewachten Wohnanlagen am höchsten war.

Welche Erklärung gibt es für die erstaunliche Mobilisierung ausgerechnet der Wohlhabenden? In San Diego, meinem persönlichen Mikrokosmos, könnte man einen Teil der Antwort auf diese Frage bei einem Rundfunksender am unteren Ende der Mittelwellenskala finden. Roger Hedgecock, seines Zeichens „Rundfunk-Bürgermeister von San Diego“, ist der Chef von KOGO 600, jenem Sender, der sich bereits vor dem offiziellen Wahlkampfbeginn den stolzen Namen Radio Abwahl gab. Hedgecock, ein des Amtes enthobener Bürgermeister, der in den siebziger Jahren der Verschwörung und des Meineids angeklagt war, rühmt sich, den entscheidenden „Schub“ bewirkt zu haben. Republikaner bestätigen, dass er die einflussreichste Stimme in Südkalifornien war.

Von 15 bis 16 Uhr herrscht „Roger“, wie er gewöhnlich von seinen mehr als 300000 Stammhörern genannt wird, über den allnachmittäglichen Stau auf den Stadtautobahnen, der sich bis nach Santa Barbara erstreckt. Südkalifornien leidet unter der schlimmsten Verkehrsverstopfung des Landes, und die Pendlerfahrten sind eine dauernde Quelle zielloser Verärgerung. Hedgecock war der Wortführer der Weißen in ihren allradgetriebenen Dodge-Pick-ups und Ford-Geländewagen.

Zwei Jahrzehnte lang galt seine größte Wut der „braunen Gefahr“, der angeblichen „mexikanischen Invasion“ Kaliforniens. Er war 1994 ein Hauptinitiator der Proposition 187 gegen Einwanderung sowie der bürgerwehrähnlichen Proteste gegen illegale Grenzüberschreiter. Am Vorabend der Wahl bläute er seinen Hörern noch einmal ein, die mexikanische Bedrohung habe jetzt apokalyptische Ausmaße angenommen, da Gray Davis ein Gesetz unterzeichnet hatte, welches Einwanderern ohne Papiere die Erlangung eines Führerscheins ermöglichen sollte. „Das ist das Ende der amerikanischen Demokratie, das Ende fairer Wahlen“, wetterte er und fügte warnend hinzu, „Agenten in großer Zahl“ würden jetzt die neuen Führerscheininhaber anwerben, um mit Hunderttausenden illegalen Stimmzetteln Davis im Amt zu halten. Darüber hinaus müsse San Diego mit einer „Invasion“ von Gewerkschaftsvertretern aus Los Angeles rechnen, die sämtliche Plakate gegen D avis abreißen und überhaupt die Vorstädte terrorisieren würden. Roger forderte die Anwohner dringend auf, ihre Häuser zu verteidigen und den illegalen Einwanderern und L.-A.-Gewerkschaftern „im Geiste von 1776“ die Stirn zu bieten.

Während ich mir über mehrere Wochen Rogers Litaneien zu Gemüte führte – begleitet vom Chor der Hallelujas und Amens der Zuhörer an ihren Mobiltelefonen –, war das einzige Thema, das er annähernd so lautstark behandelte wie die illegale Einwanderung (und die „Chicano-Community“), die Anhebung der Steuer bei der Neuzulassung eines Autos. Hedgecock verschwieg, dass der automatische Anstieg dieser Steuer (zwei Prozent vom Kaufpreis) noch unter dem Republikaner Wilson beschlossen worden war. Stattdessen knüpfte er eine Verbindung zu den illegalen Einwanderern, „die den kalifornischen Staat fast genauso viel Geld kosten, wie das Defizit im Haushalt des Bundesstaates beträgt“. „So schlecht steht es um uns, /ladies and gentlemen“,/ wird er nicht müde zu beteuern. Autosteuern und „Wetbacks“ (beim heimlichen Durchqueren des Rio Grande nass gewordene mexikanische Arbeiter) sind seine ständigen Themen.

Über diesen Wahlkampf an der Basis, wo Tausende von Mini-Terminatoren aus ihren Löchern geholt wurden, berichteten die großen Medien nur höchst unzureichend. Sie zeigten einen überaus respektvollen Umgang mit dem wirtschaftlichen Populismus – und nur eine sehr vage Wahrnehmung der rassistischen Demagogie, obwohl Pete Wilson zum Beispiel mit seiner neuerlichen Beschwörung einer „braunen Gefahr“ zum meistgehassten Mann in den Latino-Gegenden Kaliforniens wurde. Um eine Rap-Zeile zu zitieren: /„It’s all about fear of a brown planet“/ – Es geht um die Angst vor einem braunen Planeten.

Die Erniedrigung anderer als tägliche Dosis in Radio

Tatsächlich aber geht es um mehr. Mit Arnold Schwarzenegger kommt zu den fremdenfeindlichen Stimmungen, die dann zur Proposition 187 führten, einer Volksabstimmung, die allen Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis den Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen verweigert, etwas Neues hinzu. Er ist kein weiterer Schauspieler, den es in die Politik zieht, sondern eine Projektionsfigur – sowohl als Filmfigur wie auch im richtigen Leben – für dunkle sexuelle Allmachtsfantasien.

Freude an der Erniedrigung anderer, Schwarzeneggers lebenslanger Drang, ist die Lehrbuchdefinition von Sadismus. Diese Freude gibt es als tägliche Dosis im Radio. Schwarzenegger ist der Prototyp jener kleinen Sadisten wie Hedgecock, die ihrerseits die Instinkte Millionen gut situierter, aber innerlich vom Stress zerfressener Pendler und Verbraucher mobilisieren. Mit imperialer Geste hat die überwiegend weiße Wählerschaft Kaliforniens eine autoritäre Persönlichkeit zu ihrem Erlöser gesalbt.

Das letzte Wort in dieser Sache gebührt Nathanael West. In seinem Klassiker /Tag der Heuschrecke /(1939) sah er voraus, dass eine gewisse Art der Heldenverehrung eine Vorform des Faschismus sei. Am Rande von Hollywoods Neonwüsten entwarf er schon das Bild vom unstillbaren Hunger des kalifornischen Kleinbürgertums: „Sie waren wild und verbittert, besonders die Älteren und die ganz Alten. … Ihre Langeweile wird immer schlimmer. Sie merken, dass man sie betrogen hat und brennen vor Wut. … Für sie kann nichts brutal genug sein, um ihre schlaffen Gehirne und Körper wieder zu straffen.“

/Mike Davis, geboren 1946, einer der bedeutendsten Stadtsoziologen der Vereinigten Staaten, lehrt an der University of California, Irvine. Seine bekanntesten Bücher sind „City of Quartz“ und „Ökologie der Angst“. Zuletzt erschien „Dead Cities“. Aus dem Englischen von Heide Sommer/